Wer hat nicht schon bei starkem Wind mit dem Gleitschirm im Flachen oder leichter Hangneigung Aufziehübungen gemacht? Aus dem Spiel wird bitterer Ernst, sollte man auf die Idee kommen, sich an einen Baum anzubinden.
Diesen Frühling band sich ein
Gleitschirmpilot in der Nähe von Vevey mit einem Seil an ein Auto an. Er hob
einige Meter vom Boden ab, dann zerriss das Seil, der Pilot verletzte sich und
musste ins Spital überführt werden. Anfang der 90er Jahre verunfallte im Zürcher
Oberland ein an einem Baum angebundener Pilot sogar tödlich.
An und für sich sind Aufziehübungen empfehlenswert und hervorragend geeignet, um
Gefühl, Handling und Schirmbeherrschung zu erlernen. Aber auch hier gilt: safety
first! Das Gelände muss auf der windabgewandten Seite genug Freiraum bieten,
sollte einmal der Schirm den Piloten beherrschen. Auch ist ein Helfer für den
Notfall immer gut. Erreicht die Windstärke schliesslich den Bereich der
Gleitschirmgeschwindigkeit, ist die Versuchung gross, sich mittels eines Seiles
an einem Gegenstand (Auto, Baum) festzumachen. Die Überlegung? Mit Hilfe des
Seiles wird man nicht mehr dauernd vom Winde nach hinten gedrängt.
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Versuch bestätigt
verheerenden Zusammenhang |
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Was geht ab?
Der V-Trimm des Gleitschirmes mit ca. 10
m/s (36 km/h) ist nur ungebremst und in direktem Flug gegen die Windrichtung
gegeben. Bei 10 m/s Gegenwind und einer leichten Anstellwinkelvergrösserung,
hervorgerufen durch eine Böe oder einen leichten Bremseinsatz, ist die
Bewegungsrichtung der Kappe neu gegen oben. Die Vorwärtsfahrt fällt unter die
Windgeschwindigkeit, was heisst: Pilot und Schirm bewegen sich nun leicht nach
hinten. (Das Himmelfahrtskommando geht los.) Das Seil spannt sich, der Pilot
wird durch die Zugkraft des Seiles weiter vor den Gleitschirm gezogen, der
Anstellwinkel vergrössert sich zwangsläufig aufs neue, die Flugbahn verläuft
weiter gegen den Himmel, und die Zugkraft erhöht sich bis zum Seilriss, dem
Ausleiner oder eben dem fatalen Lock out. Und das ganze läuft in Sekunden ab!
Sollte dieser Ablauf einmal nicht schief gehen... dann ist der Himmel im Spiel.
Was tun? Wenn’s unbedingt sein muss, sind Alternativen vorhanden. Prinzipiell
braucht ein Fluggerät (Abfluggewicht) nur 20–50 kp (DaN), um zu steigen. Und der
Pilot in jedem Fall eine Klinke, um sich vom Seil zu lösen. Anstelle des Baumes
setzt du zwei bis drei Personen ein, die am Seil ziehen. Diese werden im
Augenblick, wenn die Zugkraft bei grösserem Anstellwinkel zu gross wird,
automatisch nachgeben oder loslassen, sodass dein Schirm gleich wieder zu einem
geringeren Anstellwinkel zurückkehrt. Komfortabler geht es mit einer Abrollwinde
oder einer hydraulisch gesteuerten stationären Winde. Diese Einrichtung
ermöglicht es, das Gleichgewicht der Kräfte zu regeln. Beim Delta bestehen
grundsätzlich die gleichen Gefahrenquellen. Ein moderner Delta mit seinem hohen,
leicht steuerbaren Geschwindigkeitsbereich kann diesem verheerenden Ablauf
jedoch besser entgegenwirken. Aber auch hier ist eine Klinke unerlässlich, um
sich im Notfall oder nach erreichter Höhe vom Seil befreien zu können.
Ich möchte vor folgenden Illusionen warnen: Die Betätigung des
Fussbeschleunigers ist während des Zuges schlichtweg nicht möglich
(Sekundenbruchteil, hohe Kräfte). Auch die Idee, mittels Kapper, Klinke oder
Sollbruchstelle dem Raketenstart zu entgehen, taugt nichts. Die Zugkräfte
wachsen innerhalb einer Sekunde weit über 400 daN (kp) an, was zwangsläufig zu
unvorstellbaren Actions führt. Gerade der Gleitschirm ist für dieses Spiel
absolut ungeeignet!
Prüfungsfrage: Der Gleitschirm hängt am Schleppseil auf 100 m über Grund, steigt
und steht gegenüber Grund still. Muss ich die Zugkraft erhöhen oder reduzieren,
damit der Gleitschirm wieder vorwärts kommt? Antwort: Durch die Reduktion der
Zugkraft verringert sich der Anstellwinkel, und der Gleitschirm nimmt gegenüber
Grund wieder Fahrt auf. Ob du nun falsch oder richtig geantwortet hast:
Verzichte auf jeden Fall auf dieses Himmelfahrtskommando!
Das Zusammenspiel der Kräfte
Um die Zusammenhänge zu erläutern, ist es
sinnvoll, die Kräfteverhältnisse an einer Schleppwinde mit Zugkraftsteuerung
(keine Geschwindigkeitssteuerung) anzuschauen. Wir richten unser Auge auf die
Flugkräfte, die Bewegungsrichtung und deren Geschwindigkeit in m/s am
Gleitschirm sowie auf die Seileinzugsgeschwindigkeit an der Trommel der Winde.
Diese Geschwindigkeit kann im positiven wie auch im negativen Bereich liegen,
d.h.: Einzug, Stillstand oder Auslauf. Unsere emotionalen Empfindungen sehen
einen direkten Zusammenhang von Zugkraft und Einzuggeschwindigkeit. Ziehen wir
an einem Seil einen Gegenstand, so kommt uns der Gegenstand entgegen. Ziehen wir
mit grösserer Kraft, sollte nach unserem Gefühl der Gegenstand auch schneller
entgegenkommen, somit die Einzugsgeschwindigkeit höher liegen. Mit einem
Gleitschirm verhält es sich aber eben diametral anders. Je stärker die Zugkraft,
um so mehr erhöht sich der Anstellwinkel, um so mehr steigt Pilot und Fluggerät
in die Höhe, und um so geringer ist die Einzugsgeschwindigkeit.
Stellen wir uns vor, der Pilot hat bereits 20 m Bodenabstand, und die Winde
rollt ohne Zugkraft das Seil ein, dann entspricht die Einzuggeschwindigkeit der
Fluggeschwindigkeit (gegenüber dem Boden) des Gerätes. In diesem Fall 10 m/s,
oder 36 km/h. Lässt nun der Windenführer die Zugkraft (90 kp) über die Trommel
auf das Seil kommen, wird der Pilot durch die Kraft, die auf seine Gurte wirkt,
aus der senkrechten Lage unter dem Druckpunkt des Flügels nach vorne gezogen,
und zwar genau so viel, wie der Vektor (Richtung und Kraft) der Resultierenden
ergibt. Dadurch, dass der Gleitschirm einen fest definierten Anstellwinkel
gegenüber dem der Position des Piloten hat, vergrössert sich der Anstellwinkel,
die Flugbahn ist nicht mehr gegen die Schleppwinde gerichtet, der Seileinzug
verkleinert sich.
Der gegensätzliche Zusammenhang wird dann fatal, wenn die Windgeschwindigkeit
grösser als ca. 7 m/s ist, und die Schleppwinde keinen gesteuerten Auslauf
gewährleistet, oder wie beschrieben, das Seil an einem festen Gegenstand
angemacht ist. Im letzteren Fall steigt die Zugkraft rasant an, je mehr die
Flugbahn von der Windrichtung abweicht. Und durch die Erhöhung der Zugkraft
wiederum weicht die Flugbahn ab.
Walter Ammann
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Arbeitsgruppe Windenschleppen
Die Arbeitsgruppe Windenschleppen diskutierte seit Herbst 2001 in mehreren Sitzungen über technische Details, geografische Gegebenheiten, rechtliche Bestimmungen und mögliche Ausbildungswege für Piloten und Windenführer und erstellte etliche Arbeitspapiere. Ziel der Mitarbeitenden und des SHV-Vorstandes war, das Windenschleppen in der Schweiz unter die Lupe zu nehmen und Mittel zum möglichst sicheren Betreiben zur Verfügung zu stellen. Unter der Leitung von Martin Kinzl (Vorstand) sind mit Phillippe Briod und Walter Ammann zwei Windenprofis vertreten; als erfahrener Experte ist Christian Reist mit von der Partie. Die Geschäftsstelle ist vertreten durch Christian Rütti. Empfehlungen für folgende Bereiche sind Schwerpunkt der bisherigen Arbeiten:
Der Rahmen ist abgesteckt – was bleibt: die notwendigen Dokumente umzusetzen. cr |