Gefährliche Routine am Hausberg
Kleiner Flug mit üblen Folgen
17. Juli 2006. Wunderbares Sommerwetter, mässige Bise und warme Temperaturen. Die ortsansässige Flugschule schult bereits am Brandberg. Ich beschliesse, einen Flug ab der oberen Wengi in Matzendorf zu machen. Drei Stunden später liege ich im Rega-Helikopter auf der Vakuum-Matratze im Anflug auf das Kantonsspital Aarau. Was ist schiefgelaufen?
Beat Fischler
Zu meiner
Person: 37 Jahre alt, seit 1992 Deltapilot, seit 1999 Gleitschirmpilot.
Flugerfahrung: Im Jahr ca. 150 Flüge. Fluggerät am Unfalltag: Skywalk Poison,
DHV 2-3 mit 35 Flügen Erfahrung auf diesem Gerät.
Das Fluggebiet kenne ich seit 1992, und ich habe sicher schon 200 Flüge von
diesem Startplatz gemacht – es ist quasi mein Hausberg. Und genau das wurde mir
zum Verhängnis. «Noch schnell ein Flug ab der Wengi; die Wengi geht fast immer.»
Flugvorbereitungen auf das Minimum beschränkt, und eindeutige Indikatoren nicht
beachtet. Im Nachhinein betrachtet habe ich sicher drei eindeutige
Gefahrenhinweise ignoriert. Ich hätte merken sollen, dass etwas nicht stimmt.
1. Es sind etwa 18 Piloten am Treffpunkt des Klubbusses, aber alle, ausser ich, gehen an einen anderen Startplatz. Warum wohl?
Am Starplatz zeigt der Windsack mal schön aufwärts, mal seitwärts Richtung Westen, mal hängt er schlaff herunter. Ich lege meinen Schirm aus und beginne meine Flugvorbereitungen.
2. Dass dies eindeutig Lee ist, habe ich wohl ignoriert. Es ist Lee, wie ich bald merke.
Erstes Rückwärtsaufziehen. Der Schirm kommt nicht schön, ist träge, und steigt trotz schönem Aufwind nur langsam hoch. Ich breche ab.
3. Ich sage noch zu meiner Frau: «Komischer Wind heute.» Merke die Gefahr aber immer noch nicht, obwohl sie doch so offensichtlich ist.
Ich starte, es
schüttelt mich und schlägt mich herum. 30 Meter über den Baumkronen, dann der
Klapper hangseitig. Den Klapper kriege ich noch hin, bin aber so tief, dass eine
Waldlandung unumgänglich wird. Schon knalle ich in die Baumkrone einer Rottanne,
federe daran zurück, ohne Halt zu finden und falle rückwärts aus 15 Metern
ungebremst auf den Waldboden. Der Schirm hängt nirgends an und liegt neben mir
auf drei Metern Höhe im Gestrüpp. Ich bin bei Bewusstsein, spüre starke
Schmerzen in der Lendengegend, ansonsten bin ich wie durch ein Wunder
unverletzt. Ich bleibe liegen und alarmiere mit meinem Telefon.
Es folgt eine aufwändige Rettung vieler Helfer und der Rega mit Seilwinde. Zwei
Stunden später liege ich bereits bestens umsorgt im Kantonsspital.
Diagnostiziert wird ein Bruch des Wirbelkörpers am fünften Lendenwirbel. Mit
einem Korsett ausgerüstet kann ich das Spital bereits zwei Tage später wieder
verlassen. Riesenglück gehabt!
Fazit: Drei Monate Korsett tragen, Rückenschmerzen und der fade Nachgeschmack, es so richtig selber verbockt zu haben. Ich werde sicher wieder fliegen, wenn ich wieder gesund bin. Aber ich werde auch am Hausberg die Flüge wieder so vorbereiten, wie jeder Flug vorbereitet werden sollte! Alle Faktoren einbeziehen, das Auge und die Sinne schärfen. Eines habe ich gelernt: Routine kann sehr schnell sehr gefährlich werden.