Der Notschirm: Letzter Teil

Für die Typenprüfung muss ein Notschirm, gleich wie der Gleitschirm, verschiedene Tests bestehen. In der Schweiz ist dafür seit 1990 Alain Zoller zuständig. Hierzulande wird nach der französischen Norm AFNOR geprüft. In Deutschland nach den Kriterien des DHV-Gütesiegels.

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Was unterscheidet beide Normen?
Die AFNOR-Norm verlangt,
– dass sich der Notschirm bei einer Vrille innerhalb von vier Sekunden öffnet und aus dem Sackflug innerhalb von sechs Sekunden. Dabei darf bei beiden Manövern der Pendelausschlag des Notschirms 30° nicht übersteigen.
– dass der Notschirm beim Belastungstest im Freifall einem Gewicht von 80 kg während mindestens 5 Sekunden standhält. Die Fallgeschwindigkeit des Ballastes unmittelbar vor der Öffnung des Notschirms kann manchmal über 170 km/h erreichen. Dabei darf das Material auf keinen Fall reissen.

 Das DHV-Gütesiegel verlangt,
– dass die Öffnungsdistanz des Notschirms im Freifall maximal 30 bis 60 m beträgt. Dabei werden Notschirm mit Gewicht und das Gewicht allein nebeneinander abgeworfen.
– dass zur Prüfung der Leinenstabilität der Notschirm dreimal hintereinander mit einem Gewicht von 100 kg aus einer Höhe von 85 m abgeworfen wird. Auch hier darf nichts reissen.

150 Öffnungen Zum Schluss noch ein paar Fragen an Alain Zoller:
´Swiss Gliderª: Alain, wie viele Notschirme hast du bereits geöffnet?
Alain Zoller: Um die 150. Ich habe schon alle möglichen Typen von Notschirmen geprüft, über Wasser und über Grund.
In England wird behauptet, dass sich 97% der Notschirme öffnen. Ist das auch in der Schweiz so?
Meiner Ansicht nach sollte die Frage anders interpretiert werden. 3% der Fehlleistungen oder -öffnungen sind auf die mangelnden Kenntnisse des Notschirmfalters zurückzuführen. Mitverantwortlich ist natürlich auch der Umgang mit dem Stress durch den Piloten. Es ist klar, dass ein schlecht vorbereiteter Pilot in solch einer unerwarteten Situation, den sich rasend schnell nähernden Boden im Blickfeld, nicht oder falsch reagiert. Ich hatte einmal einen Piloten, der mir sagte, dass er mit aller Kraft gezogen habe, das Ding aber nicht aufgegangen sei. Dabei hielt er die Beingurten in der Hand!
Bei deinen Sicherheitstrainings in Villeneuve hast du sicher schon allerhand erlebt. Trotzdem hast du noch keine grauen Haare.
Auch wenn ich nicht unter dem Flügel hänge, bin ich doch angespannt. Auf etwa 500 Notschirmöffnungen, die im Rahmen meiner Kurse stattfanden, hatten etwa zehn ein unerwünschtes Resultat. Zum Glück waren die Piloten über dem Wasser und kamen jedesmal gut davon. In einer wirklichen Notsituation wäre dies weniger der Fall gewesen... Was die grauen Haare anbelangt, dieses Geheimnis behalte ich für mich.
Und bei den Homologationen, beginnst du mit dem Abwurf ab dem Helikopter oder mit dem Testflug?
Je nach Wetter und Bauart des Notschirmes... Die Hersteller verfügen heutzutage über ein umfangreiches Wissen; die Schirme reissen im Freifall höchst selten. Massgebend ist eher das Wetter oder die Verfügbarkeit.
Dein Schlusswort an die Leserinnen und Leser?
Dies ist sicher nicht mein letztes Wort zu diesem Thema. Die Rolle des Notschirmes muss unbedingt relativiert werden. Das Mitführen hat sich eingebürgert und ist für jeden klar. Doch bevor ein Pilot auf seinen Joker setzt, sollte er die Gewissheit haben, dass er unter dem richtigen Flügel fliegt, dass dieser seinem Niveau entspricht, dass er mit den Wetter- und Windverhältnissen vertraut ist, damit er die Situationen, die zu einer Notschirmöffnung führen können, vermeidet. Notschirme wurden zur Rettung entworfen und nicht zur Überbrückung von Zwischenfällen... landen, falten und wieder fliegen. Mir ist bis heute niemand bekannt, der anlässlich einer Schirmöffnung schwere Verletzungen erlitten hat. Das ist gut so. Dennoch wäre es vorteilhaft, wenn die Piloten zur genaueren Erfassung der Sicherheitsbedürfnisse über ihre schlechten Erfahrungen berichten würden.
Bei offenen Fragen kann man mich erreichen unter der Telefonnummer 024 477 61 31 oder via E-mail info@airturquoise.ch. Herzlichen Dank, Alain, für diese Ausführungen.
Frédéric Lovis

Die kleine Geschichte von Zozo
Der Ort, an dem bis 1995 die Belastungstests für Notschirme durchgeführt wurden, heisst La Brévine. Die Landschaft ist geprägt durch weite, dünn besiedelte Moorebenen mit wenig Strassen und noch weniger Stromleitungen. Also eine (fast) ideale Gegend für unsere Art von Tätigkeit. An diesem Tag erwartete uns ein volles Programm. Verschiedene Biplace-Notschirme sollten geprüft werden. Und schon früh am Morgen hatten wir es mit Fehlleistungen zu tun. Unser 160 kg schweres Gewicht verschwand nach einem Leinenbruch einen Meter unter dem Boden. Ohne den Einsatz des Bauern aus der Nachbarschaft mit seinem Traktor hätten wir das Ding niemals herausholen können. Nun war es an der Zeit, mit den eigentlichen Homologationen zu beginnen. Schliesslich sollten um die zehn Notschirme geprüft werden. Ein Schirm, der meines Erachtens in der Nähe der Hauptleine ungünstig konzipiert war, wurde für den letzten Versuch aufgehoben. Wie vorgesehen, stieg der Helikopter auf 300 m über Grund und warf den Ballast ab. Das Öffnungsverzögerungssystem trat in Kraft, alles schaute gespannt nach oben, und der Schirm öffnete sich. Doch zu unserem Erstaunen sauste das Gewicht ungebremst dem Erdboden entgegen, währenddem der Schirm unbekümmert in der Luft herumtanzte. Später hörten wir einen dumpfen Schlag. Das Gewicht verschwand mit über 200 Sachen in einem Wäldchen im Moorgelände... Erst nach zehn Minuten entdeckten wir ein zwanzig Zentimeter breites Loch mit etwas Erde daneben. Wir griffen hinein, doch es war völlig leer. Da es schon Abend war, verschoben wir das Ausbuddeln auf den nächsten Tag.
Schaufel, Hacke, Seilwinde, Seile und Gerüst, das notwendige Material lag bereit. Wie ein Sträfling begann ich zu graben. Sechs Stunden später konnte ich endlich den oberen Teil des Ballastes fassen und hängte ihn sofort an die Winde. Was für ein Elend! Ein Zug von zwei Tonnen genügte nicht, das Ding auch nur etwas zu bewegen! Ich war drauf und dran aufzugeben, wäre da nicht mein Freund und Gleitschirmpilot Michel Fahrni gewesen. Entschlossen sprang er in das 2,5 m tiefe Loch, das sich bereits mit kaltem Moorwasser zu füllen begann. Mit Hilfe seines Schwagers und eines starken Traktors gelang uns schliesslich die Extraktion ... zum Preis eines kräftigen Schnupfens und einer guten Dusche. Fazit: Der Notschirm hat die Prüfung nicht bestanden; der Ballast konnte gerettet werden. Zozo braucht keinen neuen Ballast zu bauen, und der Held der Geschichte heisst Michel.
Alain Zoller

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