Dass man sich auf Europas grösstem Sandhaufen den Rücken brechen kann, hab ich gewusst. Aber nicht, dass ich dazu im Stande wäre. Dies sind einige Aufzeichnungen aus zwei Wochen in der Horizontalen.
Roland Mäder
Mit den nackten
Knien lehne ich gegen die Mauer des Balkons. Sie fühlt sich heiss an. Die
Lufttemperatur ist innert weniger Minuten um zehn Grad gesunken. Mein Rücken
schmerzt. Doch ich rühre mich nicht und starre durch die Regenschwaden hinüber
zum Berg. Dort spielen Fünf mit ihrem Leben. Noch fliegen ihre bunten
Gleitschirme im abendlichen Sonnenschein. Aber sie sehen die Regenwand, die über
Interlaken steht. Da verliert einer die Nerven, fliegt vom Berg weg, spiralt
runter. Die Böen packen ihn. Er verschwindet hinter einem Hügel, gnädiger
Vorhang vor dem grässlichen Schauspiel.
Durch das Tosen des Windes in den Parkbäumen weht die Sirene der Ambulanz davon.
Die Kaltluft greift den Berg hinauf. Die Tuchflieger haben dem nichts
entgegenzusetzen, verschwinden in die Seitentäler. Ich wende mich ab und gehe
zurück ins «Herrensääli», wie hier im Spital Interlaken das Eckzimmer im
Obergeschoss des Südflügels genannt wird. Unser letzter Zugang in Bett 6 hat
sich den Fernseher an seinem unförmigen stählernen Schwenkarm vors Gesicht
gezogen. Ich sehe nur die Rückseite des Gerätes. Darauf ein grosser
Reklamekleber: Showtime!
In meinem Bett Nummer 3 liege ich still und warte. Immer spärlicher werden die
Böen, die durch die offenen Fenster die stickige, feuchte Luft im Zimmer nur
unzulänglich hin- und herbewegen. Am Tunnelportal der N 8, jenseits des Tales,
schwillt das Heulen der Ambulanz an – immerhin, der Kollege lebt noch. Dann ist
es wieder still. Der alte Mann in Bett 2, mir gegenüber, ein schattenhafter
Greis, der sich die Hüfte gebrochen hat, ist der einzige, der länger als ich im
Herrensääli liegt. Mit seiner tiefen, weichen Stimme haucht er in die Stille:
«Mutter, bist du da? – Muetti!» Dies ist meine vierzehnte und letzte Nacht im
Spital.
«Da haben
Sie aber Glück gehabt!» Ich nicke und hüte mich zu widersprechen. Ich
tendiere jedoch dazu, den Unfall unter Pech zu verbuchen. Dort, wo das Fliegen
so rein ist wie die erste Liebe, an der grössten Sanddüne Europas, an der
Atlantikküste Frankreichs, rase ich mit mörderischer Geschwindigkeit in eine
unscheinbare Sandrippe, die den Aufschlagwinkel nach meinem falsch berechneten
Vollkreis dramatisch erhöht.
Das ist der Beginn dieser unglaublichen Tage und Nächte unter Ausschluss der
dritten Dimension. Ich staune und staune, welche Ausmasse das Leben in der
Horizontalen in unserer Gesellschaft angenommen hat. Ausbalanciert in der
Waagrechten, in fliessenden Abläufen, unterteilt von rechten Winkeln, durchmesse
ich die Institutionen in Rückenlage. Zuweilen erliege ich der Wahnvorstellung,
dass es ein Leben in der Länge und Breite gibt, losgelöst von jeglicher
Realität, das auf den modernen Menschen eine gewaltige Anziehungskraft hat.
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Meine
Situation ist beinahe lächerlich. Ich habe keine Papiere bei mir, kein Geld,
keine Autoschlüssel. Ich kenne niemanden in dieser Ecke Frankreichs, wo ich
öfter mit dem Gleitschirm unterwegs bin. Eine Tragtasche aus Papier, mit meinem
Namen angeschrieben, enthält meine Habseligkeiten: meine Shorts in Kakibraun,
die Taschen voller Sand, und mein gebleichtes rotes T-Shirt. Den Gleitschirm,
das Gurtzeug und den Helm haben die Pompiers in die Zentrale in Pyla-sur-Mèr
mitgenommen, während mich der Heli von der Düne flog.
Am dritten Tag im Hopital Jean Hameau in Teste-de-Buch mache ich eine Szene. Ich
weiss, dass ich mir damit die Geringschätzung des gesamten Personals zuziehe.
Doch ich mag nicht mehr. Diese klebrige Matratze, in der ich förmlich versinke,
auf der ich 24 Stunden am Tag auf dem Rücken liege, dieser verfluchte Sand, der
trotz täglicher Wäsche – was für eine Wohltat! – scheinbar für immer auf meiner
heissen Haut klebt. Die Unsicherheit, wie meine Wirbel wieder Kraft erlangen,
wie schnell, in welchem Mass. Ich will heim zu Erika und zu den Kindern.
«Morgen um 17 Uhr holt Sie das Flugzeug auf dem Flughafen in Bordeaux»,
berichtet der Orthopäde endlich. Und wie um mir zu demonstrieren, wie fehl am
Platz meine weinerliche Szene war, eröffnet er am gleichen Nachmittag meinem
Zimmerkollegen, der vor zwei Tagen mit heftigen Rückenschmerzen ins Spital kam,
dass ein Krebsleiden seine Wirbelsäule angegriffen hat. Der 36-jährige Koch und
ich sprachen bisher wenig miteinander, obwohl wir, fast nackt in den Betttüchern
liegend, diese fürchterlich heissen Julitage und -nächte keine zwei Meter
voneinander entfernt durchlitten. Der Arzt geht. Es ist eine Weile still, bis
der Franzose fragt: «Haben Sie das gehört?» «Ja», sage ich. Seine Frau kommt,
die ebenso wie er ziemlich beleibt ist und hinkt. Er ruft seinen Chef an.
«Entweder verläuft die Behandlung erfolgreich, sonst bin ich in zwei, drei
Jahren ‚dans mes planches’», eröffnet er scheinbar kaltblütig dem Patron.
Zwei weitere Dinge haften mir im Gedächtnis, als ich 24 Stunden später in die
Ambulanz gerollt werde. Die Schmerzensschreie eines Kindes in den
nächtlich-stillen Gängen der Notaufnahme. Das karge Gesicht des Radiologen, der
brummt: «cassé, cassé, cassé».
Es hat
bestimmt nicht so sein sollen, dass ich an diesem Tag in diesen Sandhügel
fliege und mit dem 12. Brustwirbel den darunter liegenden 1. Lendenwirbel einen
Finger breit flach klopfe. Aber etwas hat nicht gestimmt an diesem Tag, an
diesem Sommer, an diesem Jahr. Dieses Jahr hätte ich schon das eine oder andere
Mal Gelegenheit gehabt, meinen Flugstil etwas anzupassen. Heute waren es
mindestens zwei Mal. Zuletzt, als ich beim Schulstartplatz reinlandete, um etwas
zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Als ich wieder abhob, wandte sich ein
älterer Tandempilot, den Passagier bereits eingeklinkt, mir zu: «Le casque»,
schrie er herauf. «He, junger Mann, der Helm!», insistierte er, als ich ein paar
Wing-Over einlegte. Und um seine Leithengst-Stellung zu demonstrieren, brüllte
er jetzt hinüber zur Hütte der Flugschule: «He, Jules, setz dem Typen einen Helm
auf!» In diesem Moment realisierte ich, dass meine Eintrittskante und ich in
zehn Metern Höhe senkrecht zum Strand hinab ausgerichtet waren, und ich keine
Ahnung hatte, ob das rumkam.
Später wanderte ich durch den duftenden Kiefernwald zum Parkplatz, wo mein Corsa
voll gepackt zur Abreise wartete und pellte meinen roten Kletterhelm aus dem
Packsack meines «guten» Schirms. Es war mitten am Nachmittag, und ich freute
mich auf eine weitere Runde unter dem Schirm.
Jeder Arzt, jeder Krankenpfleger, jede Krankenschwester hat eine bestimmte
Motivation, diesen Beruf auszuüben. Jede und jeder hat seinen idealen Patienten.
Zuweilen rätsle ich daran herum, ob wir Gleitschirmpiloten im Allgemeinen und
ich alter Esel im Speziellen in eines dieser Patientenmuster passe. Journalisten
und Mediziner haben eines gemeinsam: Sie nehmen für eine relativ kurze,
intensive Zeit Teil an einem Ereignis, das einen Menschen beschäftigt.
Ich sehe das im «Herrensääli» des Spitals Interlaken, Zimmer 161 der
Orthopädischen Station. Sechs Betten, mindestens sechs gleiche oder verschiedene
gebrochene Knochen, sechs Namen, vom Personal vertraulich laut in den Raum
gesagt: «So, Herr Bohren…», «Herr Niederbauer!» Sechs Gerüche, ein nächtliches
Sextett an Geräuschen. Täglich fährt mindestens einer raus und ein Neuer rein.
Drei-Schichten-Pflege, Visite, Chef-Visite mit grossem, hochkonzentriertem
Gefolge. Sechs Schicksale, sechs Leidensstufen.
«Wenn Sie sagen müssen, auf einer Skala von 1 bis 10…» Horst, der Horrorunfall
vom Susten: «Eineinhalb», nuschelt er mit seiner
Schoko-Mediflash-Vorarlbergerstimme. Spät Abends wird er noch mal im Bett
rausgefahren, damit er rauchen kann. Ich bin seit Tagen auf den Beinen und gehe
mit. Ich werde hellhörig, als er mich fragt: «Ich hatte doch einen
Motorradunfall, oder?» Dosiert einfühlsamer Einsatz der Nachtschicht. Eine
Stunde später hat Horst sich wieder im Griff. Morgens um sechs holt ihn die
Ambulanz für die Fahrt nach Österreich.
Was wohl aus dem Mann geworden ist, den meine Ambulanz-Fahrer haarscharf vor dem
Tod bewahrt haben? Aber das ist eine andere Geschichte. Ich freue mich auf den
Tag, an dem ich nicht an mich denke, an die Eisen rechts und links an meiner
Wirbelsäule. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder gut. Ich hätte Lust, nach
Villeneuve zu fahren, sogar saumässig Lust!