Strömungsabriss über dem Landekreis
Ein Flugschüler ohne Ende

Ein bekanntes Phänomen: Stress an der Gleitschirmprüfung. «Nie mit der Brechstange fliegen. Nur die Brechstange hält – dein Körper nicht.» Dieses Fazit zieht Wisi Niederberger aus dem abrupten Ende seines missratenen Prüfungsflugs. Ein Lehrstück, nicht nur für Flugschüler.

Alois «Wisi» Niederberger

Mein Name ist Wisi; ich bin 53 Jahre alt – jetzt aber nicht gleich zur nächsten Geschichte weiterblättern; auch ein alter Sack kann was erzählen. Ganz kurz eine Einleitung: Mit 50 Jahren habe ich mir gesagt, auf meine noch verbleibende maximale Halbzeit will ich mir einen Bubentraum erfüllen – das Fliegen! Also meldete ich mich im Mai 2002 für einen Schnuppertag an. Dieser Tag blieb mir unvergessen, und ich sagte mir: Wisi! Das machst du! Ich bezahlte auch gleich die kompletten Ausbildungskosten ein.
Aber es nahte Unheil: Aus meinem Bauch mussten 80 cm Dickdarm entfernt werden. Nach dieser Reparatur war ich bald wieder der Alte... 2003 konnte ich meine Wohnung umbauen, auf deren Baubewilligung ich sehr lange gewartet hatte. 2004 endlich sollte mein Jahr werden. Aber nein, ich musste notfallmässig ins Spital. Bei den Halswirbeln c6 und c7 wurden mir zwei neue Carbon-Bandscheiben montiert. Zwei Monate später arbeitete ich wieder zu 100 Prozent. Schon wieder dem Teufel von der Schippe gesprungen! 2005 aber sollte – so Gott auch will – mein Jahr werden. Ich fragte bei der Flugschule nach, ob meine Einzahlung von 2002 eigentlich noch okay sei. Zu meinem Erstaunen sagte Hansruedi: «Kein Problem, komm einfach vorbei.» Nicht selbstverständlich.
15. Mai 2005: Unsere Gruppe ist mit Fluglehrer Marius am Übungshang. Da kommt es wieder, das unbeschreibliche Gefühl vom Fliegen! Hier natürlich nur als Hüpfer. Wie schön muss es erst da oben sein? Mein Entscheid ist gefallen: Ende 2005 bin ich brevetierter Gleitschirmpilot!
Der erste Höhenflug in Engelberg am Brunni ist das höchste der Gefühle – vorerst. Der Fluglehrer am Start ist die Ruhe selbst. Start, kein Problem. Und dann diese Aussicht auf das 800 Meter unter mir liegende Dorf. Fluglehrer Othmar am Landeplatz ist noch ruhiger und weist mich ein. Gute Landung. Adrenalin pur. Schirm falten und wieder hoch. Es reiht sich Flug an Flug. Am nächsten Wochenende ist ein Abendflug am Stanserhorn angesagt. Ich fliege immer noch Corrado. Siebter Flug, ich darf mitgehen, kein ganz einfacher Start. Und dann ein Flug – 50 Minuten! – als ich am Funk Othmar höre: «Wisi, komm runter, wir wollen Feierabend machen.» Unten angekommen sagt er mir: «Dir haben wir einen viel zu guten Schirm gegeben.» Damals wusste ich noch nicht richtig, was er damit meinte.
Nun geht die Post ab. Nach einigen Flügen mit verschiedenen Flügeln, die ich ausprobieren durfte, entscheide ich mich für den Mistral 3 von Swing. Start und hoch, genial, mein eigener Flügel! Diverse Tests unter Anleitung von Othmar. Landung, falten und wieder hoch. Zweiter Flug: Nun geht die Post ab – Thomas und ich drehen hoch wie die Cracks! Das erste Mal über dem Startplatz rauf auf 2400 Meter – unbeschreiblich! – bis uns dann Othmar wieder einmal unten sehen möchte. Nach einer Stunde und 25 Minuten. «Hei! Das ist besser als ein Orgasmus.» Neben mir tönt es unter einem Helm hervor, mit Simones Stimme: «Hee Wisi, was für einen Schirm fliegst du denn?»
Im September steht die Theorieprüfung ins Haus. Ich habe gelernt wie ein Verrückter und festgestellt: Also mit 53 Jahren geht das nicht mehr so einfach. Mit den erreichten 96 Punkten bin ich sicher keine Koryphäe, aber immerhin: im ersten Anlauf geschafft. Von diesem Zeitpunkt an befasse ich mich ein bisschen intensiver mit dem Termin der Praxisprüfung. Ich melde mich für den 10. Dezember an und bekomme unerwarteterweise auch das Aufgebot. Bei einer anderen Schule absolviere ich noch einige Gastflüge. Martin, der Fluglehrer, trägt immer wieder etwas fürs Gemüt bei, entgegen dem tierischen Ernst. Aber geflogen wird seriös. Ansonsten hört man am Funk. «Über den Mist, den du da zusammengeflogen bist, müssen wir uns ernsthaft unterhalten.» Auch ich vertiefe mich dann und wann mit Martin ins Zwiegespräch...
10.12.05 – Prüfungstag. Wir treffen uns im Restaurant Alpina. Anmeldung, Startplatz besichtigen. Die beiden Experten erklären uns das Prüfungsprozedere, und dann geht’s auf die Büelen. Erster Flug ohne Funk, wie damals bei der Autoprüfung. Zuerst schaue ich mir ein paar Mitstreiter an, dann... der erste Prüfungsflug: Start okay, Doppelkreis rechts, mein Problemfigürchen – Sch....e, Landung okay. Zweiter Prüfungsflug: Start okay, die «8» auch gut, Landung super. Dritter Flug: Start okay, Doppelkreis... nochmals Sch....e, Landung auch nochmals gut. Ich sehe den Experten mit dem Lernflugausweis zu mir in den Kreis laufen. Aber nicht mit dem ersehnten roten Stempel: «Sorry, 21 Sekunden.» Nun gut, auf ein Neues.

Immer aufmerksam, aber ohne Stress.
 

Erfahrungen sammeln bei unterschiedlichen Flugverhältnissen.
 

Konzentration vor der Landung.
 

Etwas hoch. Ich hänge mich, wenn immer möglich, an meinen Mistral. Da kommt einiges an Lehrreichem zusammen, seit meinen 70 Flügen bei der ersten Prüfung. Zum Beispiel: Ski-Start, Touch and Go, mit und ohne Ski; jede Erfahrung besser als die vorherige. Als ich die neue Bestätigung für die Prüfung am 18. März 06 bekomme, denke ich zuerst, das dauert ja ewig. Aber die Zeit vergeht buchstäblich im Fluge. Dann kommt der Tag X, und ich bin guten – besten – Mutes, dass ich den roten Stempel bekomme.
Anmeldung bei den Experten. Christian sagt noch: «Flieg mir aber diesmal nicht einen solchen Mist wie beim letzten Mal zusammen.» Abfahrt zur Büelen; alles wie am 10. Dezember. Und hoch geht’s; der Nebel hat sich inzwischen gelichtet. Ich lege meinen Schirm als Vierter aus und rufe Marcel. Den 5-Punkte-Check will er wissen. Alles i.O. «Wenn’s für dich passt, kannst du gehen.»
Start frei. Ich fliege zum vereinbarten Operationsgebiet für die Flugfigur – da kommt mir auf gleicher Höhe ein Heli entgegen. Ich schaue zum Landeplatz; mein Vorgänger ist direkt im Landeanflug. Ich warte, bis er am Boden ist. Sonst sagt Christian sicher, er habe die Figur nicht gesehen. Und dem Heli-Piloten wird’s auch egal sein, wenn ich geradeaus fliege. Dann Doppelkreis rechts – «hei, I got it», Abbauraum und landen. Zügiger Talwind – ich bin etwas hoch. Aber ein Fluglehrer sagte mir mal: «Du bist nie zu hoch». Also in die Eisen... Und wie ich in die Bremsen gehe. Ich stalle meinen Schirm genau über dem Zentrum des Landeplatzes, in vier Metern Höhe, was in mehrerer Hinsicht schlagartige Folgen hat: Erstens der Absturz, zweitens einen Knall auf meine Halswirbel und drittens das sofortige Ende der Prüfung. Ich versuche trotzdem noch, meine Freunde an der Prüfung zu unterstützen: Pierette, Patrik und Thomas schaffen es, Alex muss es, mit drei Doppelkreisen in 23 Sekunden, nochmals probieren.
Sonntag, 19. März: Halsschmerzen, schönstes Wetter. Ich muss den andern beim Fliegen zusehen. Gestallte Landungen (Abstürze) wird’s bei mir nie mehr geben! Und ich hoffe, auch bei keinem Leser dieser Geschichte. Am Montag bin ich wieder an der Arbeit – noch immer  ohne Flugbrevet, dafür mit Halsschmerzen. Mein Fazit aus diesem Prüfungsflug: Nie mit der Brechstange! Nur die Brechstange hält – dein Körper nicht.

Prüfungsstress aus der Sicht des Experten
Auf Teufel komm raus fliegen

Christian Markoff: War der Prüfungsstress schuld? Wisi Niederberger beschreibt ein Phänomen, das wir Prüfungsexperten leider viel zu oft sehen: Da wird gewürgt und auf Teufel komm raus geflogen; nur weil es eine Prüfung ist. Nur wegen der 125 Franken? Wisi ist kein Einzelfall – mitnichten. Beispiele gefällig? Einen Doppelkreis in 20 Sekunden zu fliegen, ist keine Hexerei. Dennoch braucht es eine gute Vorbereitung, viele Übungsflüge und gute Betreuung durch den Fluglehrer, der das Programm begutachtet und die Zeit genau misst. Am besten bewährt sich die Technik, bei der man nach rund 540° die Drehung verlangsamt, nachdrückt, und so den Schirm ohne Pendel sauber auf der Prüfungsachse stabilisiert. Viele Schüler haben Probleme mit der Dosierung des Bremsleinenzugs. Zu enge Kreise führen oft zu gewaltigem Pendel; für zu grosse Kreise reicht die Zeit nicht. Wir sehen an Prüfungen von drei statt zwei Kreisen in 20 Sekunden bis hin zu Doppelkreisen in 40 Sekunden eigentlich alles.
Die liegende «8» ist an und für sich wesentlich einfacher zu fliegen. Viele Prüflinge absolvieren diese Figur aber viel zu hektisch, obwohl die 30 Sekunden problemlos reichen. Insbesondere beim Übergang zwischen den Kreisen wird manchmal so hektisch reagiert, dass es zu einseitigen Strömungsabrissen und Vrillen kommt.
Der 30-m-Kreis ist sicherlich nicht immer einfach zu treffen. Die Korrekturmöglichkeiten mit 200°-Queranflugwiederholungen und S-Kurven werden aber zu oft nicht richtig eingesetzt, und es wird einfach an den Bremsen «gewürgt». Das ist für uns Prüfungsexperten eine extrem unangenehme Situation, weil wir das Unheil sehen kommen, es aber nicht verhindern können. Die Verletzungsgefahr bei einem Strömungsabriss ist enorm hoch! Wir können nur vor der Prüfung bei jedem Briefing an die Kandidaten appellieren, nichts zu tun, was sie nicht auch normalerweise tun, wenn keine Prüfung stattfindet.
Zurück zur eingangs gestellten Frage: Weil ich Wisi als Gastschüler schon vor den zwei Prüfungen kennen gelernt hatte, kann ich diese auch eindeutig beantworten: Ja, das war der Prüfungsstress. Sonst fliegt der Wisi nie so einen «huere Mist».

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