Der
Kaltlufttropfen
Oder: «Wenn Wetterprognosen unsicher
werden»
Der Kaltlufttropfen ist eine besondere und nicht alltägliche Erscheinung. Es handelt sich dabei um eine Wetterlage, die das ganze Jahr auftreten kann. Sie hat aber ein saisonales Maximum in den Übergangsjahreszeiten, insbesondere jetzt im April. Nicht selten ist ein Kaltlufttropfen daran schuld, wenn sich das Wettergeschehen nicht so verhält wie von den Meteorologen prognostiziert.
Die Praxis zeigt, dass auf
Bodenwetterkarten relativ kleinräumige Druckgebilde mit geschlossenen, kreis-
oder ellipsenförmigen Isobaren vorherrschen. In der Höhe dagegen – ab etwa 700
hPa bzw. 3000 m – findet man zumeist wellenförmig angeordnete Bewegungssysteme,
die wesentlich grösser sind. Die Erscheinungsformen und das Verhalten dieser
mitteltroposphärischen Wellen wurden im «Swiss Glider» 8-9 vom August 2003
bereits angesprochen.
Unter einem Kaltlufttropfen versteht man ein abgeschlossenes Kaltluftgebiet in
etwa 4000 bis 10000 m Höhe über Boden. Der Durchmesser beträgt mehrere hundert
bis etwa tausend Kilometer. Es handelt sich um eine homogene Luftmasse ohne
Luftmassengrenzen (Fronten) und ist trotzdem eine äusserst wetterwirksame Zone.
Doch wie entsteht so ein Kaltlufttropfen und welche Schwierigkeiten entstehen
dabei für die Wetterprognose?
Abgeschnürte Kaltluftmasse
Es zeigt sich, dass eine Westwindströmung
(weitgehend parallel zu den Breitenkreisen) als solche nicht stabil bleibt,
sondern in horizontale Wellen umschlägt, wenn der meridionale
(längengradparallele) Temperaturunterschied gross ist. Dies kommt häufig vor.
Deshalb zeigt das Westwindband der mittleren Breiten stets eine Mäanderform.
Abbildung 1 zeigt die Höhe der 500 hPa Druckfläche (farbige Fläche) zusammen mit
der Luftdruckverteilung am Boden (weisse Linien) vom 8. März 2004, 12 Uhr UTC.
An der Grenze von grüner zu gelber Fläche ist diese Wellenform schön zu sehen.
In dieser mäandrierenden Höhenströmung wird die Verlagerung eines Höhentroges
oftmals verzögert durch Warmluftvorstösse an den Flanken. Die beiden nach Norden
vorstossenden Hochdruckkeile über den Britischen Inseln und Osteuropa bewirken
einen «Abtropfvorgang». Dieser Vorgang ist einerseits abhängig von der
Intensität der Warmluftzufuhr und andererseits von der Kälte der Luftmasse im
Trog.
18 Stunden später (Abbildung 2) sieht man, wie die Warmluft (gelb-rote Fläche)
noch weiter nach Norden vorstösst und dann 24 Stunden später am 9. März 2004 um
12 Uhr UTC (Abbildung 3) die Kaltluftmasse (grüne Fläche) abschnürt. Im
Englischen spricht man daher auch von einem Cut-Off-Low. Schliesslich bildet
sich ein abgeschlossenes Höhentief, während sich die Wellenströmung im Norden
glättet.
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Abb. 1: 500 hPa Höhenkarte
(farbig) und Isobaren (weisse Linien) vom 8. März 2004 um 12 UTC. In den
beiden Hochdruckkeilen stösst warme Luft nach Norden und im Höhentrog stösst
kalte Luft Richtung Süden. |
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Abb. 2: Höhenkarte vom 9.
März 2004 um 6 UTC. Der Vorstoss warmer Luft ist vorangeschritten. Die kalte
Luft «tropft ab» von ihrem Ursprungsgebiet. |
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Abb.3: Höhenkarte vom 9.
März 2004 um 12 UTC. Es hat sich ein Kaltlufttropfen gebildet, der von der
wellenförmigen Höhenströmung abgekoppelt ist. |
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Entwicklung und Verlagerung
ungewiss
Da es sich jetzt um ein eigenständiges
Gebilde handelt, das nicht mehr in der Höhenströmung eingebettet ist, wird die
Zugbahn dieses Tiefs nur schwer vorhersagbar. Die grösseren Kaltlufttropfen
haben meist eine lange Lebensdauer von mehreren Tagen bis zu einer Woche und
bestimmen die Grosswetterlagen eines Gebietes entscheidend, da sie nur langsam
wandern oder gar ortsfest bleiben.
Normalerweise entwickelt sich unter einem Höhentief, das sich durch einen
solchen Abtropfprozess gebildet hat, auch am Boden ein Tief. Dies ist zum
Beispiel in den Abbildungen 1 bis 3 der Fall. Das Bodentief ist aber ein
bisschen mehr nach Osten verschoben. Wie sich diese Höhentiefs weiterentwickeln
ist jahreszeitenabhängig. In den Sommermonaten wird die Schichtung stark
labilisiert (unten warm, oben kalt), so dass es zur Bildung hochreichender
Quellbewölkung und zu Schauern und Gewittern kommt. Gleichzeitig wird dadurch
aber auch die Kaltluft immer mehr erwärmt, so dass der Temperaturunterschied zur
Umgebung langsam abgebaut wird. Damit verbunden wird die zyklonale Zirkulation
in der Höhe abgeschwächt und nach einiger Zeit aufgelöst. Häufig kommt es aber
schon vorher zu einer Rückentwicklung. Das heisst, das abgeschlossene Tief wird
wieder in die nördliche Strömung eingegliedert und wandert als Trog weiter.
In den Wintermonaten gibt es allerdings auch Fälle, bei denen man unter einer kalten Höhenzyklone gar kein oder nur ein vergleichsweise schwaches Tief am Boden findet. Die Verlagerung dieses Höhentiefs geschieht entlang der Bodenströmung. Allerdings wirkt die Dynamik des Kaltlufttropfens auch auf die Bodenströmung, so dass eine Wechselwirkung eintritt. Die Vorhersage der Verlagerung wird dadurch zusätzlich erschwert. Ein Beispiel dafür ist in Abbildung 4 gegeben. 20. Februar 2004: Über der Biskaya befindet sich ein ausgeprägter Kaltlufttropfen mit einer Temperatur von –35 °C auf einer Höhe von 5300 m. Am Boden ist lediglich eine östliche Strömung zu erkennen. In diesem Fall bewegt sich wärmere Luft von Osten auf den Kaltlufttropfen zu. Da die Luftmassen im Tief aufsteigen, wird die ankommende Luft angehoben, was langanhaltende Schneefälle auslösen kann. Diese Kaltlufttropfen sind sehr hartnäckig und lösen sich nur zögerlich auf.
Wettererscheinungen
Im Zentrum herrscht eine feucht labile
Schichtung, die in der wärmeren Jahreszeit Schauer und Gewitter auslöst. Auf der
Vorderseite (westliche Seite des Kaltlufttropfens) fliesst relativ kalte Luft
von Norden nach Süden und bewirkt durch das Absinken häufig gutes Wetter. Auf
der Rückseite (östliche Seite des Kaltlufttropfens) wird warme Luft nach Norden
geschaufelt, was langanhaltende Regenfälle, im Winter Schneefälle, auslösen
kann. Die Wetteraktivität ist zusätzlich stark beeinflusst von der
Sonneneinstrahlung und weist daher einen ausgeprägten Tagesgang (grösste
Aktivität am Nachmittag) auf.
Beispiel vom 2. März 2002: Im Alpenwetterbericht wird nichts von Niederschlägen
erwähnt, im Nationalen Lawinenbulletin heisst es: «Vor allem am östlichen
Alpennordhang und in Graubünden können nochmals rund 10 cm Schnee fallen.»
Tatsächlich bringt aber der Kaltlufttropfen, dessen Zugbahn knapp südlich der
Alpen berechnet wurde, dem Oberengadin über Nacht 50 bis 80 cm Neuschnee und
grosse Lawinenaktivität!
Der Meteorologe van Bebber, der von 1841 bis 1909 lebte, beobachtete die
Zugstrassen der atlantischen Tiefdruckgebiete. Er beobachtete schon damals, dass
Zyklonen sich abspalten und über Südeuropa zur Adria wandern um dann plötzlich
nach Norden zu schwenken, aber nur noch langsam weiter ziehen, oft auch
stationär werden. Das Aufgleiten warmer Mittelmeerluft gegen sehr kalte Luft aus
Norden führt meist zu sehr ergiebigen und andauernden Niederschlägen und damit
zu Niederschlagskatastrophen und Extremereignissen wie Hochwasser und
Erdrutschen. In der Schweiz sind dann vor allem Wallis, Tessin und Engadin
betroffen.
Prognoseregel
Da die Zugbahn nicht genau berechenbar
ist, eiert der Kaltlufttropfen oft nicht dorthin, wo die Wettermodelle es voraus
berechnet haben. Da der Übergang von Schlechtwetterzonen zu den umgebenden
Schönwettergebieten relativ schmal ist, kann eine kleinräumige Fehlberechnung zu
falschen Prognosen führen. Nicht selten kommt es zu schwerwiegenden
Niederschlagsfehlprognosen.
In einer Schrift über Flugwetter für Ballonfahrer ist zu lesen: «Das einzige was
zutrifft ist die Aussage, dass bei Kaltlufttropfen die Prognosen der
Meteorologen mit äusserster Vorsicht zu geniessen sind.» Und auch erfahrene
Meteorologen geben zu, dass Kaltlufttropfen die häufigste Ursache für
Fehlprognosen sind.
Micha Schultze