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Michi Brunner

Neues Unfallprotokoll

Mit der bisherigen «Hängegleiter-Flugunfallmeldung» war keine vernünftige Auswertung möglich. Das wird geändert. Ziel ist, alle Pilotinnen und Piloten von den Erkenntnissen aus Fast- und Ganz-Unfällen profitieren zu lassen. Nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit.
In der Mitte beinah jeder Ausgabe des «Swiss Glider» befand sich eine «Hängegleiter-Flugunfallmeldung». Das bleibt auch in Zukunft so. Nur wurde jetzt das Formular vollständig überarbeitet und kommt aussagekräftiger daher. Als Grundlage für die Auswertung von Hängegleiterunfällen eignete sich nämlich das bisherige Formular nur bedingt. Und weil der Rücklauf der Formulare miserabel war, konnte man auch rein von der Datenmenge her keine Schlussfolgerungen ziehen. Von einer Aufklärung über gefährliche Schwachstellen gar nicht zu sprechen.
Mit dem Problem stehen wir in der Schweiz allerdings nicht allein da. Unsere Nachbar-Verbände kämpfen mit derselben Misere. Nun pflegen in den letzten Jahren die Verbandsspitzen der europäischen Hängegleiter-Verbände einen engeren Kontakt. Bisheriger Höhepunkt war die Gründung des Europäischen Hängegleiter-Verbandes Ende Januar. Mit der engeren Zusammenarbeit beschlossen auch die Sicherheitsverantwortlichen der verschiedenen Verbände, ihre Probleme koordiniert zu lösen. In der Schweiz befassten sich mit dem Problemkreis auf Stufe Vorstand Martin Kinzl und auf Stufe Geschäftsstelle Michi Brunner. Ziel war, eine möglichst aussagekräftige Gesamtstatistik zu erstellen und die Unfallprävention zu verbessern – mit entsprechenden Konsequenzen für die praktische und theoretische Ausbildung, für das Material und die Information. Ein Gespräch mit Michi Brunner.

 

Auch von glimpflichen Unfällen lernen

«Swiss Glider»: Pro Jahr erhält der SHV 40 Unfallmeldungen. Die Suva hingegen registriert beinah 500 Unfälle. Eine grosse Diskrepanz.
Michi Brunner: Das kann man so sagen.

Füllen so wenige Piloten das Unfallprotokoll aus oder werden der Suva viele Unfälle als angebliche Hängegleiterunfälle untergejubelt?
Dazu muss man etwas zur.. Suva-Statistik sagen. Die Suva rechnet die Zahlen aus einer 5-%-Stichprobe hoch. Da ist eine gewisse Fehlerquote gegeben; aber ich kann nicht sagen, wie viel.

Die schweren Unfälle landen bei der Suva und die Bagatellen nicht?
Bei der Suva landen zumindest diejenigen Unfälle, die einen Arztbesuch zur Folge haben. Wir möchten aber auch von denjenigen Kenntnis haben, die glimpflich ausgehen, bei denen du am Landeplatz sagst, «läck», jetzt hatte ich aber Schwein.

Man will also «Unfälle» auswerten, bei denen überhaupt nichts passiert ist?
Unter Umständen ja. Zum Beispiel, wenn du in der Vrille bis kurz vor den Boden geflogen bist und sie dann irgendwie ausleiten konntest. Daraus lernst du mindestens so viel wie bei einem Crash in den Boden. Weitere Beispiele sind Sackflug, Kollisionen ohne Folgen, Baumlandungen, Leinenrisse und Rettungsgerät-Öffnungen inklusive Fehlöffnungen. Auf Englisch heisst das «Incident». Auf Deutsch fanden wir kein Wort; vielleicht «Vorfall». Die Deutschen sagen «Störung» – für uns ziemlich exotisch.

Wer einen Unfall baut, ist genügend mit sich selber beschäftigt. Warum sich zusätzlich mit einem Formular abmühen?
Damit auch ein anderer daraus lernen kann. Der Verunfallte selber hat ja hoffentlich die Lehre gezogen.

Sieht man alte Unfallprotokolle an, lässt sich bei den Ursachen überhaupt kein roter Faden erkennen. Erwartest du jetzt bessere Resultate?
Wird mehr ausgefüllt, erwarte ich bessere Resultate. Das neue Formular ist detaillierter. Da erhalten wir mehr Facetten. Und wir bringen es gesamteuropäisch auf einen Nenner. Vielleicht gibt es so verlässliche Aussagen z.B. über die Schutzfunktion des Protektors. Die deutsche Statistik kann dazu nämlich keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Und die Engländer beobachten, dass die Piloten mit Protektoren nicht mehr auf den Beinen landen, sondern auf dem Hintern, und die Rückenverletzungen deshalb nicht abnehmen. Das alles soll jetzt statistisch untersucht und ausgewertet werden können.

Offensichtlich besteht das Problem mit Unfallprotokollen nicht nur bei uns.
Das besteht auch in anderen Ländern. Zum Teil ist dort das Ausfüllen sogar obligatorisch, aber es gibt trotzdem keinen statistisch ausreichenden Rücklauf.

Die neue Flugunfallmeldung ist ein standardisiertes, europäisches Formular. Findet auch der Holländer in seinem Protokoll einen Punkt «Föhneinfluss» zum Ankreuzen?
Wenn er in Holland bei Föhn geflogen ist, hat er aber beschissen. Die Holländer sind zur Zeit noch nicht dabei. Das Unfallformular beschränkt sich momentan auf unsere Nachbarländer, England, Schweden und Norwegen.

Das soll aber ausgebaut werden?
Ja.

Wo wird koordiniert?
Im Moment werden die Daten von Martin Jursa in Deutschland koordiniert und ausgewertet.

Wann sind erste Ergebnisse zu erwarten?
Frühestens Anfang nächstes Jahr. Vor allem müssen wir die Fluggewohnheiten des durchschnittlichen Piloten erfassen, um die Unfälle ins richtige Verhältnis zu setzen. Sonst wird die statistische Aussage sein, dass die meisten Unfälle mit einem Schirm DHV 1-2 passieren. Setzt man diese Aussage in Relation zur Zahl der Piloten, die mit einem DHV-1-bis-2er in der Luft sind, werden die Unfälle im Verhältnis weniger.

Eine Frage zum Ausfüllen. Wer kreuzt schon gern etwas an wie «Einflug in Wolke» und gibt damit zu, kein sonderlich guter Pilot zu sein. Wie vertraulich werden die Daten gehandhabt? Konkret, wenn eine Versicherung nachfragt, gibt der SHV Auskunft?
Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun. Wir brauchen den Namen des Piloten nur für eventuelle Rückfragen zur korrekten Erfassung unklarer Aussagen. Sonst interessiert uns der Name überhaupt nicht. Die Versicherungsmeldeformulare laufen gänzlich getrennt.

Ziel ist die Unfallprävention. Da drängt sich doch eine Plattform im Internet geradezu auf?
Das wäre anonym und schnell. Ist in Planung. Ein paar technische Fragen sind noch offen.

Wer ist beim SHV Ansprechpartner für die Unfallprotokolle?
Mein Nachfolger Christian Rütti, Telefon 01 387 46 80.

Interview: Thomas Oetiker 

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