Luv- und Leethermik

Die Stabilität der Luft ist neben der Windgeschwindigkeit für den Charakter von Luv und Lee verantwortlich. Herrschen stabile Verhältnisse, wirbelt die Luft ins Lee hinunter. Bei labilen Bedingungen hingegen ist die Leeseite vom Wind weitgehend geschützt. Während bei stabilen Verhältnissen nur die Luvseite fliegbar ist, bildet sich bei labilen Bedingungen sowohl nutzbare Luv- und, nur für Profis, Leethermik.

Bei ruhigen, windschwachen Wetterlagen hält sich die Thermik normalerweise an das Theoriebuch. Wenn aber eine kräftige Strömung die Alpen trifft, ändern sich Bildung und Ablösung der Thermik entscheidend, sowohl im Luv wie auch im Lee. Während die Luvthermik beliebt ist, meiden viele Piloten die Leethermik, da das Lee sehr turbulent sei. Doch das ist nicht immer so. Oft sind die Leeseiten mit oder ohne Thermik Schlüsselpunkte für ihre unglaublichen Distanzen. Aber auch die Profis fliegen nicht blindlings ins Lee, sondern nur nach genauer Beurteilung der Wetterlage, wenn sie sicher sind, dass es ungefährlich ist. Wann aber darf im Lee geflogen werden? Neben der Windgeschwindigkeit, die den entscheidendsten Faktor darstellt, spielen die Luftstabilität, die Form des Berges und die Anströmrichtung eine wichtige Rolle. Eines vorneweg: Die Windgeschwindigkeit darf nicht zu gross sein! Wenn schon auf der Luvseite so kritische Bedingungen herrschen, dass man kaum gegen den Wind ankommt, darf nicht ins Lee geflogen werden. Besonders der Übergang vom Luv ins Lee ist extrem gefährlich.

Einfluss der Luftstabilität
Angenommen, wir hätten einen idealen, 1000 m hohen Bergrücken, der gleichmässig und so lang ist, dass er nicht umströmt werden kann, und zudem noch senkrecht zum Wind steht. Wenn die Luft auf der Luvseite gezwungenermassen aufsteigt, kühlt sie sich adiabatisch, d.h. mit 1°C pro 100 m Höhengewinn, ab. Ganz oben hat sie sich um 10 °C abgekühlt. Bei stabiler Luftschichtung, z.B. bei Isothermie, ist sie dort 10 °C kühler und deshalb schwerer als die Luft auf gleicher Höhe weit vor und hinter dem Bergrücken. Damit wird sie kräftig nach unten gedrückt. Nur bei scharfen Graten löst sich die Strömung vom Boden und bildet im Lee einen Rotor (siehe Abb. 1). Bei runden Bergrücken strömt die Luft auf der Leeseite mehr oder weniger laminar wieder hinunter.

Bei labiler Schichtung, im Extremfall bei einer neutralen Schichtung, die einen Top-Temperaturgradienten von 1°C pro 100 m Höhenunterschied aufweist, ist die heraufgeströmte Luft gleich warm und auch gleich schwer wie die Luft weit draussen. Deshalb wird sie nicht nach unten gedrückt, sondern steigt dank ihrer Bewegungsenergie weiter an. Das Lee ist weitgehend von der Strömung geschützt. Es kommt sogar vor, dass die Strömung Luft von der Leeseite heraufsaugt, so dass auch ohne Thermik im Lee Aufwind gefunden werden kann.

Luvthermik
Brennt die Sonne auf die Luvseite eines Berges, also auf die dem Wind zugewandte Seite, so beeinflusst die entstehende Thermik den dynamischen Hangaufwind (siehe Abb. 2). Bei stabilen Verhältnissen entstehen einzelne thermische Blasen, die kurzzeitig den dynamischen Aufwind verstärken und Gelegenheit bieten, kurzzeitig einige Meter höher zu steigen. Näher am Hang bildet sich eine turbulente Zone, während weiter entfernt ruhiges Soaren möglich ist.

Bei labiler Luftschichtung durchsetzt die thermische Zirkulation den gesamten dynamischen Aufwind. Die kräftige Thermik führt besonders in Hangnähe zu Turbulenzen und wird erst über der Krete gleichmässiger, wo sie langsam ins Lee versetzt. Oft ist auf der Leeseite ruhiges Steigen möglich. Bei runden Bergrücken sind diese Verhältnisse oft schwierig, denn die Aufwindblasen lösen sich sporadisch und werden vom Wind weggetragen. In diesem Fall findet man auf der Leeseite ruhigen Abwind.

Leethermik
Ob die Leethermik fliegbar ist, hängt entscheidend von der Stabilität der Luft ab (siehe Abb. 3). Bei stabilen Verhältnissen herrschen hinter scharfen Graten gefährliche Bedingungen: Die zahlreichen Rotoren werden durch einzelne thermische Blasen zerrissen und weggeschleudert. Auch hinter runden Rücken können thermische Blasen den ansonsten ruhigen Abwind verwirbeln.

Besser wird es bei sehr labilen Verhältnissen. Da die Höhenströmung durch den Grat nach oben abgelenkt wird, kann sie die Bildung einer kräftigen Thermik, die vor allem wegen ihrer Stärke turbulent ist, nicht stören. Diese durchstösst die Strömung auf der Höhe des Grates, wird aber von ihr mehr und mehr Richtung Lee versetzt. Mit wenig Risiko und kleiner Absaufgefahr kann im Lee Aufwind gesucht werden. Je stabiler die Luft geschichtet ist, um so stärker drückt die Strömung ins Lee hinunter, und um so weiter unten löst sich die Thermik vom Hang. Die Thermik durchstösst dann die Strömung ein Stück weit leeseitig der Krete.

Bei einem runden Bergrücken, wo klare Abreisskanten fehlen, drückt der Wind weit ins Lee hinein, soweit, bis er dem thermischen Aufwind nicht mehr standhalten kann. Da dieser Punkt rasch wandern kann, ist er nicht leicht zu finden. Häufig liegt er aber bei Profilknicken. Da das Lee nicht so gut geschützt ist, sind hier turbulentere Bedingungen zu erwarten.

Gefahren der Leethermik
Auf der windgeschützten Seite ist es oft schwierig, die Windverhältnisse auf Gipfelhöhe abzuschätzen. Auch bei zu starkem Höhenwind verleitet die gute und kräftige Thermik zu leicht zu einem Start. Dort, wo der Aufwind auf die starke Strömung trifft, können sich grosse Wirbel recht unangenehm bemerkbar machen. Die zahlreichen Überschläge an der Delta-WM 1989 in Fiesch zeugen davon. Die stärksten Turbulenzen entstehen im Bereich direkt hinter der Krete, weshalb der Flug von der Luvseite her ins Lee nur mit genügend Höhe gewagt werden sollte. Die Fallwinde, welche von tieferen Sätteln und Pässen herabstürzen, können auch in tieferen Zonen kräftige Turbulenzen verursachen. Dies vor allem an Orten, wo ihnen der Talwind entgegenbläst. Rasche und häufige Windwechsel sind die Folge. Sind die Verhältnisse nicht klar, ist es sicherer, den Flug ins Lee den Profis zu überlassen.

Martin Gassner in Zusammenarbeit mit Martin Scheel

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