Übers Kreuz die falsche Hand
Der Albtraum-Start und seine Folgen

Strahlend blauer Himmel, der erste frühe Schnee liegt auf den Gipfeln. Die Alpen sind wirklich ein Traum! Ich geniesse die Sicht auf den sich verfärbenden Wald am Fusse des Jakobshorn.

René Lang

Im Hintergrund werden die weissen Gipfel des Rinerhorn von der ungetrübten Sonne angestrahlt. Das Landwasser fliesst ruhig durch die abgeweideten Wiesen, die zu idealen Landeplätzen geworden sind. Es ist herrliches Flugwetter. Einzelne farbige Tupfer gleiten über den wolkenlosen Himmel und suchen nach der spärlichen Thermik. Mit der SHV-Nr. 3828 gehöre ich zur älteren Generation von Gleitschirmpiloten. Mein Brevet habe ich am 13. Dezember 1987 auf der Ebenalp gemacht. 1989 folgte das Biplacebrevet, und 1991 absolvierte ich die Ausbildung zum Fluglehrer SHV. Von 1992 bis 2002 durfte ich für den SHV im Auftrag des BAZL als Experte selber Gleitschirmprüfungen abnehmen.
Obwohl ich heute nicht arbeite, bleibe ich im Bett liegen. Es ist ein elektrisch verstellbares Bett mit jedem Komfort und vorzüglichem Service. Ich schaue aus dem Fenster des Regionalspitals in Davos. Vor genau 72 Stunden wurde ich durch die Rega, zusammen mit meinem 13-jährigen Sohn André, hier eingeliefert. Der Flug mit dem Heli dauerte nur zwei Minuten; vom Brämabüel nach Davos.

Eigentlich ideal
Auch am Montag vor drei Tagen war ein idealer Flugtag. Die Parsennbahn hatte am Vortag die Sommersaison abgeschlossen. So entscheiden wir uns, einen Tandemflug vom Jakobshorn zu machen. Schon vor 10 Uhr erreichen wir mit der Seilbahn den Gipfel. Der Windsack am Startplatz hängt schlaff an seinem Gestänge, dann leichter Südwestwind auf dem Gipfel. Da wir nur einen Flug machen wollen und viel Zeit haben, wandern wir über den Grat zum Brämabüel. Doch auch hier nur schwacher Wind aus Südost. Eigentlich ideal für einen Start 50 m vor dem offiziellen Startplatz bei der Skiliftstation. Wir legen den Schirm aus und hoffen auf stärkeren Wind, denn der Geländeabsatz einige Meter tiefer kann nur überflogen werden, wenn man rasch in der Luft ist. So sitzen wir da und geniessen diesen herrlichen Tag und diskutieren über Schule, Fliegen und vieles mehr. Von hier haben wir ideale Sicht auf den Windsack auf dem Jakobshorn. Inzwischen ist dort der Wind stärker; wir machen uns startklar. Bei uns bleibt es jedoch fast windstill, kein Grashalm bewegt sich. Bald ist es Mittag, also Zeit für den Talwind, der dem offiziellen Startplatz den gewünschten Wind bringt. Also nehmen wir unsere Siebensachen und legen erneut aus, direkt auf den Spuren der Gleitschirme vom Vortag. Auf dem 2 km entfernten Davosersee sind allerdings die erwarteten Wellen nicht zu sehen. Der thermische Wind scheint sich trotz intensiver Sonneneinstrahlung zu verspäten. Inzwischen zeigt meine Uhr schon über halb eins, als wir auf dem Jakobshorn einen Gleitschirm in westlicher Richtung starten sehen. Ein Blick auf den dortigen Windsack bestätigt, dass der Wind um 180 Grad gedreht hat. So rekognoszieren wir den westlichen Hang vom Brämabüel, wo wir auch vom Wind her einen idealen Startplatz finden.

Biplacepilot René Lang mit seinem Sohn André.
 

    

    

«Instinktiv Gegenseite gebremst.» Folgen: Gebrochenes Schien- und Wadenbein.
 

Dann hört das Rumpeln auf
So zügeln wir ein zweites Mal zum dritten Startplatz. Der Wind kommt gleichmässig den Hang hinauf, sodass ich den Schirm mit Hilfe des Windes ideal auslegen kann. Wir schnallen uns an, und ich mache, wie bei Biplaceflügen gewohnt, laut den Fünfpunktecheck. Nach meinem «Achtung, fertig, los!» ziehen wir langsam, fast im Stillstand, unseren Schirm hoch. Es sollte unser 173. gemeinsamer Flug werden. Doch der Schirm schert leicht nach links aus, und ich müsste durch Unterlaufen korrigieren. Links von unserer Luftlinie sind aber Unebenheiten, die mich veranlassen, den Start abzubrechen. So legen wir etwas weiter rechts den Schirm wieder aus, für den nächsten Startversuch. Die Flugverhältnisse sind unverändert optimal. Auch bei diesem Startversuch zieht der Schirm nach links, doch ist er, dank dem Wind, schon fast flugfähig. Mein Sohn mit seinen 35 kg hängt sowieso schon in der Luft. Also unterlaufe ich den Schirm nach links. Vielleicht konzentriere ich mich zu stark auf den Schirm und sehe am Boden ein unbekanntes Hindernis nicht. Plötzlich dreht es uns um 180 Grad, und ich falle hangabwärts auf den Rücken, der aber gut geschützt ist. Mein Sohn als Passagier liegt rücklings auf meinem Bauch und ist so durch mich geschützt. Es bleibt mir keine Wahl! Ich versuche aus dieser Lage heraus, in die Luft zu kommen, was auch sehr rasch gelingt. Dann bemerkte ich, dass der Schirm auf der von mir aus gesehenen linken Seite eingeklappt ist. Es besteht die Gefahr, dass der Schirm gegen den Hang zurückfliegt. Ich versuche das zu korrigieren, indem ich mit der gegenüberliegenden Hand leicht an der Bremse ziehe. Fast im selben Moment verspüre ich einen harten Aufschlag, und wir überpurzeln uns den Hang hinunter. «Lass uns bloss stoppen, bevor weiter unten die Felsen kommen», ging es mir durch den Kopf. Zu anderen Gedanken und Taten war ich nicht mehr fähig. Dann hört das Rumpeln auf, und der Gleitschirm geht sanft zu Boden. Doch nun schreit André – aus Schmerz oder Schock? Es gelingt mir rasch, ihn zu beruhigen. Nur so kann ich eruieren, ob er verletzt ist. Er spürt alles und kann sich frei bewegen. Er klagt nur über leichte Schmerzen in den Knien. Bei mir selbst stelle ich rasch fest, dass das rechte Bein oberhalb des Knöchels gebrochen ist.

Auf der Bahre
An einen selbständigen Abstieg, in welcher Form auch immer, ist nicht zu denken. Schon lange habe ich es zur Gewohnheit gemacht, mein Handy im Gleitschirmanzug griffbereit zu verstauen. Auch mein Passagier ist immer darüber informiert, denn es könnte ja sein, dass ich selbst nicht mehr zum Telefonieren fähig bin. Doch heute kann ich aus eigener Kraft die Nummer 1414 der Rega einstellen. Ich habe selbst schon für den Film «Fly like a bird» in der Regazentrale filmen dürfen. So weiss ich jetzt genau, dass im ganzen Raum rote Blinklichter aufleuchten, die anzeigen, dass ein Notruf eingeht. Dann nimmt eine der im Einsatz stehenden Personen den Anruf entgegen. Bei mir ist das Herr Moser. Sachlich versuche ich, ihm meinen Namen durchzugeben und die Situation zu schildern. Auch er ist der Meinung, dass nur eine Rettung per Hubschrauber sinnvoll ist. Er erkundigt sich nach Landemöglichkeiten, und er verspricht, dass der Heli in ca. 15 Minuten eintrifft. Diese Zeit nutzen wir, um liegend das ganze Material, insbesondere den Gleitschirm, in die Rucksäcke zu verstauen. Für den Heli wäre sonst ein Flug in unsere Nähe unmöglich. Obwohl wir mitten im Steilhang liegen, schwebt knapp 15 Minuten später der Heli eng am Hang, sodass die mitfliegende Ärztin aussteigen und zu uns gelangen kann. Nach den üblichen Abklärungen werde zuerst ich und dann André zusammen mit der Ärztin an der Seilwinde dorthin zurückgeführt, wo wir 30 Minuten vorher gestartet sind – ein Höhenunterschied von 20 Metern. Dann landet der Heli sanft neben uns, und wir können einsteigen. André auf einen Sitz, ich auf die Bahre. Kurze Zeit später sind wir in der Notaufnahme des Spital Davos.

Alpentraum oder Albtraum?
Wurde nun aus unserem Alpentraum ein Albtraum? Ich glaube nicht! Es ist mir bewusst, was alles in einer so unkontrollierbaren Situation hätte passieren können. Ich bin glücklich und danke Gott, dass André nur Prellungen an beiden Knien hat. Bei mir ist das Schienbein und das Wadenbein gebrochen – morgen werde ich operiert. Zum Schluss bleibt die Frage: Warum hat der Schirm so reagiert und ist nicht geradeaus geflogen? Ich flog rückwärts und sah so links von mir die rechte Seite des Flügels eingeklappt. In dieser Notsituation habe ich instinktiv auf der Gegenseite gebremst. Dies war jedoch meine rechte Hand und somit übers Kreuz wieder die rechte Seite des Schirms. Nun ist klar, was passieren muss. Trotz grosser Erfahrung ist mir dieser grobe Fehler unterlaufen. André hat mir verziehen; er möchte mit mir nach meiner Genesung diesen 173. Flug nachholen. Wir freuen uns beide darauf!

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