Oft bietet das Lee die kräftigsten thermischen Aufwinde. Genauso oft bilden sich im Lee gefährliche Rotoren und harte Turbulenzen. Wann also ist ein Flug ins Lee sicher?
Martin Gassner
«Im Lee habe ich einen super Schlauch ausgegraben!» Ein Hängegleiterpilot, der das erzählt, ist entweder eine ganz wilde Natur oder ein Superprofi, der sein Fluggerät auch unter widrigsten Bedingungen sicher in der Hand hat. Der Begriff Lee bedeutet doch harte Turbulenzen, gefährliche Rotoren, Abwind und ganz allgemein Absturzgefahr. Aber ist das wirklich so? Sind das nicht eher Piloten, die genau abschätzen können, wann es gefährlich ist, im Lee zu fliegen, und wann die beste Thermik dort zu finden ist? In gewissen Situationen merkt man gar nicht, dass man im Lee fliegt. Manchmal ist gar das Lee der sicherste Ort zum Fliegen.
Jede Thermik
beginnt im Lee
Thermik entsteht,
wenn die Luft vom Boden her erwärmt wird. Es bildet sich eine Schicht heisser
Luft, die mit weiterer Erwärmung dicker und dicker wird. Irgendwann und irgendwo
löst sich diese heisse Luft vom Boden ab, durchstösst den über ihr liegenden
Mantel aus kalter Luft und steigt als Thermikblase in die Höhe. Wind und die
durch die Bodenreibung hervorgerufene Turbulenz verhindern allerdings, dass sich
eine dicke Heissluftschicht bilden kann. Die Turbulenz mischt die erwärmte Luft
schon frühzeitig in die Höhe. Nur an windgeschützten Orten kann sich eine
genügend dicke Heissluftschicht bilden. Schutz vor dem Wind bietet das Lee von
Hindernissen, wie zum Beispiel ein Haus oder ein Hügel. Für eine Weile bleibt
die Luft hinter dem Hindernis ruhig und erwärmt sich stetig, bis eine Störung
sie vom Boden löst. Der darüber blasende Wind trägt sie dann als Thermik fort.
Der gleiche Prozess spielt sich in kleineren als auch in grösseren Dimensionen
ab. So können sich thermische Aufwinde hinter Hindernissen wie Häuser oder Hügel
bilden. Selbst hinter solchen Aufwinden entsteht ein Windschatten, wo sich neue
Aufwinde, aber auch Rotoren bilden können. Für den Thermikpiloten ist das Lee
sowohl Freund als auch Gefahr.
Die Grösse
ist entscheidend
Am günstigsten ist
es, über einem Lee, also über einem Hindernis Thermik zu suchen. Doch das
gelingt nicht immer. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wann es sicher ist
im Lee zu fliegen und wann nicht. Als erste und wichtigste Regel gilt: Im
Zweifel nie!! Doch die Grundfrage löst sie nicht. Verschiedene Faktoren
beeinflussen die Verhältnisse im Lee. Ein wichtiger Faktor ist die Grösse des
Hindernisses. Je grösser der Hügel oder der Berg ist, umso mehr Schutz bietet
er. Im Jura zum Beispiel kann man praktisch nie im Lee fliegen. Auf Teneriffa
hingegen wird fast ausschliesslich im Lee des 3000 m hohen Mount Teide,
respektive auf der Seite von Taucho, geflogen. Selbst wenn der vorherrschende
Wind 50 km/h übersteigt, kann im Lee geflogen werden, allerdings sind dann
kräftige Leethermik und starke Winde zu erwarten, falls man die geschützte Zone
verlässt. Auch in den Alpentälern ist es mancherorts möglich, geschützt vor
kräftigen Winden zu fliegen.
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Abb. 1:
Thermik entsteht im Lee. |
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Abb. 2:
Leethermik. |
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Windstärke
Natürlich ist das
Fliegen im Lee umso weniger gefährlich, je schwächer der Wind bläst. Die
Windstärke ist eines der wichtigsten Kriterien. Bei einem Wind von 5 km/h sollte
ein Flug ins Lee keine Probleme bereiten. Übersteigt die Windstärke aber 20
km/h, ist das Lee extrem riskant und gefährlich.
Erwärmung
durch die Sonne
Eine kräftige
Erwärmung der Leeseite macht die Sache einiges sicherer. Das heisst, auch wenn
die Luft im Lee turbulent ist, heizt sie die Sonne auf, und die Luft fliesst
grundsätzlich aufwärts. Auf dem Niederhorn oberhalb des Thunersees kann trotz
leichtem Nordwind auf der Südseite Richtung Interlaken geflogen werden. Auch auf
Teneriffa ist das der Fall, wo die Seite von Taucho nach Südwest gegen die
Nachmittagssonne gerichtet ist. Andere Fluggebiete wie zum Beispiel Monaco
profitieren von einem ähnlich thermisch gestützten Schutz.
Luftstabilität und Form
Die Stabilität der
Luft und die Form des Hügels sind weitere wichtige Faktoren. Je labiler die Luft
geschichtet ist, umso eher fliesst sie über einen Hügel hinüber. Bei einem
kegelförmigen Berg ist der Weg rundherum energetisch gesehen bequemer. Erstreckt
sich der Berg aber über mehrere Kilometer quer zur Windrichtung, so bleibt nur
der Weg über den Hügel. Beide Wege, hinüber oder rundherum, beeinflussen die
Verhältnisse im Lee entscheidend.
Ist die Luft gezwungen über den Hügel zu fliessen, bestimmen die Stabilität der
Schichtung und die Sonneneinstrahlung in die Leeseite die dortigen Verhältnisse.
Bei stabiler Schichtung sinkt die Luft sofort hinter dem Hügel wieder ab. Die
Leerotoren vermischen sich mit den Thermikblasen und bilden einen extrem
turbulenten Mix. Bei labiler Schichtung sinkt die Luft nicht sofort wieder ab,
sondern steigt noch etwas weiter an, besonders wenn die Strömung bei einem
scharfen Grat abreisst. Im windgeschützten Lee können sich kräftige thermische
Aufwinde entwickeln. Diese durchstossen die Strömung auf der Höhe des Grates und
werden von ihr mehr und mehr Richtung Lee versetzt.
Bei kegelförmigen Bergen neigt die Luft eher dazu, rundherum zu fliessen. Auf
der Luvseite teilt sich die Strömung auf und bildet eine Divergenzzone. Auf der
Leeseite, wo die Strömung wieder zusammenfliesst, formt sich eine
Konvergenzzone, welche die Bildung von Aufwinden unterstützt, besonders wenn die
Luft thermisch aktiv ist. Fehlt die thermische Aktivität, dann sind genauso
starke Ab- wie Aufwinde zu erwarten.
Die kräftigsten Turbulenzen sind gewöhnlich am Rand des Lees anzutreffen. Tief
drin besteht oft ein vollständiger Schutz. In der Randzone trifft man auf die
härtesten Turbulenzen, zum Beispiel in einer Thermik knapp hinter einer Krete.
Wer einen Flug ins Lee wagt, sollte also ganz ins Lee, in den geschützten
Bereich hineinfliegen. Es ist gefährlicher, nur die Hand hineinzustrecken und in
der Randzone zu fliegen.
Fazit
Vor einem Flug ins
Lee sollten die folgenden Faktoren überprüft werden:
1. Windstärke, 2. Grösse des Hindernisses, des Berges, 3. Stabilität der Luft,
4. Sonneneinstrahlung auf der Leeseite, 5. Form des Berges.
Für den Entscheid gibt es keine klaren und festen Regeln. Jeder muss
entsprechend seiner Erfahrung und seinem Können selbst entscheiden, ob er einen
Flug ins Lee wagen darf und ob er mit den zu erwartenden Turbulenzen umgehen
kann.
Fliegen im Lee sollte unbedingt den Cracks vorenthalten bleiben! Bei gut
abschätzbaren Bedingungen kann unter Anleitung von sehr erfahrenen Piloten ein
Flug gewagt werden. Alle möglichen Vorsichtsmassnahmen sollten unbedingt vor
einem Flug ins Lee beachtet werden. Und denkt daran: Im Zweifel nie!