Ende der siebziger Jahre bis heute
Die Geschichte des Notschirms

Wir wägen seine Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Wir beschliessen, einen zu verwenden oder nicht. Wir finden ihn nützlich oder überflüssig. Dennoch: Der Notschirm bleibt unsere letzte Rettung.

In Zusammenarbeit mit Alain Zoller wird der "Swiss Glider" vier Artikel über den Notschirm publizieren – für Piloten und Hersteller eine Klarstellung zu einem mittlerweile unentbehrlich gewordenen Gerät.

Die ersten Rettungsschirme tauchten in den USA auf. Walter Lussi, Delta-Schweizermeister 1980 und Vize-Weltmeister 1981 in Japan, importierte ein erstes von Bill Bennett entwickeltes Modell. Im Frühjahr 1977 wagte er als höchstwahrscheinlich erster Deltist eine Notschirmöffnung über den Schweizer Alpen. An jenem Tag startet er zu einem Flug vom

Stanserhorn; nach ein paar Minuten läuft aber etwas schief und nun heisst es Notgriff ziehen. 200 Meter ab Boden wirft Walter den Pod quer zur Flugbahn weg. Der Notschirm öffnet sich ordnungsgemäss, aber Walter stösst das Trapez mit seinen Füssen nicht nach vorn. Der Boden kommt rasch auf ihn zu, und er kann den Flügel nicht mehr aufrichten. Fazit: Walter landet Kopf voran, bricht sich den Arm und zerstört das Trapez. Doch ein zukünftiger Schweizermeister lässt sich so schnell nicht entmutigen. Weitere Versuche folgen, und von nun an wird über den Notschirm diskutiert. Die Deltapiloten sind einsichtig und stimmen dem System nach ein paar Verbesserungen zu. Zehn Jahre später stellt sich das Problem mit dem Aufkommen der Gleitschirme erneut. Nun ist es Alain Zoller, der den ersten Versuch wagt, und zwar mit einem ausgeliehenen Delta-Notschirm, den er seitlich am Gurtzeug anbringt. Grösse der Kalotte 15m2, Länge der Leinen 6 bis 8 m. Die Öffnung erfolgt problemlos, doch das Landen hinterlässt ein paar Prellungen. Nun beginnt Alain mit der Entwicklung eines passenden Notschirms für Gleitschirme. Er wendet sich an Franco Kessel, der für den Fallschirmhersteller Parawing arbeitet. Und: "Wir haben uns für die Anpassung eines Rundkappenfallschirms entschieden. Da das Anbringen von Rettungssystemen bei den damaligen Gurtzeugen noch nicht vorgesehen war, mussten wir unser Paket mittels Frontcontainer an den Schraubkarabinern befestigen, d.h. wir mussten beim Lösen mit den Händen zwischen die Traggurten greifen."

Die Deltapiloten waren mit kleineren Notschirmen unterwegs. Für sie war die Öffnungszeit wichtiger als die Sinkrate. Zur Verbesserung der Stabilität und der Sinkrate braucht es jedoch für die Gleitschirme eine grössere Kalotte. Alain: "Zu Beginn hatten sie eine Fläche von 40 bis 45m2 für Soloschirme." Doch die damaligen Rettungssysteme waren aufgrund ihrer Grösse und ihres Gewichts nicht beliebt, und der hohe Preis begünstigte die Anschaffung auch nicht gerade. Zudem waren sie voluminös und taugten nicht viel. An den Wettbewerben wurde trotzdem augenfällig, dass sie Leben retten können. Die Hersteller erkannten die Marktlücke und begannen mit der Suche nach besseren Lösungen. Die Gurtzeuge wurden neu konzipiert, die Fläche der Notschirme verkleinert und leichteres Material verwendet. Dadurch verbesserte sich auch das Image des Notschirms. Trotz dieser Fortschritte führten Anfang der Neunziger Jahre einige Öffnungen zu Unfällen. Daraufhin arbeiteten mehrere Länder an einem Projekt zur Homologation, und es wurden Prüfstellen eingerichtet. Die Auswirkungen waren positiv. Das Mitführen von Notschirmen wurde auch von den Verbänden und Fachzeitschriften empfohlen. Hiermit wurde das Rettungsgerät im Hängegleitersport definitiv eingebürgert. Die Nützlichkeit des Notschirmes ist heute unbestritten. Und dies, obwohl nach wie vor kein Obligatorium besteht. Das Mitführen als präventive Massnahme wirkt beruhigend auf den Piloten, und ausserdem hat sich der Notschirm schon vielfach bewährt.

In der nächsten Nummer: Richtige Handhabung des Notschirms.

Frédéric Lovis

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