Gleitschirmtest im Windkanal
Die nasse Gefahr
Sie lauert bei Regen, die Sackfluggefahr,und wurde unterschätzt. Heinz Götte erlebte sie im Massstab 1 : 1, kam aber mit Glück und Airbag heil davon. Manfred Kistler und Ralf Grösel, Entwickler von Skywalk, testeten im Massstab 1 : 2. Sie quälten ihre Modelle im Riesenwindkanal von Daimler-Chrysler und schauten, was so alles passiert.
Wo sonst nur moderne PKW und
LKW der Firma Daimler-Chrysler auf ihre Windschlüpfrigkeit vermessen werden,
waren im Herbst 2001 ganz andere Objekte zu Gast: Skywalk, der neue, deutsche
Hersteller von Gleitschirmen (www.skywalk.info), Kites und Spezialspinnakern mit
Sitz in Grassau am Chiemsee, konnte dank des guten Kontaktes zu den
Daimler-Leuten mehrere Stunden lang Gleitschirme und Kite-Prototypen in allen
denkbaren Konfigurationen vermessen. Warum der grosse finanzielle Aufwand für so
einen gewaltigen Windkanal? Nun, ein Stoffflügel wird zusammengenäht. Dabei
entstehen zwangsläufig Falten, weil sich das Material gegeneinander verschiebt
und gerade Teile (z.B. Obersegelbahn) mit einem gekrümmten Teil (Profil)
miteinander verbunden werden. Diese Nähfalten sind, egal in welchem Massstab man
den Gleitschirm näht, annähernd gleich gross. Der Einfluss der Falten auf die
Strömung nimmt aber in dem Mass zu, wie man den Gleitschirm verkleinert. Das
heisst schliesslich: je kleiner der Schirm, desto weniger aussagekräftig die
Ergebnisse!
Auch die Oberfläche des Stoffs sowie die Leinen
müssten dem Modell entsprechend skaliert sein, und hier stösst man sehr schnell
an die Grenzen der Machbarkeit. Was beim starren Flugmodell noch kein Problem
darstellt, ist beim Gleitschirm nicht lösbar. Skaliert man den Massstab
herunter, auf sagen wir 1:5 (dann hätte der Gleitschirm immer noch mehr als
2 m Spannweite), dann muss man, um die Messungen vergleichen zu können,
auch die Geschwindigkeit des Luftstromes um den Faktor 5 erhöhen. Das heisst in
diesem Fall von 37 km/h (angenommene Trimmgeschwindigkeit) auf 185 km/h! Auch
hier können viele Windkanäle von Universitäten oder Fachhochschulen nicht mehr
mithalten. Weil aber die Verformung an den Profilen sehr interessiert, verbietet
sich der Einsatz starrer Modelle.
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Wirbelbildung am Flügelende,
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Wollfäden zur Visualisierung von Strömungsablösungen. |
Turbine des Windkanals. |
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Angelegte Ohren. |
Eingeklappter Gleitschirm. |
Angelegte Ohren – Auftriebswerte. Linke Zahlenreihe (Ordinate): Auftrieb in N. Untere Zahlenreihe (Abszisse): 1: v = 40 km/h, 2: v = 40 km/h (angelegte Ohren), 3: v = 60 km/h, 4: v = 60 Km/h (angelegte Ohren). |
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Manfred Kistler und Ralf Grösel: Vorbereiten eines Modells. |
Induzierter Randwirbel, Aussenansicht. | Schirm angebremst: Bild von oben. |
125-m-Windkanal
Der Daimler-Chrysler-Windkanal hat beeindruckende Dimensionen: Länge 125 m,
Querschnittsfläche der Düse 32 m2, Antriebsleistung 5000 kW (6800 PS), maximale
Windgeschwindigkeit 250 km/h, Luftmenge 9000 m3. Auch sonst: Alles nur vom
Feinsten. Die Luftgeschwindigkeiten können auf 0,1 km/h genau geregelt werden.
Rauchsonden ermöglichen eine ideale Beobachtung von Luftströmung und
Wirbelausbildung, ein schwarzer Fotohintergrund kann bei Bedarf von der Decke
gelassen werden, begehbare Bühnen ermöglichen Fotos von oben.
Der Gleitschirm wird an einer 6-Komponenten-Waage befestigt, und sämtliche
Kräfte werden ans Rechenzentrum übertragen, wo die computergestützte
Datenspeicherung und Auswertung stattfindet. Aussergewöhnlich gut sind in diesem
Kanal auch die Strömungsverhältnisse. Das heisst, es treten sehr wenig
Verwirbelungen auf, die vergleichende Messungen erschweren.
Versuchsmodell
Die Entscheidung fiel auf einen Gleitschirm im Massstab 1:2, weil die Kappe
dann noch weit genug von den Kanalwänden entfernt ist (andernfalls kommt es zu
Verfälschungen durch Turbulenzen an den Wandungen), der Zellabstand und die
Faltenbildung aber noch wie bei einem modernen Hochleister in Originalgrösse
sind. Als Basis für die Windkanalmodelle diente der mitten in der Entwicklung
steckende Skywalk Intermediate «Hype». Die Messmodelle hatten eine Spannweite
von ca. 6 m und eine Leinenlänge von 3,7 m. Die Leinen wurden, um dem
Skalierungsmassstab gerecht zu werden, aus 1 mm Dyneema (Stammleinen) bzw. 0,6 (Intermediate-Leinen)
und 0,4 mm Dyneema (Topleinen) gefertigt.
Problemstellung
Die Entwickler bei Skywalk, Manfred
Kistler und Ralf Grösel, hatten sich im Vorfeld der Messungen einige Versuche
und Problemstellungen zurechtgelegt:
Vergleichbarkeit von Computersimulationen und Strömungsrealität. Können Gleitschirme mit modernster Software hinreichend genau simuliert werden? Oder ist die Verformung im Flug doch grösser als gedacht?
Profiloptimierung im Anstellwinkelbereich und Untersuchung der Sackfluganfälligkeit.
Versuche mit Gewichtsballast auf der Kappe, um den Einfluss von Regen und dessen Wirkung auf den Anstellwinkel zu simulieren.
Anlegen der Ohren und damit Erhöhung des Anstellwinkels, Sackfluganfälligkeit.
Optimierung des induzierten Widerstandes am Flügelende.
Einklappversuche und Wiederöffnung.
Strömungsbeobachtung am kompletten Flügel. Zu diesem Zweck wurden die Schirme mit farbigen Wollfäden in Segelfliegermanier beklebt. Strömungsablösungen können so auch ohne Rauch erkannt werden.
Um dem Massstab gerecht zu werden, wurden Messreihen mit Geschwindigkeiten von 36 km/h bis über 70 km/h gefahren. Was fehlte, war die Möglichkeit, den Beschleuniger zu aktivieren. Das aber ist für den nächsten Termin bereits vorgemerkt.
Ergebnisse
Die vorher gemachten Profilberechnungen waren leider ungenauer als gedacht.
Die Abweichungen zu den erzielten Messergebnissen betrugen an die 20 %. Dies ist
wahrscheinlich auf die aus nächster Nähe sogar mit blossem Auge erkennbaren
Profilverformungen zurückzuführen. Auch der in der Simulation nicht
berücksichtigte Einfluss der Falten mag eine gewisse Rolle spielen. Eines wurde
allerdings auch deutlich: Die tendenziellen Aussagen aus der Simulation sind
richtig, vergleichende Beurteilungen sind also prinzipiell möglich.
Das Phänomen Sackflug haben wir ausführlich untersucht. Der Einfluss des Profils
mit seinen Parametern wie Nasenradius (Rundung des Profils direkt an der Nase),
Öffnungslage, Dickenrücklage (Lage der grössten Dicke bezogen auf Profiltiefe)
und so weiter ist geringer als angenommen.
Angelegte Ohren erhöhen die Nähe zum Sackflug ganz erheblich; das ist aus der
Praxis bekannt. Die auf das Ohrenanlegen folgende Anstellwinkelerhöhung mit
eigenen Augen zu sehen, ist allerdings beeindruckend, und es wird jedem klar,
dass die Gefahr des Strömungsabrisses vehement zunimmt. Bei optimierter Profil-
und Öffnungslagewahl sowie angepasster Position der Leinenaufhängungspunkte kann
die Grenze zum Sackflug allerdings weit in den «grünen Bereich» hinausgeschoben
werden. Beim «Hype» sind diese Werte entsprechend unseren Erfahrungen
berücksichtigt.
Interessant ist auch die Vergrösserung des Kappengewichts. Zu diesem Zweck
wurden variable Gewichtsauflagen mit Klett an verschiedenen Stellen des
Gleitschirms angebracht. Am empfindlichsten reagiert ein Gleitsegel, wenn das
Gewicht in die Nähe der Hinterkante rutscht (leicht erklärbar über einen
verlängerten Hebelarm). Ist das Gewicht in der Nähe des Profildruckpunktes
aufgebracht, verträgt es wesentlich mehr, bis sich der Anstellwinkel markant
erhöht. Umgerechnet auf einen «ausgewachsenen» Schirm reichen bei einem
Standardprofil und normaler Schirmauslegung 4 – 5 kg im hinteren Bereich des
Flügels (Oberseite), um den verbleibenden Steuerweg auf wenige Zentimeter zu
reduzieren! Dies verdeutlicht auch in der Theorie das, was wir seit längerem aus
der Praxis kennen: Wenn wir in einen Regenschauer einfliegen, erhöhen wir durch
die auftretende Gewichtszunahme, einmal durch schwerer werdendes, weil Wasser
aufsaugendes Tuch, zum anderen durch auf der Oberfläche im hinteren Bereich des
Flügels liegen bleibendes Wasser, die Sackfluggefahr erheblich! Unfälle von
Piloten, die im Regen flogen, gab es ja leider letztes Jahr einige. Der
verbleibende Steuerweg minimiert sich durch die Gewichtszunahme, die
Sackfluggrenze rückt gnadenlos näher. Bringt man noch mehr Gewicht auf, fällt
der Schirm ohne weiteren Steuerleinenimpuls in den Sackflug.
Die Versuche zum Einklappen haben einige wichtige Erkenntnisse zum schnelleren
Wiederöffnen gebracht. Da aber im Windkanal kein frei aufgehängter Pilot am
Schirm hängt, muss man mit der Übertragung auf den real fliegenden Schirm etwas
vorsichtig sein. Trotzdem, oder gerade deswegen, arbeiten wir mit Hochdruck an
einem kaum klappbaren Prototypen. Die ersten Ergebnisse aus dem Windkanal
stimmen optimistisch, das Einklappen eines Prototypen mit diesem Konzept war
unter den Bedingungen im Windkanal nicht möglich.
Optimal sind die Beobachtungsmöglichkeiten des Flügelrandwirbels; dieser ist ja
Ausdruck des induzierten Widerstandes, der einen erheblichen Einfluss auf die
Flugleistung eines Gleitsegels hat. Hier bietet ein Windkanal mit der exakten
Vermessung von Auftrieb und Widerstand sowie der sichtbaren Wirbelausbildung
mittels Rauchsonde überaus gute Voraussetzungen für erfolgreiche
Optimierungsarbeit.
Skywalk wird weiterhin Grundlagenforschung im
Windkanal betreiben. Die praktischen Versuche und die Auswertung der Ergebnisse
haben bereits neue Ansätze und Ideen produziert, wie Versuchsaufbau und Messung
das nächste Mal optimiert werden können. Sollte bei anderen Herstellern
Interesse an einer Zusammenarbeit bestehen, um die Wissensbasis auszuweiten,
dann sind wir dafür jederzeit offen.
Manfred Kistler
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Runter bei Regen |