Über dem Schnee bildet sich keine
Thermik. In verschneiten Gebieten sind daher Wälder die einzigen Thermikquellen. Im
Frühling bilden sich Aufwinde entlang der Schneegrenze. Der Einfluss der Schneegrenze
geht aber weiter. Mit ihr lassen sich auch Unterschiede in der Alpenthermik zwischen
Frühling und Sommer erklären.
Auf den Skipisten ist Hochbetrieb. Auch hoch in der Luft herrscht dichter Verkehr. Der
Startplatz vor der Jatzhütte (Davos) ist zum höchstgelegenen Flugplatz in der Schweiz
geworden: Die Zuschauer verfolgen, wie die Gleitschirme starten und nach einiger Zeit
wieder vor der Jatzhütte landen. Verwundert sehen sie, wie die bunten Vögel über dem
Wald wie von unsichtbarer Hand in die Höhe gehoben werden. Klar, Thermik ist die
unsichtbare Hand. Wie aber entsteht diese Thermik mitten im Schnee?
Thermik über Wäldern
Inmitten grosser Schneeflächen sind Wälder tatsächlich verlässliche
Thermikquellen. Im Gegensatz zum Schnee, der über 80% der einfallenden Strahlung
reflektiert, absorbieren die dunklen Baumkronen einen Grossteil des Lichts. Die Luft wird
dadurch erwärmt und kann bis weit in die oft stabile winterliche Atmosphäre aufsteigen.
In der Zeit ab 12 Uhr bis etwa 15 Uhr ist dieser Effekt an Süd bis Südwest
ausgerichteten Hängen besonders stark, weil dort die Sonne senkrecht einstrahlt. Später
steht die Sonne zu tief am Horizont, um die Westhänge noch aufheizen zu können. Erst im
späteren Frühling, wenn die Sonne höher in den Himmel steigt, vermag sie auch die
Westhänge genügend aufzuheizen. Besonders gute Thermikspender sind laubfreie Bäume. Ihr
trockenes Geäst absorbiert bereits viel Sonnenenergie. Liegt am Boden noch Schnee, wird
die durchgelassene Strahlung reflektiert, und das Geäst wird zusätzlich noch von unten
her bestrahlt. Selbst Büsche liefern gute Thermik, vor allem wenn sie entlang der
Schneegrenze anzutreffen sind, das heisst über bereits aper gewordenen Südhängen.
![]() Abbildung 1: Höhe der Schneegrenze im Prättigau im Jahresverlauf. Infolge der Klimaerwärmung sind Verschiebungen von einigen Wochen möglich. |
![]() Abbildung 2: Alpen-Vorland-Zirkulation am Tag. A) im Frühling und B) im Sommer
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![]() Ein Gleitschirm startet bei der Jatzhütte. Einige Deltas und Gleitschirme nützten die Winterthermik, um Höhe zu gewinnen. |
Schneefreie Flächen
Schneefreie Flächen heizen sich wesentlich stärker auf, da über tauender
Schneedecke die Temperaturen um null Grad bleiben, da sehr viel Energie zum Schmelzen
benötigt wird. Häufig kann man exakt über der ungerade verlaufenden Schmelzlinie des
Schnees ruppige Aufwindströme antreffen. Hier prallen der kalte Abwind, der sich über
den Schneeflächen bildet, und der warme Hangaufwind aufeinander, der in der Folge vom
Boden abreisst und senkrecht aufsteigt. Das erklärt auch, dass sich im Frühling
Cumuluswolken nicht über schneebedeckten Berggipfeln bilden, sondern Richtung Tal
versetzt über der Schneegrenze. Dies darf keinesfalls mit Leethermik verwechselt werden,
bei der die Cumuluswolken auch weit im Tal draussen stehen.
Auch bei der Bildung von Winterthermik ist der Untergrund entscheidend: Sonnenbeschienene,
schneefreie Flächen wie trockenes Geröll bei Felsabbrüchen und Hausdächer verstärken
die Aufwinde, je dunkler sie sind, desto besser. Aber aufgepasst, Gebiete mit
Schmelzwasser erscheinen oft auch dunkler und glänzen von weitem. Sie sind zu meiden,
denn sie sind kalt und thermikfeindlich.
Berg- und Talwind
Je tiefer die Schneegrenze liegt, umso weniger Fläche steht für die Aufheizung
der Täler zur Verfügung. Damit kann sich der Effekt, dass an einem sonnigen Sommertag
die Alpentäler stärker aufgeheizt werden, auch weniger ausbilden. Auch wird die
treibende Kraft für den Talwind nicht so gross. Das heisst, je tiefer die Schneegrenze
liegt, umso weniger kann sich der Talwind bilden. Er bläst allgemein schwächer und nur
bis zur Schneegrenze. Umgekehrt gilt das für den Bergwind nicht, denn der bildet sich
infolge der Auskühlung der Alpentäler, und die ist über Schneeflächen ähnlich gross
wie über aperem Gebiet. Während also der Bergwind im Winter stärker bläst, gewinnt der
Talwind erst mit der steigenden Schneegrenze und mit der zunehmenden Kraft der Sonne an
Stärke.
Alpen-Vorland-Zirkulation
Die Berg- und Talwinde sind Teil der Alpen-Vorland-Zirkulation. Am Tag strömt
mit den Talwinden Luft in die Alpen hinein, steigt dort auf, um in der Höhe wieder
zurückzufliessen und über dem Vorland abzusinken. In der Nacht dreht die Strömung in
die andere Richtung. Mit den Bergwinden fliesst die Kaltluft aus den Alpen, steigt über
dem Vorland auf, fliesst in der Höhe zu den Alpen zurück und sinkt dort ab. Die
Alpen-Vorland-Zirkulation entsteht vorwiegend unter Hochdruckeinfluss, das heisst bei
sonnigem Wetter. Die Vertikalbewegungen überlagern sich daher mit der Subsidenz (Absinken
der Luft) im Hoch. Tagsüber reduziert das Aufsteigen der Luft über den Alpen die
Subsidenz, womit die Stabilität abnimmt. Das Absinken über dem Vorland verstärkt die
Subsidenz und damit die Stabilität. Das ist eine Erklärung für die meist stabilen
Verhältnisse in den Voralpen im Sommer. Je stärker die Alpen-Vorland-Zirkulation ist und
je weiter sie in die Alpen hinein reicht, umso grösser ist ihre stabilisierende Wirkung
im Vorland. Im Frühling, wenn in den Alpen noch viel Schnee liegt und die Sonne noch
nicht ganz so viel Kraft hat, ist die Zirkulation noch nicht so stark. Zudem liegt die
Zone mit aufsteigender Luft weiter aussen im Bereich der Voralpen. Mit steigender
Schneegrenze und kräftiger werdender Sonne verlagert sich die Zone mit aufsteigender Luft
unter Verstärkung Richtung Hochalpen.
Doch nicht nur die Schneegrenze allein beeinflusst die Stärke der
Alpen-Vorland-Zirkulation. Sind etwa nach dem Durchzug einer Störung die Alpen noch
wolkenverhangen, kann sich die Zirkulation nicht bilden. Im Vorland gibt es dann meist
gute Thermik.
Martin Gassner