Foto: Lukas Frei bei einer föhnigen Thermiklage hoch über dem Schilthorn im Berner Oberland.
Dahinter der Thunersee.

Der schmale Grat zwischen gut und gefährlich
Föhnlage oder Thermiklage?

Thermik ist gut. Föhn ist gefährlich. Leider steht in den Lehrbüchern nichts über «föhnige Thermiklagen». Obwohl sie jedes Jahr vorkommen, bevorzugt im Frühling in den Monaten April und Mai. Darf ich nun an so einem Tag fliegen oder nicht?

Micha Schultze, www.chilloutmeteo.com

Frühling 2007 ein kurzer Rückblick
Der Frühling 2007 war ein besonderer Frühling. Mitte März entstand über Island ein kräftiges Tief und bewirkte in den Folgetagen einen abrupten Kälteeinbruch über ganz Mitteleuropa. Die Kaltluft wurde abgeschnürt, und es bildete sich über Mittel- und Südeuropa ein Kaltlufttropfen (sogenanntes Höhentief). Dadurch konnte sich das Azorenhoch über die britischen Inseln bis nach Nordeuropa ausdehnen. Bis Ende März schwächte sich der Kaltlufttropfen immer mehr ab. Anfang April schaffte es zwar noch ein zweiter Kaltlufttropfen bis nach Südwesteuropa, doch dadurch war zum zweiten Mal die Bahn frei für ein Hoch im Norden Europas. Diesmal etablierte es sich über Nordwesteuropa. In der ersten Aprilwoche stiess noch ein kleiner Schub feuchtkalter Luft über Osteuropa bis zum Alpenraum vor, doch ab dann dominierte das Hoch fast den ganzen April das Wetter in der Schweiz.
Dieses Hochdruckgebiet befand sich die meiste Zeit nördlich der Schweiz und bewirkte zwischen Alpen und Jura an einigen Tagen eine Bisenströmung und in den Alpen Ost- bis Nordostwind. Oft war die Druckverteilung über ganz Mitteleuropa jedoch relativ flach, sodass der Wind bis in grosse Höhen sehr schwach war und sich gute Frühlingsthermik bilden konnte. Ideales Gleitschirmflugwetter also. Doch zwischendurch dehnte sich das Hoch bis in den Balkanraum aus. Dadurch stieg der Luftdruck auf der Alpensüdseite und der Höhenwind drehte auf Südost. In den Wetterprognosen standen dann plötzlich Formulierungen wie:

In den gleichen Prognosen konnte man aber auch Folgendes lesen:

Jeder Gleitschirmpilot lernt: Thermik ist gut. Föhn ist gefährlich. Darf ich nun an so einem Tag fliegen oder nicht? Kann ich mit gutem Flugwetter rechnen? Oder sollte ich lieber am Boden bleiben? Leider steht in den Lehrbüchern nichts über diese «föhnigen Thermiklagen», obwohl sie jedes Jahr vorkommen, bevorzugt im Frühling in den Monaten April und Mai.

Regionale Unterschiede
Das Anspruchsvolle an diesen «föhnigen Thermiklagen» ist, dass die Unterschiede zwischen benachbarten Fluggebieten riesig sein können. Während in einem Tal der Föhn gefährlich stark bläst und kein Gleitschirmflieger ans Starten denkt, dreht im benachbarten Tal ein anderer Pilot die Thermik seines Lebens aus. Zum Beispiel am Donnerstag, 12. April: Im Haslital im Berner Oberland bläst der Föhn. Zwei Täler weiter im Lauterbrunnental drehen einige Gleitschirmpiloten über dem Schilthorn auf weit über 3500 m ü. M. in wunderschöner Thermik. Sie nutzen anschliessend den Südwind, um hoch über den Thunersee hinauszugleiten (Abbildung 1). Der 1. April 2007 war auch so ein Tag. Aber unter die Lupe nehmen wir hier die Zeitspanne vom Donnerstag, 12. April, bis Samstag, 14. April 2007.

Abbildung 2: Bodenwetterkarten des UK Met Office in Bracknell vom 12. bis 14. April 2007 (A bis C). Rot markiert das Föhnknie. (http://www2.wetter3.de/Fax/bracknell+00.gif)
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Abbildung 3: Windpfeile vom 12. bis 14. April (AC) morgens. Orange markiert Jungfraujoch, Grimsel und Gütsch-Gotthard. Rot markiert Talstationen mit Föhnwind.
(http://www.meteotest.ch/img/wepro/prog_dd.gif)

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Abbildung 4: Windpfeile vom 12. bis 14. April (AC) nachmittags. Im Vergleich zu Abbildung 3 zeigen zusätzliche Stationen Föhn.
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Wetterkarten
In den Bodenwetterkarten des englischen Wetterdienstes (UK Met Office in Bracknell) ist an allen drei Tagen vom 12. bis 14. April ein umgekehrtes S im Isobarenverlauf über den Alpen zu erkennen (Abbildung 2A-C). Dieses «Föhnknie» deutet bereits darauf hin, dass es über den Alpen föhnig wird. Bei den föhnigen Thermiklagen handelt es sich meistens um die 1020 hPa-Isobare.

Windpfeile
Bei der Interpretation der Windpfeile von Meteotest (Abbildung 3 und 4) muss man sich unbedingt die Höhe der betreffenden Messstation und gleichzeitig die Lokalität bzw. die topographischen Gegebenheiten um sie herum vorstellen. Nur so kann man die verschiedenen Winde richtig deuten.
Der Pfeil beginnt immer am Standort der Messstation. Er zeigt in die Richtung, in die der Wind bläst, und die Länge des Pfeils ist proportional zur Windstärke. In der Legende unter der Uhrzeit ist angegeben wie viel 10 Knoten entspricht. So lässt sich die Windstärke rasch abschätzen. Der Windpfeil stellt einen 10-Minuten-Mittelwert mit einem Messintervall von 10 Sekunden dar. Das bedeutet, dass alle 10 Sekunden  eine Messung erfolgt. Nach 10 Minuten wird der Durchschnitt aus den letzten 60 Messungen berechnet. Folglich können die Böenspitzen höher sein.
Abbildung 3 A-C: An allen drei Tagen zwischen dem 12. und 14. April zeigen die Messstationen jeweils am Morgen folgendes Bild: Jungfraujoch, Grimsel und Gütsch-Gotthard zeigen Süd- bis Südostwind an. Diese drei Stationen sind in Abbildung 3 und 4 orange markiert. Schaut man in die Täler der Alpennordseite, lässt sich erkennen, ob und wo dieser Südwind bereits in den Alpentälern als Föhn vorkommt. Am 12. April (Abb. 3A) ist dies bei keiner Station der Fall. Am 13. April (Abb. 3B) hingegen in Visp im Wallis, in Altdorf im Reusstal und in St. Gallen (rot markiert). Am 14. April (Abb. 3C) bläst der Föhn am Morgen bereits im Wallis und im Reusstal.
An allen drei Nachmittagen bricht der Föhn in einige weitere Täler der Alpennordseite durch. Am 12. April bläst der Föhn am Nachmittag in Sion, Visp, Engelberg, Altdorf, Glarus und Chur (Abb. 4A). Am 13. April entsteht eine markante Föhnlage mit stürmischem Föhnwind in praktisch allen Tälern der Alpennordseite (Abb. 4B). Am Samstag, 14. April, bläst der Föhn zusätzlich zu den Messstationen, die bereits am Morgen Föhn melden, auch noch in Engelberg und im Rheintal bei Chur (Abb. 4C).

Luftdruck
Ein wichtiges Kriterium, um die Stärke des Föhns abschätzen zu können, ist die Luftdruckdifferenz zwischen Alpensüd- und Alpennordseite. Im Lehrbuch steht, dass es ab 4 hPa Druckunterschied gefährlich wird. Im Frühling, wenn die Luft sehr labil geschichtet ist, können extrem kleine Druckdifferenzen bereits ausreichen. Am Samstag, 13. April, beträgt die Luftdruckdifferenz zwischen Tessin und Zentralschweiz lediglich 1 hPa. Trotzdem bläst ein böiger Föhnwind das Reusstal hinunter!

Föhnige Thermiklagen
Das Ärgerliche an diesen Wetterlagen ist, dass sie fürs Gleitschirmfliegen entweder auf die gute oder auf die gefährliche Seite kippen können. Eine Prognose, in welche Richtung es geht, ist fast nicht möglich. Einerseits liefert die labil geschichtete Luft fast immer ausgesprochen gute Thermikprognosen mit hoher Wolkenbasis oder Blauthermik. Andererseits ist genau die labile geschichtete Luft dafür verantwortlich, dass die Föhnströmung einfach in die Täler vordringen kann. In der Vergangenheit haben sich Wetterlagen mit diesen Charakteren jeweils in eine der folgenden Richtungen entwickelt:
a) In den Föhntälern in einen Föhntag, in den anderen Regionen in einen guten Thermiktag (z.B. 12. und 14. April 2007)
b) In allen Regionen in einen Föhntag mit keiner oder schlechter Thermik
c) In allen Regionen in eine kritische Föhnlage mit Föhndurchbruch (z.B. 13. April 2007)

Sind die Vorzeichen für eine föhnige Thermiklage gebeben, ist besondere Vorsicht geboten. Man sollte das Fluggebiet sorgfältig wählen und föhnanfällige Fluggebiete meiden. Wichtig ist auch, die Wolken zu beobachten: Entstehen schöne Cumulus-Wolken, ist das Gebiet nicht vom Föhnwind beeinflusst. Bilden sich keine Wolken, könnte das ein Anzeichen sein, dass die Föhnströmung zunimmt. Kommt es sogar zu Lenticularis-Wolken, ist das ein deutliches Zeichen, dass die Föhnströmung zunimmt. Gerne stehen bei diesen föhnigen Thermiklagen zerfetzte Cumulus-Wolken irgendwo am Himmel. Bevorzugt an seltsamen Orten, wo man sie bei normalen Thermiklagen nicht sieht. In diesem Fall lässt sich nicht prognostizieren, ob sich die Wetterlage in eine gute oder gefährliche Richtung entwickeln wird. Dann bleibt der Grat zwischen gut und gefährlich auch auf dem Weg ins Fluggebiet schmal.

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