![]() |
Trotz enormer Fortschritte in der Wettervorhersage bleibt der Föhn ein schwer berechenbares und manchmal gefährliches Phänomen.
Am 7. Februar 2001 brannte ein ganzer (glücklicherweise unbewohnter) Dorfteil von Balzers in Liechtenstein während eines Föhnsturmes komplett nieder, was die längst vergessen geglaubten verheerenden Dorfbrände der letzten Jahrhunderte wieder in das Bewusstsein der Leute brachte. Selbst bei schwachen Lagen kann eine Landung in einer unerwartet aufgetretenen Föhnströmung für Delta- und Gleitschirmpiloten zum verzichtbaren Horrorerlebnis werden.
Föhndefinition
Der Föhn wird nach dem Wortlaut der
Arbeitsgemeinschaft Föhnforschung Bodensee/Rheintal (AGF) definiert als
gebirgsüberquerender Wind, der im Lee (windabgewandte Seite) bis in die Tallagen
oder gar bis ins Flachland hinaus vorstösst. Als Mindestbedingungen für Südföhn
auf der Alpennordseite müssen der Luftdruck im Süden der Alpen deutlich höher
sein als im Norden (Differenz meist > 4 hPa) und günstig gelegene
Gebirgsstationen knapp nördlich des Alpenhauptkammes (Gütsch, Piz Martegnas,
Crap Masegn)* mittlere südliche Winde von mindestens 8 m/s (ca. 30 km/h)
aufweisen. Ob dann der Föhn wirklich hinunter zu einer Alpentalstation vorstösst
oder nicht, wird mit lokalen Kriterien geprüft: die relative Luftfeuchtigkeit
sinkt unter 45%, und der mittlere Wind und die Windspitzen während einer Stunde
müssen 20 km/h resp. 36 km/h übertreffen. Für Alpenvorlandstationen sind die
Grenzwerte weniger streng, da die Föhnströmung nach Austritt aus dem Tal rasch
an Stärke einbüsst.
Unter
http://www.meteoschweiz.ch/de/Daten/Messwerte/IndexMesswerte.shtml sind die
aktuellen Winddaten von der Station Gütsch mit der Windrichtung und der
Windstärke in m/s, und unter
http://aviatik:MeteoSchweiz@www.meteoschweiz.ch/data/datapool/aviatik/ballonprognose/wind_enet.gif
die aktuellen Winddaten von Piz Martegnas und Crap Masegn mit der Windrichtung,
dem mittleren Wind und den Böenspitzen in m/s zu erfahren. Repräsentativ für die
Kammströmung im Raum Ostschweiz ist Piz Martegnas.
Bruno Dürr: diplomierte im Frühling
2000 in der Studienrichtung Naturwissenschaften an der ETH Zürich mit
Schwerpunkt Klimatologie/Hydrologie und arbeitet in der Arbeitsgemeinschaft
Föhnforschung Bodensee/Rheintal (AGF) mit. Adresse:
b.duerr@pmodwrc.ch
Entstehung der Föhnströmung
Am einfachsten stellt man sich die
Föhnströmung als einen Wildbach vor, der über ein Hindernis fliessen muss. Auf
der Vorderseite des Hindernisses staut sich das Wasser, um dann mit ungestümer
Kraft auf der Rückseite in die Tiefe zu stürzen. Ähnlich stauen sich bei Südföhn
die Luftmassen auf der Alpensüdseite. Beim Wildbach ist die Schwerkraft die
treibende Kraft, in der Atmosphäre jedoch ein horizontales Druckgefälle. Bei
Südföhn verstärkt sich unmittelbar über den Alpen das allgemeine
Luftdruckgefälle Richtung Norden, da auf der Alpennordseite die Luft aus
mittleren Lagen ungehindert Richtung Norden abfliessen kann, ohne dass sie auf
gleicher Höhe von Süden oder von der Seite wegen der Alpen wieder ersetzt werden
könnte. Statt dessen muss als Ersatz Luft aus höheren Bereichen der Atmosphäre
herabsteigen. Dabei erwärmt sie sich um 1 Grad pro 100 Höhenmeter und ist bei
gleichem Druck meist wärmer als die Luft, die von Süden unmittelbar über den
Alpenkamm fliesst. Diese Temperaturdifferenz bedeutet, dass die Luft auf dem
Alpenkamm schwerer ist und mit Hilfe der Schwerkraft entlang des Tales in die
Tiefe stürzt und sukzessive die kalte Luft an der Kontaktfläche
Föhnluft-Kaltluft wegerodiert. Ob der Föhn bis ins Tal vorstossen kann, hängt
u.a. davon ab, wie stark die Temperatur bei gleichem Druck vom Alpenkamm in
Richtung Norden zunimmt, wie weit hinaus das alpenquerende Druckgefälle Richtung
Mittelland reicht, wie gross der Dichteunterschied zwischen der Föhnluft und der
Kaltluft am Talboden ist und wie lange die Föhnströmung Zeit hat, um die kalte
Luft abzutragen. Diese und andere Kriterien sind im berühmten Widmer-Föhncheck
aus dem Jahre 1966 verwendet worden, welcher aufgrund statistischer
Untersuchungen Föhnlagen innerhalb von 12 bis 36 Stunden mit guter Genauigkeit
(8 bis 9 von 10 Fällen) voraussagen kann und heute noch routinemässig bei der
MeteoSchweiz verwendet wird. Leider wurde der Test spezifisch für die
Föhnstation Altdorf im Reusstal entwickelt. Er lässt sich deshalb nur beschränkt
auf das Rheintal anwenden, was wohl die Föhnprognosen für diese Region etwas
weniger präzis werden lässt.
Föhnhäufigkeiten im Rheintal
bis zum Bodensee
1971 wurde die AGF zu dem Zwecke
gegründet, Methoden für die Sturmwarnung bei Föhn im Bodenseeraum zu erarbeiten.
Sie hat in den letzten 30 Jahren eine grosse Anzahl von Föhnfällen erfasst und
Detailauswertungen in Arbeitsberichten der MeteoSchweiz veröffentlicht. Die
folgenden Angaben stammen aus dem Bericht Nr. 68. Bad Ragaz zählt etwa 700
(=100%) Föhnstunden pro Jahr, was ungefähr 8% aller Stunden des Jahres
entspricht. Diese Zahl nimmt gegen Norden Richtung Bodensee rasch ab: in Vaduz
werden nur noch 62% der Stunden von Bad Ragaz gemessen, im mittleren Rheintal
bei Oberriet noch 40%, und an der Rheinmündung noch 10% oder 70 Stunden pro
Jahr. Die Föhnstunden verteilen sich nicht gleichmässig auf das Jahr; sie haben
zwei ausgeprägte Maxima im März/April und im November. Im Juni, Juli und August
werden weniger als 10% aller Föhnstunden des Jahres registriert. Doch hat der
Föhn nicht nur einen Jahres-, sondern auch einen Tagesgang: Im oberen St.Galler
Rheintal bei Vaduz tritt er etwas häufiger am Nachmittag, am Bodensee jedoch
eher in der Nacht auf.
Welche Gefahren birgt der
Föhn für das Gleitschirmfliegen?
Bevor sich der Föhn bis zum Talboden
durchsetzen kann, fliesst er über die kalte Luft hinweg. Die kalte Luft bewegt
sich manchmal mit beachtlicher Stärke in Richtung der inneren Alpentäler, wo
aufgrund der warmen leichten Föhnluft oft ein Druckminimum besteht. Somit haben
wir es mit einer starken vertikalen Windscherung zu tun, d.h. die kalte Luft und
die Föhnluft fliessen in entgegengesetzter Richtung. Entlang der Scherfläche ist
mit Wellenbildung und heftiger Turbulenz zu rechnen. Besonders gefährlich ist es
dann, wenn die Scherzone nur knapp über dem Talboden liegt, wo bei Problemen
selbst Motor- und Segelfliegern kaum mehr Zeit zum Handeln bleibt. Da der Föhn
in einem breiter werdenden Talabschnitt oder nach Austritt ins Mittelland rasch
von seiner Stärke (Böenspitzen in Vaduz bis 160 km/h möglich, meist jedoch
zwischen 40 und 100 km/h) einbüsst, liegen Flugplätze im Alpenvorland günstiger,
falls die Gefahr für einen plötzlichen Föhnvorstoss besteht. Die letzten Stunden
vor einem Frontdurchgang mit westlichen bis südwestlichen Höhenwinden sind
Kandidaten für einen kurzen, heftigen Föhnvorstoss bis in die inneren Alpentäler
(seltener auch bis ins Alpenvorland), da der beschleunigte Druckfall vor der
Front innert kurzer Zeit ein starkes Druckgefälle von Süden nach Norden
verursachen kann. Allgemein ist besondere Vorsicht geboten bei Wetterlagen mit
starken Höhenwinden über den Alpen aus dem Sektor West bis Süd-Südost. Auf Flüge
in Föhntäler wie das Reuss- und das Rheintal sollte in solchen Situationen
grundsätzlich verzichtet werden.
Brunner Dürr