Es war eine Squall-line
Mit viel Sonne begann der 23. Juli 1996. Das entsprach genau der Wetterprognose, weshalb viele den heissen Tag für ihre Freizeit nützen wollten. Die Squall-line, die am Nachmittag überraschend über die Schweiz fegte, brachte Böen mit Spitzen bis 120 km/h.
| Entstehungsursachen für Squall-lines. A: Die Kaltfront regt in der Höhenströmung Wellen an. Unter den Wellenbergen wird die Luft labilisiert und Gewitter entstehen. |
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| B: Im Warmsektor treffen verschiedene Luftströmungen aufeinander. In der Konvergenzlinie steigt die Luft auf und löst Gewitter aus. |
Mit «Bergtod und Seenot» betitelte der «Tages-Anzeiger» den Wetterumsturz vom 23. Juli 1996. Zurecht, denn die Unfälle häuften sich an diesem Nachmittag. Hier die kurze Meldung: «Am bisher heissesten Tag im Juli kam mit heftigen Gewittern und stürmischen Winden am Nachmittag prompt der Wetterumsturz. Beim Speer, oberhalb von Schänis SG, stürzte ein Gleitschirmflieger bei heftigen Turbulenzen zu Tode. Auf dem Brienzer-, dem Thuner- und dem Vierwaldstättersee kenterten mehrere Boote; Segler und Surfer konnten aus Seenot gerettet werden. Mindestens vier Bergsteiger starben bei Unfällen, weitere wurden verletzt. Tödliche Abstürze gab es am Grand Combin im Wallis, am Hausstock zwischen Glarus und Graubünden, am Mönchshorn und an der Eigerflanke im Berner Oberland.»
Der frühe Wetterumschlag überraschte nicht nur viele Natursportler, sondern auch die Meteorologen, hatten sie die Gewitter doch erst gegen Abend mit der Kaltfront erwartet. Entsprechend freundlich lautete auch der Wetterbericht für diesen Tag: «Heute geht es noch recht sonnig in den Tag, doch bald ziehen Wolkenfelder auf. Auch die Quellwolken werden immer grösser, dazu gibt es schwül-heisse 30 Grad. In der kommenden Nacht gehen kräftige Gewitter nieder.»
Extrem starke Böen
Also nichts von Sturmwinden über 100 km/h, wie sie an verschiedenen Orten bereits am
Nachmittag gemessen wurden. In Altdorf etwa wurden Böen mit Spitzen bis 122 km/h
registriert. Aber auch im Mittelland blies ein kräftiger Wind: in Zürich wurden fast 70
km/h gemessen. Diese Böen kamen sehr plötzlich und fast aus heiterem Himmel. In Glarus
stieg die Windspitze innert zehn Minuten von 15 km/h auf über 60 km/h und in einer
weiteren halben Stunde auf über 100 km/h. Weniger plötzlich kamen die Böen in
Interlaken; innerhalb von zwei Stunden nahmen die Böen zuerst langsam von 16 km/h auf 38
km/h und dann schlagartig auf 110 km/h zu. Kein Wunder kenterten da zahlreiche Boote.
Vorboten dieser Sturmwinde kamen aber sehr spät. In Wädenswil, wo die Sturmwinde um
14h10 einsetzten, verschwand die Sonne um 14h hinter den Wolken. In Glarus verschwand sie
um 15h20, und bereits um 15h30 heulte der Wind über die Dächer.
Die Gewitterstörung überquerte innerhalb weniger Stunden die ganze Schweiz, wie die Abbildung auf der folgenden Seite zeigt. Etwa um 12h erreichte sie den westlichen Jura, und zwei Stunden später hatte sie bereits das Appenzellerland hinter sich gelassen. Das ergibt eine Zuggeschwindigkeit bis etwa 70 km/h. Nur sehr selten werden bei Gewittern solch hohe Zuggeschwindigkeiten gemessen. Anfang Juni 1994 raste angetrieben durch kräftige Höhenwinde eine gewaltige Gewitterzelle mit etwa 80 km/h über die Schweiz.
Entstehung von Squall-lines
Wie entstand diese Gewitterstörung, die sich auf einer Linie von den Alpen bis zur
Nordsee etwa 300 km vor der angekündigten Front gebildet hatte? Solche Gewitterlinien
werden häufig beobachtet. Sie verlaufen meist parallel zur nachfolgenden Kaltfront in
einem Abstand von 100 km bis 300 km. Sind die Gewitter besonders heftig, werden sie als
Squall-lines bezeichnet, was wörtlich übersetzt Böenlinien heisst. Es gibt zwei
Erklärungen, wie Squall-lines entstehen:
Vermutlich sind für die Squall-line vom 23. Juli 1996 beide Erklärungen richtig. Einerseits herrschte eine kräftige Höhenströmung aus Westen über die Kaltfront hinweg. Anderseits floss auf der Südseite des abziehenden Hochs Luft aus Südosten heran, auf die der Warmluftstrom vor der Kaltfront stiess. In dieser Konvergenzlinie bildeten sich zahlreiche Gewitter.
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| Die Squall-line raste innerhalb weniger Stunden über die Schweiz. |
Die Squall-line hatten die Meteorologen offensichtlich nicht vorhergesehen. Die Stürme erwarteten sie erst zusammen mit der Kaltfront, welche am Abend eintraf. Nun, es ist wirklich extrem schwierig, solche seltenen Ereignisse präzise zu prognostizieren. Fallender Luftdruck und schwül-heisse 30 Grad bilden ein besonders explosives Gemisch. Nur ein kleiner Funke genügt, um den Sturm oder in diesem Fall eine ganze Squall-line auszulösen.
Fazit
Als wichtiges Fazit zählt die Erkenntnis, dass es meteorologische Phänomene gibt, die sehr rasch auftauchen können und sofortiges Handeln erfordern. Der Glaube, man habe ja noch genug Zeit, gilt daher nicht. Nicht nur solch seltene Erscheinungen wie die Squall-line vom 23. Juli sind gefährlich, auch gewöhnliche Gewitter können sich verdeckt durch einen Berggrat heranschleichen und eine vorzeitige Landung zum Beispiel auf einer Alp erzwingen.
Als weiteres Fazit kommt hier, dass sich auch Meteorologen irren können. Das weiss man eigentlich schon lange und lächelt auch darüber, wenn trotz angekündigtem Regen die Sonne lacht. Dass es aber auch bedeutet, guten Prognosen nicht zu trauen, vergisst man gerne. So gilt es vor und besonders während dem Flug, alle Zeichen am Himmel genau zu beobachten, sofort zu interpretieren und danach zu handeln. Nicht nur die Cumulus-Wolke, unter der man gerade kreist, ist wichtig, sondern auch die benachbarten Cumuli, die Cirren darüber und der Wolkenaufzug am Horizont. Wachsen sie, zerfallen sie, wie schnell ziehen sie? Immer die folgende Regel beachten: Rasche Änderungen erfordern rasches Handeln.
Martin Gassner