Heute auf der Speisekarte
Föhnspezialitäten

Jede Pilotin und jeder Pilot spricht über ihn. Oft führt er zu hitzigen Diskussionen. Aber eigentlich gibt es ihn gar nicht, DEN Föhn. Der Südföhn, um den es in diesem Artikel geht, tritt in verschiedensten Formen und Spielarten auf. Und: Er lässt sich nicht nur auf den Nord-Süd-Druckunterschied reduzieren!

Daniel Gerstgrasser, MeteoSchweiz Zürich

Versuch einer groben Einteilung
Grundsätzlich unterscheiden wir Meteorologen zwischen hochreichendem und seichtem (oder auch flachem) Föhn. Andere Unterscheidungsmerkmale, die in einem späteren Artikel näher behandelt werden, sind folgende:

Hochreichender Föhn
Beim hochreichenden Föhn werden die Föhnerscheinungen durch den Höhenwind (oberhalb von etwa 3000 Metern) aus südwest- bis südöstlicher Richtung unterstützt. Dies führt in der Regel zu ausgeprägten Föhnlagen, die klar erkennbar sind und die normalerweise keine Diskussionen am Startplatz auslösen. Die Absage des geplanten Fluges erfolgt in der Regel bereits am Vortag, spätestens aber am Morgen beim Abrufen der aktuellen Winddaten.

Flacher oder seichter Föhn
Der seichte Föhn hingegen wird nicht durch den Höhenwind unterstützt. Oberhalb von etwa 3000 Metern ist es in diesem Fall meist nur schwach windig oder im Extremfall sogar windstill. In vielen Fällen ist der seichte Föhn nicht eindeutig erkennbar; in den allgemeinen Wetterberichten wird er auch nicht immer erwähnt (eventuelle Stichworte: «föhnig» oder «in den Bergen schwacher bis mässiger Süd- bis Südostwind» oder auch «auf der Alpensüdseite hochnebelartig bewölkt»). Trotzdem ist er für uns Flieger ausgesprochen gefährlich, weil er recht scharf und vor allem böig «um die Ecke kommt». Wenn man den Hintergrund und die Entstehung des seichten Föhns kennt, so ist es für den meteo-interessierten Piloten recht gut möglich, eine solche Föhnlage rechtzeitig zu erkennen.

Bild 1: Kombination Bewölkung/Windrichtung/Windgeschwindigkeit/Böenspitze: Windwerte (Richtung, Mittelwind und Böenspitzen in Knoten) der ANETZ- und ENET-Stationen von MeteoSchweiz während der ausgeprägten Föhnlage vom 21. Februar 2004. Sämtliche Föhntäler auf der Alpennordseite haben angesprochen; der Föhn reicht bereits bis zum Alpennordrand. Anmerkung: Faustregel zur Umrechnung kt è km/h: Wert verdoppeln, dann 10% abziehen. 40 kt è ca. 72 km/h.
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Bild 2: Retour-d’est-Lage vom 11. Oktober 2005, 12.23 h Lokalzeit. Die Alpensüdseite liegt unter einer ziemlich kompakten Wolkenschicht, die Obergrenze ist in diesem Fall mit etwa 2800 m ü. M. sehr hoch. Nebelfelder über dem Mittelland und Richtung Zentralschweiz sind in Auflösung begriffen. Meteosat 8
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Bild 3: ECMWF-Analyse des Bodendruckes und der relativen Feuchte in 700 hPa, 27.2.2003, 12 UTC.
 

Bild 4: ECMWF-Analyse des Druckes sowie der Temperatur in 850 hPa (ca. 1500 m), 27.2.2003, 12 UTC.
 

Bild 5: Vergleich der Radiosonden von Payerne (blau) und Mailand (rot), 27.2.2003, 12 UTC.
 

Daniel Gerstgrasser
Während der Gleitschirmausbildung 1990 entdeckte er die Meteorologie. Nach dem Studium in der österreichischen Föhnhauptstadt Innsbruck verschlug es ihn 2002 an die MeteoSchweiz, wo er als Meteorologe arbeitet. Als Bergsteiger, Hobbyhüttenwart und ehemaliger Älpler gilt sein Hauptinteresse der alpinen Meteorologie. Spezialberatungen bei Luftsportveranstaltungen sind für ihn das Salz in der Suppe. daniel.gerstgrasser@meteoschweiz.ch

 

Entstehung des seichten Föhns
In der Regel haben wir es mit einer Hochdruckzelle mit Kern im Bereich von Deutschland oder Polen zu tun, welche im Laufe der Zeit ihr Zentrum nach Osten bzw. Südosten verschiebt. Dadurch fliesst in den bodennahen Schichten trockene und eher kühle Festlandluft östlich des Alpenbogens Richtung dalmatinische Küste. Dort macht sie sich als kalte und böige Bora bemerkbar. Mit ost- bis südöstlichen Winden gelangt diese Luft schliesslich via Adria, wo sie meist noch eine Ladung Feuchte aufnimmt, und via Poebene zur Alpensüdseite. Da die Feuchte aus Osten gegen die allgemeine Westströmung zurückströmt, wird dieser Vorgang auch «retour d’est» genannt. Am Ende dieses Vorganges treffen wir folgende Verhältnisse vor:

è Rein thermisch bedingter Südüberdruck von einigen Hektopascal.

Nur die Temperaturunterschiede in der Grundschicht zwischen der Alpennord- und Alpensüdseite treiben den Föhn an. Ist die Kaltluftschicht im Süden mächtig genug, kann sie Pass- und tiefere Kammlagen überströmen und tritt in den nördlichen Alpentälern als böiger und eher kalter Föhn in Erscheinung. Am anfälligsten dafür sind die Nord-Süd-gerichteten, alpenkammnahen Täler, beispielsweise das obere Hasli- und Reusstal sowie das Domleschg/Schams/Rheinwald, aber auch das Oberwallis. Ein gut entwickelter seichter Föhn kann aber grundsätzlich in allen Föhntälern in Erscheinung treten. Soweit also zu den Zutaten und den Auswirkungen dieser Föhnspezialität. Wie aber lässt sie sich frühzeitig erkennen?

Zur Diagnose
Zunächst einmal ist es sinnvoll, den Wetterbericht auf die weiter oben genannten Schlagworte abzuklopfen. Schöpft der Pilot oder die Pilotin Verdacht und gibt es anhand der aktuellen Messwerte noch keine konkreten Hinweise, so können die numerischen Wetterkarten weiterhelfen. Wichtig sind vor allem die Bodendruckkarte sowie das Geopotential und die Temperatur im 850 hPa Niveau (≈Druck- und Temperaturkarte auf 1500 m). Finden sich in diesen beiden Niveaus Drucknasen (Stauknie mit höherem Druck im Süden) und lagern auf der Alpensüdseite in 850 hPa zudem noch kältere Luftmassen, so ist Vorsicht geboten. Die Wetterkarten vom 27. Februar 2003 zeigen es schulbuchmässig: Hier wird die von Süden über die Alpen fliessende Kaltluft den Flugspass verderben.
Auch in Bild 4 ist das Stauknie eindeutig erkennbar, und die Temperaturverteilung gibt einen klaren Hinweis: Nördlich des Alpenhauptkammes beträgt die Luftmassentemperatur +3 Grad, gleichzeitig zeigt die Analyse auf der Alpensüdseite eine Temperatur von etwa –2 Grad! Dies ist auch an den ANETZ-Stationen eindeutig erkennbar, wie die Messwerte von 12 UTC zeigen:

Cimetta (1671 m) / Chasseral (1599 m): –1,8 °C / +3,0 °C
Gütsch (2287 m) / Pilatus (2106 m): –5,8 °C / +1,2 °C

Endgültige Klarheit schafft der Vergleich der Radiosonden von Payerne und Mailand: Unterhalb von etwa 3000 m ist die Luftmasse auf der Alpensüdseite etwa 5 bis 6 Grad kälter (Abb. 5). Diese Kaltluft gelangt also über die Alpenpässe und Bergkämme, welche nicht höher als 3000 Meter sind, nach Norden. Dort macht sie sich in den Tälern als böiger Föhn bemerkbar. Oberhalb der 3000-Meter-Marke lagern beidseits der Alpen praktisch identische Luftmassen. Höchst interessant sind die Böenspitzen, welche während des Ereignisses gemessen wurden:

Böenspitzen in km/h vom 27.2.2003, 6 bis 12 UTC

Jungfraujoch 3580 m ü. M.   18 km/h !
Säntis 2490 m ü. M.   22 km/h
Gütsch 2287 m ü. M.   78 km/h
Pilatus 2106 m ü. M.   34 km/h
Chur 555 m ü. M.   43 km/h
Altdorf 449 m ü. M.   80 km/h
Vaduz 460 m ü. M.   62 km/h

Ein ausgewachsener Föhn also, obwohl an den hochalpinen Startplätzen durchaus an einen Gleitschirmflug zu denken wäre…

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