Teil 1 Warum Vorhersagen falsch sind
Wie schlecht sind Wetterprognosen?
Der Wetterfrosch prognostiziert Sonne, und dann ist es bewölkt. Ein andermal hätte es regnen sollen, aber die Sonne scheint. Oder der Wind sollte schwach sein, ist dann aber doch zu stark. Gewitter am Nachmittag, aber in Wirklichkeit entstehen nicht mehr als ein paar grössere Quellwolken. Meteorologen auf der ganzen Welt machen Fehlprognosen; das war schon immer so und wird immer so bleiben. Warum?
Micha Schultze, Chill Out Meteo
Die
Geburtsstunde der modernen Wettervorhersage schlug im Jahr 1904. Der norwegische
Physiker und theoretische Meteorologe Vilhelm Bjerknes (1862–1951)
veröffentlichte damals in einer meteorologischen Zeitschrift einen Artikel über
das Problem der Wettervorhersage, betrachtet vom Standpunkt der Mechanik und der
Physik aus:
Wenn es sich so verhält, wie jeder naturwissenschaftlich denkende Mann glaubt,
dass sich die späteren atmosphärischen Zustände gesetzmässig aus den
vorhergehenden entwickeln, so erkennt man, dass die notwendigen und
hinreichenden Bedingungen für eine rationelle Lösung des Prognoseproblems der
Meteorologie die folgenden sind:
Man muss mit hinreichender Genauigkeit den Zustand der Atmosphäre zu einer gewissen Zeit kennen.
Man muss mit hinreichender Genauigkeit die Gesetze kennen, nach denen sich der eine atmosphärische Zustand aus dem anderen entwickelt.
Die Physiker
jener Jahre erkannten auch, dass der Zustand der Atmosphäre zu einem beliebigen
Zeitpunkt dann genügend bestimmt wäre, wenn an jedem Punkt der Atmosphäre die
Geschwindigkeit, die Dichte, der Luftdruck, die Temperatur und die Feuchtigkeit
der Luft berechnet werden können. Die mathematischen Gleichungen waren so
komplex, dass sie nicht mit Algebra, Papier und Bleistift gelöst werden konnten.
Der englische Mathematiker Lewis Fry Richardson (1881–1953) war für den nächsten
Meilenstein in der Geschichte der modernen Wettervorhersage verantwortlich. Er
schaffte es, die Gleichungen so zu «vereinfachen», dass man sie lösen konnte,
aber nur um den Preis einer nicht-exakten Näherung. Richardson war der erste
Meteorologe, der eine numerische Wetterprognose rechnete: Für eine
6-Stunden-Prognose von Wind und Luftdruck an einem Standort rechnete er 6
Wochen. Sein Ergebnis: Ein Luftdruckfall von 145 hPa. In Wirklichkeit nahm der
Luftdruck aber nur um 1 hPa ab! Eine sehr schlechte Prognose. Trotzdem,
Richardsons Ansatz war korrekt, nur war er seiner Zeit voraus. Seine
Fehlprognose hatte viel mit der mangelhaften Kenntnis des Anfangszustandes der
Atmosphäre zu tun.
Die Aussicht auf Erfolg steht und fällt – damals wie heute – mit der Lösung
zweier Hauptprobleme: Die Effizienz und Korrektheit der numerisch-mathematischen
Näherungslösungen und die ausreichende Kenntnis des atmosphärischen
Anfangszustands. Eine Kombination von meteorologischen und computertechnischen
Fortschritten waren nötig, um Richardsons Weg zu einem erfolgreichen Ziel zu
führen.
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Abb. 1:
Knapp 26000 Wetterdaten, gemessen am 31. März 2005 um 00 UTC von
Bodenstationen und Schiffen. Die verschiedenen Farben bedeuten
unterschiedliche Beobachtungstechniken. |
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Abb. 2: 600
Radiosondierungen (Wetterballone) sind am 31. März 2005 um 00 UTC
aufgestiegen, um die Atmosphäre zu sondieren. Diese Daten sind der
wichtigste Input der numerischen Wettermodelle. |
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Abb. 3:
250000 Messdaten von 3 polarumlaufenden Satelliten, die am 31. März 2005 um
00 UTC von einem numerischen Wettermodell verwendet werden. Die Daten sind
zwar flächendeckend, bilden aber ein grosses Problem bei der
Daten-Assimilation. |
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1.
Wetterdaten
Eine numerische
Prognose ist nur so genau wie die Messdaten, die den Anfangszustand beschreiben.
Da sich Wetter von einem zum anderen Ort bewegt, wird das Wetter von morgen vom
heutigen Wetter stromaufwärts beeinflusst. Das Wetter nächster Woche wird unter
anderem vom jetzigen Wetter über einem anderen Kontinent bestimmt. Aus diesem
Grund benötigt die moderne Wettervorhersage Messdaten rund um die Erde.
Bodenstationen (Abbildung 1), Radiosondierungen bzw. Wetterballone (Abbildung 2)
und Satelliten (Abbildung 3) leisten heute den grössten Beitrag beim Erfassen
des Anfangszustandes der Atmosphäre. Trotzdem, es bleiben sehr grosse Lücken,
insbesondere über den Ozeanen und den ärmeren Ländern der Welt. Diese Lücken
führen zu einem fehlerhaften Anfangszustand und werden auch Beobachtungsfehler
genannt.
Zusätzlich müssten die Messdaten mit einem unendlichen Grad an Genauigkeit
gemessen werden, damit eine perfekte Prognose gerechnet werden könnte. Auch hier
könnten die technischen Möglichkeiten diese Anforderung nie erfüllen. Das heisst,
dass immer Messfehler entstehen werden.
2.
Daten-Assimilation
Numerische
Wettermodelle betrachten die Atmosphäre als eine Serie von Würfeln. In der Mitte
jedes Würfels befindet sich ein Gitterpunkt, für den das Modell Wettervariablen
(z.B. Luftdruck, Wind, Luftfeuchtigkeit) berechnet und prognostiziert. Die
gemessenen Wetterdaten sind räumlich und zeitlich unregelmässig verteilt. Das
Modell verlangt aber gleichmässig verteilte Anfangsdaten. Dieses Problem wird
mittels Interpolation gelöst. Eine knifflige Aufgabe, die jedes Wettermodell
bewältigen muss und die gerne zu nicht ganz wirklichkeitsgetreuen
Anfangsbedingungen führt. Zusätzlich müssen auch fehlerhafte Messungen erkannt
und herausgefiltert werden. Diese beiden Aufgaben bezeichnet man als
Daten-Assimilation. Bei der Verbesserung der Wettermodelle spielt dieser Prozess
eine Schlüsselrolle. Insbesondere bei der Assimilation von Satellitendaten haben
die Wissenschafter über 20 Jahre benötigt, bis diese mit einer positiven Bilanz
in die Modelle integriert werden konnten.
3.
Modell-Integration
Nach der
Assimilation werden die Daten ins Computer-Modell eingeschleust und Millionen
von Rechenoperationen ausgeführt, um Wettervariablen für einen künftigen
Zeitpunkt zu erhalten. Die Vorhersage bildet dann den Anfangszustand für die
Prognose eines noch späteren Zeitpunkts. Schritt für Schritt rechnet sich das
Modell in die Zukunft. Mathematiker nennen diesen Prozess Integration. Was
Richardson manuell von Hand berechnen musste, kann heute in Bruchteilen einer
Sekunde auf jedem Computer geleistet werden. Allerdings sind die heutigen
Modelle viel feiner aufgelöst (kleinerer Abstand zwischen den Gitterpunkten),
sodass stets die schnellsten Supercomputer für numerische Wettermodelle
eingesetzt werden.
Je feiner die Auflösung, desto besser können klein-skalige Phänomene
berücksichtigt werden. Allerdings müssen dann auch die Zeitschritte verkleinert
werden, und so benötigen fein aufgelöste Modelle mehrere Stunden für eine
Prognose von 48 oder 72 Stunden. Doch sogar in diesen Modellen müssen viele
meteorologische Prozesse vereinfacht werden. Diese sogenannten
Parametrisierungen können trotz enormem Forschungsaufwand nicht einmal
ansatzweise die komplexe Realität vieler Phänomene erfassen. Noch schlechter
sieht es aus beim Modellieren der Prozesse zwischen Atmosphäre und anderen
Sphären, wie zum Beispiel dem Ozean oder der Landoberfläche. Auch hier wird mit
viel Forschungsaufwand versucht, die Modelle zu verbessern.
Fehler, die im Zusammenhang mit der Daten-Assimilation und der
Modell-Integration stehen, können zusammengefasst als Modellfehler gesehen
werden.
Zum Massstabsproblem: In der Meteorologie gibt es riesige Differenzen zwischen
der Grösse und der Dauer verschiedener Phänomene. Eine Mikroturbulenz dauert nur
wenige Sekunden. Eine Welle in der oberen Troposphäre hat eine Lebensdauer von
Wochen bis Monaten und erstreckt sich über Tausende von Kilometern. Ein
perfektes Wettermodell müsste diese beiden Extreme, inklusive alle
Grössenordungen dazwischen, berücksichtigen können.
4. Die
Wetterprognose
Erst im letzten
Schritt einer Prognose kommt der Meteorologe zum Einsatz. Aus den
prognostizierten Variablen, die auf Wetterkarten dargestellt werden, stellt der
Wetterfrosch eine Prognose in Form von Text und/oder Piktogrammen zusammen, die
dann über die Medien verbreitet werden. Klimatologisches Wissen, gute
Gebietskenntnisse und viel Erfahrung helfen, diesen letzten Schritt der Prognose
zu verbessern. Zum grössten Teil aber bleibt der Meteorologe abhängig davon, was
das Modell «sagt». Genauer: abhängig von dem, was die Modelle «sagen», denn es
existieren mehrere Wettermodelle für ein Gebiet, und jedes Modell hat seine
eigenen, einzigartigen Charakteristiken. Professionelle Meteorologen schwören
sogar, dass jedes Modell erkennbare Eigenheiten und Persönlichkeiten hat. Oft
fehlt aber schlicht die Zeit, um alle Einzelheiten aller Modelle in einer
Prognose zu berücksichtigen.
Warum
Vorhersagen falsch sind
Zusammenfassend
sind und bleiben Modellprognosen fehleranfällig, weil
Messdaten nicht für jeden Ort der Atmosphäre vorhanden sind (Beobachtungsfehler)
Messdaten nicht unendlich genau gemessen werden können (Messfehler)
Die Auflösung des Modells nicht ausreicht, um alle Eigenschaften der Atmosphäre zu simulieren (Modellfehler)
Die mathematischen Gleichungen eines Modells nur Näherungen sind und nicht alle Prozesse in der Atmosphäre erfassen (Massstabsproblem)
Chaos
Auch mit den
schnellsten Computern der Zukunft werden extrem hochaufgelöste Modelle an
Grenzen stossen. Der Grund dafür sind die sonderbaren Eigenschaften von
komplexen, sich entwickelnden Systemen, wie die Atmosphäre eines ist. Die
sensible Abhängigkeit von den Anfangsbedingungen (auch bekannt als
Chaos-Theorie) bedeutet, dass die Atmosphäre – sowohl in Wirklichkeit als auch
im Modell – schon auf nur leicht veränderte Anfangsbedingungen sehr verschieden
reagiert.
Prognosen sind das eine Mal falsch, das andere Mal richtig. Wir wissen alle,
dass eine 24-Stunden-Prognose mit grösserer Wahrscheinlichkeit zutrifft als eine
5-Tages-Prognose. Doch wo liegt die Grenze der Vorhersagbarkeit? Sind es 3, 5
oder gar 10 Tage?
Das Ensemble Prognose System (EPS) versucht seit Anfang der 90er Jahre, mit
einem wahrscheinlichkeitstheoretischen Ansatz die gegenwärtigen Grenzen
brauchbarer Prognoseinformation zu erweitern. Damit lässt sich die Güte einer
Vorhersage vorhersagen. Mehr dazu im Teil 2 in der nächsten Ausgabe des «Swiss
Glider».