Numerische Modelle für Wetterprognosen

Als ich letzten Sommer im Internet nach nützlichen Wetterprognosen für die Hängegleiterfliegerei Ausschau hielt, fand ich eine aussergewöhnliche Homepage aus den USA, die all meine Erwartungen überstieg.

Es handelt sich um die Homepage der NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), des nationalen Instituts für Meeres- und Klimaforschung der Vereinigten Staaten. Vor dieser Entdeckung war ich gewohnt, fein säuberlich die Messungen der Radiosonden von Payerne und der Wetterstationen der Schweiz zu notieren und auch das Wetter bei der SMA abzufragen. Diese Werte jedoch stammen entweder von der letzten Nacht (Radiosonden) oder dem letzten Morgen (Bodenstationen), und sie verändern sich meistens im Verlauf des Tages. Ferner sind die Daten der SMA ziemlich ungenau und liefern keine Angaben über die bevorstehende Entwicklung der Temperatur, Feuchtigkeit, Druckverteilung und Winde auf verschiedenen Höhen. Schon bevor das Internet aufkam, träumte ich vom Zugang zu solchen Informationen. Nun aber können gerade numerische Modelle die Informationen für solche Wettervorhersagen liefern. Das Internet musste aufkommen, um jedem Piloten diesen einfachen und schnellen Zugang zu gewähren.
Ein numerisches Modell ist ein leistungsstarkes Computersystem, das anhand von Klimadaten (Parameter wie Luftdruck, -temperatur, -feuchtigkeit) und physikalischen Gesetzmässigkeiten die mögliche Entwicklung dieser Parameter errechnet. Die Basisdaten werden über das weltweit grösste Netz an Wetterstationen (Radiosonden, Boden-, Schiff- oder Flugzeugmessungen) eingesammelt, dann homogenisiert, initialisiert und in einem dreidimensionalen, virtuellen Raster verteilt, der eine bestimmte geographische Zone abdeckt. Das numerische System ermittelt dann den weiteren Verlauf der Luftparameter an jedem Punkt des Rasters in regelmässigen Abständen (z.B. im Dreistundentakt) und über eine bestimmte Prognosezeit, je nach System (z.B. über zwei Tage für die Kurzzeitprognose). Für den Hängegleiterpiloten sind folgende Kriterien von Bedeutung: Windrichtung, Windstärke, Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Niederschlagsmenge, Bewölkung usw. Die Entwicklung der Luftparameter an einem Rasterpunkt hängt sowohl von den ursprünglichen Werten ab als auch von den Entwicklungstendenzen der Parameter an den anderen Rasterpunkten. Die Abhängigkeit zwischen Parameter und Gleichungen zur Beschreibung von atmosphärischen Phänomenen ist sehr komplex. Der rechnerische Prozess zur Ermittlung numerischer Vorhersagen muss rasch sein, damit die Anwendbarkeit der Ergebnisse gewährleistet ist. Deshalb lief die Entwicklung der Modelle in den letzten zwanzig Jahren Hand in Hand mit jener der leistungsfähigsten Rechner.

  AVN111 AVN191

MRF191

Planimetrische
Auflösung 
111 km 191 km

191 km

Altimetrische
Auflösung

Jede 50 hPa              

925–850–700-500...usw. hPa 925–850–700-500...usw. hPa
Zeitliche
Auflösung
3 Std 6 Std

12 Std

Dauer 36–48 Std 3–4 Tage

10–12 Tage

Geografisches
Ausmass
Nördliche Hemisphäre Ganze Welt

Ganze Welt

Parameterzahl

++++  

+++ ++ (Nebeldecke fehlt)
Web-Adresse
der Karte
www.arl.noaa.gov/ready-bin/arlplot1.pl?metdata=
AVN
+111+km
www.arl.noaa.gov/ready-bin/arlplot1.pl?metdata=
AVN
+191+km

www.arl.noaa.gov/ready-bin/arlplot1.pl?metdata=
MRF
+191+km

Web-Adresse der Meteogramme www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
AVN
+111+km
www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
AVN
+191+km

www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
MRF
+191+km

Web-Adresse
der Sondierungen
www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
AVN+111+km
www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
AVN+191+km

www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=
MRF+191+km

Tabelle 1

 

Geografischer Ort

Breitengrad Längengrad

Genf Flughafen

46.24 6.11

Aigle

46.32 6.92

Sitten

46.23 7.36

Brig

46.31 7.99

Thun

46.76 7.64

Payerne Flugplatz

46.84 6.92

Zürich Flughafen

47.46 8.55

Chur

46.86 9.52

Lugano

46.00 8.95

Grenoble

45.18 5.73
Innsbruck   47.27 11.40

Castellane (St-André les Alpes)

43.85 6.51

Tabelle 2

 


Abbildung 1

 


Abbildung 2

 


Abbildung 3

 


Abbildung 4

 


Abbildung 7

 


Abbildung 8

 


Abbildung 9

 


Abbildung 10

 


Abbildung 11

 

Räumliche und zeitliche Auflösung numerischer Modelle
Numerische Systeme sind Darstellungen besonderer geographischer Zonen in Form eines dreidimensionalen, virtuellen Maschenwerkes. Vom Zeitpunkt Null ausgehend werden von den Realmessungen bei jeder Masche die Werte verschiedener Parameter (Luftdruck, -temperatur, -feuchtigkeit usw.) initialisiert (extrapoliert). Danach werden in regelmässigen Abständen die neuen Werte für die Vorhersage der nächsten Stunden bis Tage hochgerechnet. Je dichter die Maschen, desto höher die räumliche Auflösung. Je kürzer die Zeitabstände, umso präziser die zeitliche Auflösung. Bei der räumlichen Auflösung gibt es die planimetrische Auflösung, ein Punktenetz, das über der Erdoberfläche liegt. Meistens ist der Raster am Boden «viereckig», und alle Punkte sind gleichweit voneinander entfernt. Bei den feinen regionalen Modellen sind die Punkte nur einige Kilometer entfernt, bei den Weltmodellen mehrere Dutzend Kilometer. Ferner gibt es die höhenbedingte (altimetrisch-räumliche) Auflösung, die einiges komplexer und weniger regelmässig ist. Meistens werden nicht die metrischen Werte, sondern die Werte der Isobarenschichten benützt: Punkte auf 925 hPa (ca. 1000 m), 850 hPa (ca. 1500 m), 700 hPa (ca. 3100 m) und 500 hPa (ca. 5500 m). Abbildung 1 stellt solch eine räumliche Auflösung dar. Nebst der Dauer der Vorhersage (einige Stunden bis einige Tage) und der Grösse der aufgezeichneten Zonen (von einer Gegend bis zur ganzen Erde) bestimmt das Modell auch die Zahl der zur Verarbeitung aufgenommenen Parameter.

Ein Schweizer Modell plus drei interaktive Modelle
MeteoSchweiz hat in Zusammenarbeit mit dem deutschen Wetterdienst ein numerisches Prognosenmodell mit hoher Auflösung entwickelt, genannt «Schweizer-Modell» (SM). Es stellt zwei Mal pro Tag eine 48-Stunden-Prognose zur Verfügung. Sein Raster zählt 145 x 145 Punkte am Boden, 14 km Maschendistanz und 20 Ebenen (420500 Punkte insgesamt). Das Maschenwerk deckt die Schweiz mit den Nachbarregionen ab. Die Rechnungen des SM werden von der Grossrechenanlage SGI-CRAY J90 der ETH Zürich vorgenommen. In ca. 90 Minuten liefert er MeteoSchweiz die letzten Prognosen jeweils um 4.30 Uhr und 16.30 Uhr (Sommerzeit). Die Ergebnisse werden automatisch in Graphik- und Tabellenform über das Informationsnetz der MeteoSchweiz weiter verteilt, sodass die Wetterfrösche in Genf, Kloten, Locarno und Zürich sofort mit der Auswertung beginnen können. Es existieren auch europäische Modelle wie das ECMWF und das DM. Die Darstellungen dieser Modelle sind aber leider nicht abrufbar im Internet. Die drei numerischen Modelle, die ich bei der NOAA (www.noaa.gov/) ausgesucht habe, heissen AVN111, AVN191 und MRF191. AVN steht für «aviation» und MRF für «Medium Range Forecast» (mittelfristige Vorhersage). Zugang zu diesen Modellen erhält man über die Links der Seite READY (Realtime Environmental Application and Display System) der ARL (Air Resource Laboratory), nämlich www.arl.noaa.gov/ready.html und auf der Seite Cmet (Current Meteorology) www.arl.noaa.gov/ready/cmet.html. Tabelle 1 fasst die Eigenschaften dieser drei Systeme zusammen. Bevor man diesen Gratisservice in Anspruch nimmt, ist es ratsam, die Anwendungshinweise unter www.arl.noaa.gov/ready/disclaim.html durchzulesen.

Drei Hauptpräsentationsarten der Ergebnisse
Vorab zwei Bemerkungen: 1. Um an die Resultate zu gelangen, braucht es vorgängig konkrete Eingaben, da es sich um ein interaktives System handelt. Die Resultate fliessen einem nicht ohne weiteres zu, sondern müssen vom Benützer bestellt werden. 2. Die Werte der Parameter werden bei jeder Masche des Rasters unterschiedlich hochgerechnet. Dennoch kann der Benützer den Wert an einem beliebigen Ort der Erdoberfläche abfragen. Das System extrapoliert diesen Wert geometrisch aufgrund der nächstliegenden Maschen. Die AVN- und MRF-Systeme extrapolieren jedoch nicht zwischen den bestimmten Höhen der Systeme (geopotentiale Schichten). Die Ergebnisse der AVN- und MRF-Systeme werden im Web auf drei Arten dargestellt, nämlich als Meteogramme, synoptische Karten und virtuelle Sondierungen.
(1) Das Meteogramm zeigt in graphischer Form die zeitliche Entwicklung der gewählten Parameter (Maximum 5) an einem bestimmten Ort der Erdoberfläche. Siehe Beispiel Abbildung 4. Die gewählten Parameter sind Wind in 700 hPa (ca. 3000 m) in Knoten, Lufttemperatur am Boden, Bewölkungsgrad in %, Niederschlagsmenge über eine bestimmte Zeit in mm (6 h in unserem Beispiel) und Luftdruck auf Meereshöhe in hPa.
(2) Die synoptische Karte bedient sich maximal zweier Parameter. Hier werden der Wind in 700 hPa und der auf Meereshöhe reduzierte Luftdruck angegeben. Interessante Karten können auch mit den Niederschlägen oder mit dem Bewölkungsgrad erstellt werden.
(3) Die virtuelle Sondierung ist am erstaunlichsten, wenn auch am wenigsten interaktiv. Siehe Abbildungen 8 und 9. Sie gleicht praktisch dem Emagramm, das mittels Radiosonden Wind-, Temperatur- und Feuchtigkeitskurven durch verschiedene Höhen darstellt. Sie kann von jedem Ort der Forschungsebene des Systems verlangt werden.

Vernünftige Parameterwahl; Anwendungsbeispiel von AVN111 und AVN191
Grosser Nachteil bei den interaktiven Systemen AVN11, AVN191 und MRF191 ist, dass man sich leicht im Urwald der unzähligen Darstellungsmöglichkeiten verliert und die Zahl der erstellten Meteogramme, Karten und Sondierungen letztlich aus zeitlichen Gründen gar nicht mehr konsultieren kann. Deshalb wendet man mit steigender Erfahrung eigene Disziplin- und Verhaltensregeln an, um innerhalb nützlicher Zeit die wichtigsten Informationen zu erhalten. Jeder darf diese selber erstellen. Als Beispiel nachstehend die meinen: Zuerst gilt es, sich zu fragen, welche Informationen für die Beurteilung des nächsten Tages oder der nächsten Tage absolut wichtig sind. Das allgemeine Wetter resp. die allgemeine Lage sind genügend ausführlich im SMA-Bulletin beschrieben www.meteoschweiz.ch. Sehr nützlich sind auch die Seiten über die Messwerte (Temperatur, Luftdruck, Wind usw.). Für uns von grosser Bedeutung, jedoch nicht angegeben, werden erstens die Entwicklung des Luftdruckes und insbesondere die Nord-Süd-Unterschiede (≥ 3 hPa sind für uns ungünstig!), zweitens der Verlauf der Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit mit der Höhe (Temperaturgradient und Wolkenbildung) und schliesslich drittens die Entwicklung der Winde (Stärke + Richtung) in der Höhe. Um die Daten dieses numerischen Systems abzurufen, braucht man die geographischen Koordinaten des gewählten Ortes. Tabelle 2 liefert ein paar nützliche Angaben für die Schweiz und die umliegenden Alpenzonen.
Um einen groben Überblick der Lage zu gewinnen, schaue ich mir zuerst ein AVN19-Meteogramm (www.arl.noaa.gov/ready-bin/metgramsrc.pl?metdata=AVN+191+km) der gewünschten Flugregion an. Für AVN111- und MRF191-Meteogramme ist das Vorgehen identisch. Die erste in Erscheinung tretende Webseite dient der Eingabe der gewählten Koordinaten. Siehe Abbildung 2. (a) Als erstes werden also die Koordinaten der gewünschten Flugregion in zwei kleine Felder eingetragen, in unserem Beispiel Genf Flughafen: 46.24 und 6.11. (b) Dann wird durch Anklicken von «NEXT» die nächste Seite aufgerufen. 
Hier werden die nützlichen Parameter sowie die Dauer des Meteogramms eingefüllt. Siehe Abbildung 3. (a) Man kann das Datum und die Zeit der Initialisierung wählen, doch meistens ist es besser, man lässt das vorgegebene, optimale Datum. (b) Hier empfiehlt es sich, die maximale Prognosedauer zu wählen, 84 h für AVN191, da die Seite aus Versehen 12 h vorschlägt. (c) Dann Option 3 anklicken und die gewünschten Parameter angeben. (d) Genau an diesem Punkt wird es interessant. Man kann fünf aerologische Parameter in den gewünschten Höhen wählen. Zum Beispiel, Luftdruck am Boden (SFC), Niederschlagsmenge, Temperatur 2 m über dem Boden, Bewölkungsgrad sowie Windstärke und -richtung in 700 hPa (ca. 3100 m). Diese Wahl hat sich bewährt, da sie die Fliegbarkeit rasch erkennen lässt. (e) Durch Anklicken wechselt man zur nächsten Seite, wo die Resultate präsentiert werden.
Auf dieser neuen Internet-Seite (siehe Abbildung 4) erkennt man auf der Abszisse das Datum und die Stunde (alle 6 Stunden) und auf der Ordinate die zeitliche Entwicklung der fünf Parameter. Dabei sei bemerkt, dass es sich um die UTC, die koordinierte Weltzeit (Greenwich) handelt. Um die Sommerzeit in den helvetischen Breitengraden zu erhalten, müssen zwei Stunden hinzugerechnet werden (12.00 Uhr UTC = 14.00 Uhr Sommerzeit bei uns). Von oben nach unten kann man den Wind (Stärke in Knoten, Richtung mittels Pfeil) lesen, den Bedeckungsgrad (in %), die Temperatur 2 m über Boden in °C, die Niederschlagsmenge über sechs Stunden in mm und den Luftdruck am Boden in hPa. Während Dienstag, 29.5.2001 (TUE) eher günstig erscheint – hoher Luftdruck, wenig Wind in der Höhe, kaum Bewölkung und kein Regen –, sehen Mittwoch (WED) und ganz besonders Donnerstag (THU) offensichtlich schlecht aus. Wir brauchen folglich keine weiteren Recherchen für Mittwoch und Donnerstag anzustellen. Es lohnt sich also, mit einem Meteogramm über mehrere Tage zu beginnen, um eine erste Auswahl der «guten» Tage zu treffen. Mit dem MRF191-System hätte man die Prognose über zehn bis zwölf Tage (alle 12 Stunden) in Anspruch nehmen können. Leider werden da keine Angaben über die Bewölkung geliefert. Ferner sind die Vorhersagen für sechs bis sieben Tage erfahrungsgemäss wenig zuverlässig.
Diese Prognosen erwiesen sich als richtig und entsprechen auch denen der SMA-Homepage. Nun gilt es, die Vorhersagen für Dienstag zu vertiefen. Hierzu leistet das AVN111-System dank ihrer guten räumlichen und zeitlichen Auflösung wertvolle Dienste. Nehmen wir z.B. die synoptische Karte, die uns Auskunft über die Entwicklung der Luftdruckverteilung gibt (www.arl.noaa.gov/ready-bin/arlplot1.pl?metdata=AVN+111+km). Die erste Seite, die erscheint, verlangt die Eingabe der Koordinaten des Soll-Fluggebietes sowie der gewählten Parameter. Siehe Abbildung 7. (a) Hier werden die Koordinaten des Kartenzentrums angegeben. Ich habe als Beispiel Thun mit 46.76 und 7.64 ausgesucht. (b) Die gewünschte Kartengrösse wird in Grad angegeben. Mit 5 Grad erhält man die ganze Schweiz samt nächstliegender Umgebung, mit 20 Grad fast ganz Europa. (c) Durch die Option «Overlay» können zwei Parameter gleichzeitig aufgerufen werden. (d) Zwei wichtige Parameter sind der auf Meereshöhe reduzierte Luftdruck (SFC) und der Wind in 700 hPa (ca. 3100 m). (e) Hier kann man die Farben der Linien wählen. (f) Wählt man 1 in diesen zwei Fenstern, beträgt der Isobarenabstand 1 hPa, und die Windpfeile werden an jedem Knoten des Modells, hier 111 km, erscheinen. Falls die Bewölkung in % als Parameter gewünscht wird, empfehle ich die Zahl 20, da die Karte sonst so stark gestrichelt sein kann, dass sie unlesbar wird. (g) Schliesslich gilt es auch, das gewünschte Datum zu wählen, in diesem Fall Dienstag, 29. Mai 2001, 12.00 Uhr UTC. Nach Abschluss der Einträge, die mit ein wenig Übung nur wenige Sekunden in Anspruch nehmen, kann der Befehl «Request plot», Karte erstellen, angeklickt werden. 
Auf der nächsten Seite (Abbildung 8) erscheint die synoptische Karte. Man erkennt leicht die schematischen Grenzen der Schweiz. Der Stern in der Mitte bildet sein Zentrum, hier Thun. Wir haben eine Hochdrucklage mit flacher Druckverteilung am Boden. Die Winde in der Höhe sind mässig stark, von W bis NW, etwas eindeutiger im NO als im SW. Somit eine auf den ersten Blick günstige Lage, vor allem in der Westschweiz. Doch das reicht noch nicht. Wir müssen die Sondierung am selben Datum und zur selben Zeit anschauen. Das AVN111-Modell eignet sich bestens dazu. Wir wechseln zur Homepage www.arl.noaa.gov/ready-bin/profsrc.pl?metdata=AVN+111+km. Die erste Seite ist dieselbe wie in Abbildung 2. Die Koordinaten des gewünschten Ortes werden eingetippt. Für das Beispiel habe ich den Flugplatz Payerne (46.84/6.92) gewählt. Auf der zweiten Seite (siehe Abbildung 9) werden Datum und Zeit (a) ausgesucht, für das Beispiel weiterhin Donnerstag, 29. Mai, 12.00 Uhr UTC sowie ein paar Darstellungsoptionen; z.B. ziehe ich es vor, die Sondierung auf 400 hPa (ca. 7500 m) zu beschränken, (b) und die Angabe der Werte nicht nur graphisch, sondern auch in Zahlen zu verlangen.
Die letzte Seite liefert ein erstaunliches Ergebnis (siehe Abbildung 10 und 11). Wir haben eine echte Sondierung der Aussichten für unsere Flugregion und -periode. Was will man mehr? Auf der rechten Seite der graphischen Darstellung finden wir die Richtung und Stärke (in m/s) der Winde auf verschiedenen Höhen. In Rot ist die Temperaturkurve und in Grün die Taupunktkurve (Feuchtigkeit) eingezeichnet. Abbildung 11 liefert die gleichen Werte in Zahlen, was uns unter anderem erlaubt, die Höhe der Druckschichten (Geopotentiale) zu kennen und die genauen Temperaturgradiente zu ermitteln. In diesem Beispiel ist die Atmosphäre ziemlich trocken, da die Feuchtigkeitskurve von der Temperaturkurve entfernt ist (demnach geringe Cumulusbildung); mässige Winde aus W und NW (also akzeptable Turbulenzen) sind zu erwarten und ein durchschnittlicher Temperaturgradient von etwas mehr als 0.6°/100 m zwischen 1600 und 3200 m (10°/16 hm = 0.63°/100m), was mässige Thermik im Gebirge bedeuten kann.

Zusammenfassung
Piloten, die sich einigermassen im Internet zurechtfinden, werden die Nützlichkeit dieser Art von Wettervorhersagen rasch begreifen. Für mich jedenfalls bildet sie das wichtigste Instrument zur Flugvorbereitung. Natürlich schaue ich mir weiterhin die SMA-Prognosen an, doch ersetzen sie nicht die Subtilität und Genauigkeit der AVN- und MRF-Modelle. Mit ihnen kann ich z.B. schon am Vorabend oder sogar früher meinen Flugtag vorbereiten, anstatt erst am frühen Morgen. Ziel dieses Artikels war, meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen und anderen Piloten resp. Internet-Usern meine Entdeckung weiterzugeben. Dieser Text ist leicht gekürzt. Der Originaltext kann auf meiner Homepage www.cid.ch/meteo/index.html gelesen werden. Hier findet man auch eigens entwickelte Werkzeuge, die den Zugang zu den AVN- und MRF-Graphiken vereinfachen. Last but not least eine ebenfalls wichtige Web-Adresse: www.westwind.ch/w_ukmb.html, die Meteokarten mit Isobaren und Fronten für das Wetter in Europa in den nächsten ein bis fünf Tagen präsentiert. Diese Darstellungsform stammt vom europäischen Wetterdienst. 

Jean Oberson

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