Hat dieses Klimaphänomen im Pazifik
Auswirkungen auf unser Wetter?
Alle zwei bis sieben Jahre stört das Klimaphänomen El Niño den normalen Wetterablauf im
Pazifik. Wo es regnen sollte, herrscht Dürre, und Trockengebiete werden überflutet. Die
Auswirkungen sind global. Auch das Winterwetter in Europa ist davon betroffen.
«Überschwemmungen und Dürren in Lateinamerika haben katastrophale Folgen für Mensch und Wirtschaft.» Solche Schlagzeilen waren diesen Winter oft zu lesen. Das Klimaphänomen El Niño nämlich stellte im Pazifik den normalen Wetterablauf auf den Kopf. Die lange schwelenden Waldbrände in Indonesien oder die verheerenden Überschwemmungen in Ostafrika waren eine Folge davon. Dafür spross in der Wüste von Peru ein Blumenmeer.
Die Auswirkungen von El Niño auf das tropische Wetter sind direkt und lassen sich bis zu einem gewissen Grad sogar voraussagen. Sind in den mittleren Breiten, wo sich das Wetter extrem chaotisch verhält, die Auswirkungen spürbar? Da es weit vom Pazifik entfernt liegt, wird für Europa die Frage noch schwieriger.
Weshalb El Niño?
Übersetzt aus dem Spanischen heisst El Niño «Der Knabe». Mit diesem Ausdruck benannten
peruanische Sardellenfischer den warmen Meeresstrom, der gelegentlich um die
Weihnachtszeit daher die Anspielung auf das Christkind vor der südamerikanischen
Küste erschien. El Niño beeinflusst die traditionelle Fischerei in Peru und Equador. In
normalen Jahren steigt kaltes, nahrungsreiches Wasser vor der Küste zur Oberfläche auf.
Darin bildet sich viel Plankton, die Nahrungsgrundlage der Sardellen. Wenn in
El-Niño-Jahren der Zustrom des kalten Wassers abnimmt und das warme, nahrungsarme Wasser
vor die Küste strömt, fangen die Fischer kaum eine Sardelle.
Der Normalzustand
Heute bezeichnet El Niño das gesamte Klimaphänomen im Pazifik. In normalen Jahren bringt
der Humboldt-Strom relativ kaltes Wasser entlang der Westküste Südamerikas nach Norden,
ein Effekt, der durch das aufströmende kalte Tiefenwasser vor der peruanischen Küste
verstärkt wird. Das kalte Wasser strömt dann westwärts dem Äquator entlang und wird
durch die tropische Sonne erwärmt. Diese normalen Bedingungen führen dazu, dass der
westliche Pazifik etwa 3 bis 8°C wärmer ist als der östliche Pazifik, wobei die
grössten Unterschiede im September und Oktober auftreten. Tropische Gewitter und starker
Regen fällt fast ausschliesslich dann, wenn die Wassertemperatur 28°C übersteigt. So
regnet es in grossen Gebieten hauptsächlich im indonesischen Raum während Januar bis
April, wenn die Wassertemperaturen im zentralen Pazifik am höchsten sind. Während
September und Oktober ist der tropische Regen auf den westlichen Pazifik begrenzt, weil
die Wassertemperaturen östlich der Datumsgrenze unter 28°C sinken.
1997, ein El-Niño-Jahr
Seit April 1997 sanken die Wassertemperaturen im mittleren und östlichen Pazifik auf
nicht unter 28°C; die normale Abkühlung des Meerwassers vor allem von Juni bis Oktober
blieb also aus. Um etwa 23 °C zu warm blieb der mittlere Pazifik und etwa 4°C zu warm
der östliche Pazifik. Damit verschoben sich auch die starken Niederschläge in dieses
Gebiet. Peru und Equador ertranken beinahe in den Fluten, während der indonesische Raum
unter einer katastrophalen Dürre litt.
Grundsätzlich besteht das El-Niño-Phänomen aus einer ungewöhnlichen Erwärmung des östlichen und zentralen tropischen Pazifiks, ein Bereich, der sich während starken Episoden von der Datumsgrenze bis zur Westküste Südamerikas erstreckt. Das warme Wasser wird nicht nur von grossräumigen Änderungen im tropischen Regen begleitet, sondern auch von Änderungen in den Windfeldern und im Luftdruck, die schliesslich aufeinander einwirken und den Wetterablauf global beeinflussen.
Mit der Zunahme des tropischen Regens östlich der Datumsgrenze kommt El Niño im frühen Dezember in sein Hauptstadium, das gewöhnlich bis April oder Mai dauert. Die letzten Auswirkungen klingen im Mai, manchmal auch erst im Juni ab. Ein El-Niño-Ereignis dauert insgesamt bis etwa 18 Monate und wiederholt sich alle zwei bis sieben Jahre. So erschien El Niño in den Jahren 19821983, 19861987, 19911992 und 1994.
El Niños globale Auswirkungen
Die Wassertemperaturen und die Verteilung des tropischen Regens beeinflussen die
Erwärmung der Atmosphäre in den Tropen und Subtropen. Die grösste Erwärmung tritt
über den Gebieten mit den höchsten Wassertemperaturen und dem stärksten Regen auf. In
diesem Bereich verstärkt sich der Nord-Süd-Temperaturunterschied. Dieser
Temperaturunterschied wiederum beeinflusst die Stärke und den Ort des Jetstreams der
mittleren Breiten während der Wintersaison. Am stärksten ist der Jetstream in dieser
Jahreszeit normalerweise im westlichen Pazifik, El Niño aber im mittleren bis östlichen
Pazifik. Der Jetstream steuert die Zugbahn der Stürme in den mittleren Breiten, wobei
sein grösster Einfluss im Winter und Frühling zu erwarten ist. Auf diese Weise sind die
Länder, die weiter nördlich oder südlich am Pazifik liegen, auch von El Niño
betroffen.
Auswirkung auf Europa
Es gibt Vermutungen, dass sich El Niño auch auf Europa auswirken könnte. Einerseits kann
dies durch die Beeinflussung des Jetstreams möglich sein, anderseits durch die
Meeressstömungen, die vom Atlantik bis in den Pazifik reichen. Statistische
Untersuchungen haben gezeigt, dass während der Wintermonate einer El-Niño-Phase der
Luftdruck über Mitteleuropa im Mittel bis 1 hPa tiefer liegt. Während
«Anti-El-Niño-Phasen», auch bekannt als «La Niña», was übersetzt «das Mädchen»
heisst, wenn quasi als Überreaktion mehr kaltes Wasser in den östlichen, äquatorialen
Pazifik fliesst, steigt der Luftdruck in Mitteleuropa um ca. 1 hPa über den Durchschnitt.
Konkret bedeutet das eine Tendenz zu wechselhaftem Westwindwetter während El-Niño- und
zu stabilerem Hochdruckwetter während La-Niña-Phasen. Mit dem wechselhaften
Westwindwetter gelangt wärmere und feuchtere Luft nach Mitteleuropa. Der Zusammenhang von
El Niño mit mehr Niederschlägen und höheren Temperaturen in England ist ebenfalls
statistisch belegt.
Und der Sommer 1998?
Die Auswirkungen von El Niño auf Europas Wetter beschränken sich auf die Monate
Dezember, Januar und Februar. Ein Einfluss auf das Sommerwetter konnte bis jetzt nicht
nachgewiesen werden. So behält Petrus das alleinige Bestimmungsrecht über die guten
Flugtage in den Alpen.
Martin Gassner