Vom Winde verweht
Gleite weit, mein Gleitschirm! Diesem Satz folgend fiel sowohl der CCC-Streckenrekord, und zusammengezählt flogen alle Gleitschirmpiloten weiter denn je. Dennoch bleibt der Sommer nicht in besonders guter Erinnerung. Mit Ausnahme der Hammerlagen Anfang Mai und Anfang August bliesen oft kräftige Höhenwinde, die in rascher Folge Störungen über die Schweiz führten.
Zwei Superlagen prägten die CCC-Saison 1998. Die erste
war Anfang Mai, die zweite Anfang August. Dazwischen machten Regen und Wind den Piloten
stark zu schaffen. Vereinzelt gab es dennoch Gelegenheit, das Segel über grosse Distanzen
zu lenken. So stellte Otto Voigt am 19. Juni einen neuen Schweizer Gleitschirm- CCC-Rekord
auf. Ganz besonders ist daran, dass er ihn im Jura und nicht in den Alpen erflog. Vom
Grenchenberg legte er über 174.5 km zurück und landete in Bellegarde in Frankreich. Auch
gesamthaft gesehen waren die 159 Gleitschirmpiloten sehr gut, sammelten sie doch in 403
Flügen 28370 Streckenkilometer. Das ist fast ein Zehntel der Strecke zum Mond. Damit
übertrafen sie den bisherigen Rekord von 1995 um 624 km. Von den 403 Flügen waren 88
weiter als 100 km, die 58 Piloten an 29 Tagen verbuchten. Der Durchschnittsflug war
beachtliche 70.4 km weit, eine markante Steigerung um 10 km gegenüber letztem Jahr.
Abbildung 3 widerspiegelt das auch, denn die grosse Spitze von 1996 ist geschmolzen,
dafür fällt die Kurve gegen weitere Strecken nicht so rasch ab. Aus Abbildung 1 ist
ersichtlich, dass nur noch wenige CCC-Kilometer aus Flügen unter 50 km stammen. Da das an
allen Tagen etwa gleich ist, kann nicht das Wetter die Ursache sein, sondern die
Gleitschirmpiloten sind dieses Jahr sehr gut geflogen.
Mit dem Delta jagten 30 Piloten CCC-Kilometer. Mit 82 Flügen waren sie deutlich aktiver als in vergangenen Jahren. Die erkämpften 6655.5 km würden grob bis zum Erdmittelpunkt reichen. 10 Piloten erflogen zusammen 16 Hunderter, für die sie an 12 Tagen in der Luft waren. Im Mittel erstreckte sich ein Deltaflug über 81.2 km, gegenüber 1997 allerdings 7 km weniger. Hier zeigt sich, dass einige Grossmeister auf Exxstacy umgestiegen sind.
Doch genug mit Zahlen und Statistik. Welches waren denn die Hammerlagen 1998? Den ersten CCC-Flug machte der Deltist Markus Niedermann. Vom Üetliberg aus legte er eine Strecke von 64.5 km zurück. Die ersten Hunderter flogen Martin Tanner und Thomas Stivanello am 31. März im Jura. Der Start der CCC-Saison war sehr verheissungsvoll.
22. und 25. April, Rückseite
Und so ging's nach einem kurzen Unterbruch auch weiter, als am 22. April der bis
nach Mitteleuropa reichende Keil des Skandinavienhochs für einen wunderschönen, warmen
Frühlingstag sorgte. Es war ein Jura- und Ostalpentag, da eine kräftige Inversion auf
3200 m die Thermik im Westen abschnürte. So flog Stephan Morgenthaler vom Niederwiler
Stierenberg 128.5 km in einer leichten Bisenströmung Richtung Westen. Delta und
Gleitschirm zusammen legten im Jura 874.5 km und in den Ostalpen 343.5 km zurück.
Nachdem eine Zone feuchterer Luft die Schweiz erfasst hatte, dehnte sich ein neues Hoch von Spanien über die Alpen nach Osteuropa aus. Abgesehen von einigen Cirrenfeldern herrschte am 25. April in der ganzen Schweiz sonniges Wetter, doch nur in den Ostalpen waren die Bedingungen gut, denn einfliessende Warmluft dämpfte die Thermik im Westen. Im Engadin hüpfte Curdin Rohner 154.5 km weit von Aufwind zu Aufwind Richtung Osten.
7.-14. Mai, Südwestlage
Nachdem mehrere Störungen für wechselhafte Witterung gesorgt hatten, dehnte
sich vielversprechend ein Hochdruckkeil über den Alpenraum aus, an dessen Nordflanke aus
Südwesten warme und trockene Luft heranfloss. Während zwei Inversionen die Thermik im
Westen etwas bremste, waren die Verhältnisse im Engadin gut, flog doch Fabio Profumo
161.5 km von Muntischè bis weit nach Österreich hinein. Dieses Hammerwetter - warme
Frühlingstage bis zu 26° - lockte viele hinter dem Bürotisch hervor an die Sonne. So
waren am Donnerstag, 8. Mai, gar 29 CCC-Piloten in der Luft, eine Anzahl, die erst wieder
im August übertroffen werden sollte. Zusammen erflogen sie fast 2000 km. Dank des Hochs,
das dick und fett über Südosteuropa lag, waren auch die folgenden Tage stark
frequentiert. Mit Weiten über 140 km war auch die Ausbeute der Spitzenpiloten recht gut.
In der Folge wanderte das Hoch nach Skandinavien und steuerte mit einer Bisenströmung
kühlere, vorübergehend auch feuchtere Luft in die Schweiz, brachte aber doch noch einige
gute Flugtage.
19. Juni, flaches Hoch
Gute Bedingungen wurden dann aber selten. Am 19. Juni baute sich endlich ein
flaches Hoch über ganz Mitteleuropa auf, womit auch die starken Höhenwinde
vorübergehend nachliessen. Während im Osten die noch labile Schichtung zu
Überentwicklungen führte, bildeten sich in Frankreich in der stabilen Luft fast keine
Cumuli mehr. Dazwischen, d.h. im Jura war es ideal. Die zusammengezählt über 1000
Flugkilometer, der Schweizerrekord und der zweitbeste Flug sowie vier weitere Hunderter
beweisen das.
Dieser Tag blieb eine Ausnahme, denn starke Höhenwinde verhinderten bis Anfang August Hammerlagen. Vereinzelt gelangen dennoch recht gute Flüge, wie etwa der von Paul Tomassi. Er flog am 12. Juli von La Casta in Savoien über 143.5 km nach Meiringen.
7.-12. August, Flachdruck
Endlich hatte sich ein hochreichendes Hoch aufgebaut, das die starken Höhenwinde
abdrängte. Unten war zuerst kalte und oben warme Luft herangeflossen, was eine sehr
stabile Schichtung ergab. Doch langsam sickerte von Westen her auch in unteren Bereichen
heisse und sehr trockene Luft herein. Von Tag zu Tag wurden die Bedingungen besser, zuerst
im Wallis, dann im Bündner Oberland und schliesslich auch im Engadin. Entsprechend
gelangen während den ersten Tagen nur im Wallis gute Flüge. Bestraft wurde, wer es
wagte, über Furka und Oberalp zu fliegen. Dafür stieg es im Wallis um so höher. Markus
Niedermann registrierte am 10. August gar 4800 m Höhe. Am 9. legten alle 37 Gleitschirme
und Deltas zusammen über 3000 km zurück. Unglaublich für wieviele Kilometer das Wallis
Platz hat.
Die Entscheidung
Es waren die Tage der Entscheidung: In der Kategorie Gleitschirm wagte Roger
Bruhin am 8. August ein 124-km-FAI-Dreieck und gewann. Hätte Curdin Rohner dasselbe
gewagt, wäre er mit einem Punkt Vorsprung an der Spitze gelegen. So blieb ihm Platz zwei.
Nachdem sich Peter Gassmann mit einem 122.5 km FAI-Dreieck am 9. August auf Platz drei
vorgekämpft hatte, zog Michael Müller gleich, indem er am 10. August von Fiesch nach
Flums flog, einige Kilometer weiter als nach Hause. Auch andere Spitzenpiloten kämpften
um den Sieg. Infolge einer Überentwicklung konnte Fabio Profumo, der letztjährige
Sieger, vor dem Endanflug nicht genügend weit hinaufdrehen und landete kurz vor der
Ziellinie.
Auch in der Kategorie Delta fiel die Entscheidung in dieser Periode, setzte sich doch
Stefan Eggenberg mit einem flachen Dreieck über 134.5 km an die Spitze. Auch Hansruedi
Hogg wagte weitere Strecken und kämpfte sich auf Platz zwei vor. Doch die Saison war noch
nicht zu Ende, denn nach einer Kaltfront bäumte sich das Hoch noch einmal auf, bevor es
endgültig Staffeln feuchter Meeresluft wich. Erstaunlich, dass Werner Zbinden am 17.
August, also im Hochsommer, im Jura ein Flug über 142 km gelang und er so Hansruedi Hogg
vom zweiten Platz verdrängte.
Martin Gassner