Bringt die Klimaerwärmung mehr Regen?
Überschwemmungen und Flutkatastrophen mit verheerenden Schäden scheinen sich in den letzten Jahren zu häufen. Tatsächlich ist die Zahl starker Niederschläge um 20% bis 80% gestiegen. Diesen Trend zeigen auch Computermodelle. Hinweise verdichten sich, dass sich als Folge der Klimaerwärmung der Wasserkreislauf intensiviert. Damit transportiert die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit. Während subtropische Gebiete austrocknen, könnten Extremereignisse in mittleren Breiten zunehmen.
Als feucht und nass bleibt der Sommer 2000 in Erinnerung. Wochenlanges Warten auf gute Streckenflugtage war die Regel. Auch die Sommer '99 und '98 präsentierten sich analog. Ist die Klimaerwärmung die Ursache dafür, dass es in den Alpen häufiger regnet? Eine berechtigte Frage. Weitet man nämlich den Blick von den Flugtagen auf die klimatischen Verhältnisse der Alpen aus, wird deutlich, dass die Auswirkungen ein weit dramatischeres, ja sogar existenzielles Ausmass erreichen. In den letzten Jahren häuften sich Flutkatastrophen in den Alpen auffallend. Sind diese Flutkatastrophen die Folge davon, dass mit der Klimaerwärmung mehr Feuchtigkeit in die Alpen gelangt?
![]() Foto 1: Baltschieder VS im Oktober 2000. |
![]() Abb. 1: Entwicklung intensiver Niederschläge, die etwa alle 30 Tage auftreten. Anzahl Ereignisse im Herbst (Sept.Nov.) im Durchschnitt von 35 Stationen im Schweizer Alpenraum. (Ch. Frei, Institut für Klimaforschung, ETH Zürich) |
![]() Abb. 2: Gewaltiger Feuchtetransport gegen die Alpen am 15. Oktober 2000 um 00 Uhr. 24-h-Vorhersage des vertikal integrierten Feuchteflusses aus dem Schweiz-Modell der MeteoSchweiz. (Ch. Frei, Institut für Klimaforschung, ETH Zürich) |
![]() Abb. 3: Maximaler Wassergehalt der Luft in Abhängigkeit von der Temperatur. Quelle: Bulletin ETH Zürich Nr. 280 Januar 2001, http://www.cc.ethz.ch/bulletin/, Bundesamt für Wasser und Geologie, http://www.bwg.admin.ch/d/UW00_Fotos_gross.htm |
Zahlreiche Flutkatastrophen
Die letzte Flutkatastrophe ereignete sich erst vor kurzem: Mitte Oktober 2000
regnete es im Wallis, im Tessin und im Aostatal kräftig und anhaltend. An einigen Orten
fiel in fünf Tagen soviel Niederschlag, wie gewöhnlich in drei Monaten fällt.
Schlammlawinen zerstörten Bergsiedlungen und Verkehrswege. Bäche und Flüsse suchten
sich ihren Weg durch Dörfer und über Äcker. Der Lago Maggiore stieg sogar über die
bisherige Höchstmarke aus dem Jahre 1907. Noch Tage später überfüllten die
Wassermassen das Flussbett des Po. 25 Tote waren die traurige Bilanz.
Solche Extremniederschläge verursachen in der Schweiz 200 Millionen Franken Schaden pro
Jahr. Auf den ersten Blick erscheint die Zahl moderat. Die hauptsächlich betroffenen
Bergkantone jedoch, die ohnehin schon unter schwierigen ökonomischen Verhältnissen
leiden, werden neben den direkten Schäden zusätzlich noch mit kostspieligen
Vorsorgemassnahmen belastet. Zudem entstehen die Schäden vorwiegend durch seltene,
besonders starke Ereignisse: In den 25 Jahren 1972 1996 verursachten die
Überschwemmungen von 1987 im Reusstal, im Tessin und im Puschlav sowie 1993 in Brig mehr
als die Hälfte der Schäden. Man schätzt, dass Regenmengen, wie sie im Piemont 1994, in
Sachseln 1996 und beim Pfingsthochwasser 1999 gefallen sind, etwa alle 25 bis 100 Jahre
einmal vorkommen. Sind solche Ereignisse häufiger geworden? Müssen wir öfter mit
Überschwemmungen rechnen? Das Team um Dr. Christoph Frei und Prof. Christoph Schär am
Institut für Klimaforschung sucht Antworten auf diese Fragen. Sie analysieren Klimadaten
und simulieren den Wasserkreislauf mittels komplexer Computermodelle.
Starke Niederschläge haben
zugenommen
Als Basis für ihre Untersuchungen verwenden die Forscher Daten aus etwa 100
Niederschlagsmessungen in der Schweiz, die bis anfangs des 20. Jahrhunderts
zurückreichen. Diese Zeitspanne ist aber zu kurz, um beurteilen zu können, ob diese
Ereignisse aus zufälligen Variationen entstanden sind oder ob sie die Folge von
langzeitlichen Veränderungen sind. Der Unterscheidung zwischen Zufall und «Signal» sind
durch die Seltenheit von Extremereignissen Grenzen gesetzt. Statistisch kann ein Trend nur
dann nachgewiesen werden, wenn die Ereignisse um einen Faktor 10 bis 20 häufiger werden.
Kleinere Trends verschwinden im Auf und Ab. Um dennoch die Messreihen auf Trends
untersuchen zu können, analysierten die Wissenschaftler Intensivniederschläge, die
häufiger auftreten als Extremereignisse.
Intensive Niederschläge kommen im Durchschnitt einmal pro Monat vor. Während den letzten
100 Jahren stieg ihre Häufigkeit im Herbst und im Winter um 20% bis 80% (siehe Abb. 1).
Allerdings ist diese Zunahme nicht unbedingt für Extremniederschläge repräsentativ.
Auch beweist sie nicht, dass ein Zusammenhang mit der Klimaveränderung existiert. Die
Zunahme weist aber auf eine markante, langzeitliche Veränderung der
Niederschlagsstatistik hin. Da ähnliche Beobachtungen aus anderen Gebieten existieren,
stützt die wachsende Zahl intensiver Niederschläge die These, dass der Wasserkreislauf
des Klimasystems durch die beobachtete globale Erwärmung beeinflusst sein könnte.
Globale Erwärmung
beeinflusst Wasserkreislauf
Würde die gesamte Feuchtigkeit der Atmosphäre der mittleren Breiten ausregnen,
würde pro Quadratmeter etwa 5 bis 30 Liter Regen fallen. Das ist zu wenig für
Extremniederschläge von über 100 Liter, weshalb die Feuchtigkeit mit atmosphärischen
Strömungen herantransportiert werden muss. Zur Alpensüdseite, die weitaus am häufigsten
betroffen ist, gelangt die Feuchte vom Mittelmeer. Besonders spektakulär war dieser
Transport beim Ereignis Mitte Oktober 2000. Über die ligurische Küste, zwischen Seealpen
und Apennin, förderte die Atmosphäre Wassermengen heran, die den Mündungsabfluss des
Kongo in Afrika oder des Jangtsekiang übertreffen (siehe Abb. 2). Dies sind bezüglich
Abflussmenge nach dem Amazonas die mächtigsten Flüsse der Erde. Auch wenn nur ein Teil
als Regen gefallen ist, waren die Flüsse damit deutlich überfordert.
Verstärkter
Wasserkreislauf
Die erwartete Klimaerwärmung könnte den Transport von Wasserdampf in der
Atmosphäre deutlich beeinflussen. Die maximale Menge Wasserdampf, welche die Luft
aufnehmen kann, steigt pro Grad Erwärmung um 7% (siehe Abb. 3). Eine wärmere Atmosphäre
kann damit wesentlich mehr Wasser aufnehmen und befördern. Auch globale Klimamodelle, mit
welchen die Prozesse des Klimasystems bis zum Ende des 21. Jahrhunderts simuliert werden,
enthalten diesen Effekt. Neben der bekannten Erwärmung um 1° bis 3.5°C im globalen
Mittel zeigen sie auch eine Intensivierung des Wasserkreislaufs. Während subtropische,
aride Gebiete, zum Beispiel die Mittelmeerländer, durch die erhöhte Verdunstung
zunehmend austrocknen, zeigen die Modelle für die mittleren und hohen Breiten einen
erhöhten Wasserdampftransport von den Ozeanen gegen die Landmassen und eine Zunahme des
mittleren Niederschlags. Regionale Modelle, welche die Abläufe im Alpenraum detailliert
darstellen, enthalten bemerkenswerte Auswirkungen: Bei einer angenommenen Erwärmung von
2°C treten intensive Regenfälle um 20% 40% häufiger auf, während schwache und
mittlere unverändert bleiben.
Wachsende Evidenz
Auch andere globale und regionale Klimamodelle zeigen eine Intensivierung des
Wasserkreislaufs als Folge einer erhöhten Treibhausgas-Konzentration. Die Modellresultate
erscheinen physikalisch plausibel. Auch stimmen sie qualitativ mit der in vielen Gebieten
der mittleren Breiten beobachteten Zunahme starker Niederschläge überein. Einige offene
Fragen mahnen jedoch zur Vorsicht mit voreiligen Prognosen: Die Trends könnten durch
natürliche Langzeit-Variationen des Klimas verursacht sein. Der intensivierte
Wasserkreislauf könnte auch von Änderungen in der grossskaligen Zirkulation der
Atmosphäre und damit häufiger auftretenden Starkniederschlags-Wetterlagen herrühren.
Noch ist nicht klar, wie sich die Zirkulation weiterentwickelt, wenn die Böden der
subtropischen Gebiete vollständig ausgetrocknet sind und keine Feuchtigkeit mehr abgeben
können. Dennoch bringt die wachsende Evidenz für einen Wandel von Starkniederschlägen
die Frage nach deren Auswirkungen auf Flüsse und Hochwasser an die Spitze in der
Klimaforschung.
Martin Gassner