Windpfeile

Wetterinformationen vom Internet

Das Internet liefert eine fast unendlich grosse Menge an Wetterinformationen. Für jede Interessengruppe gibt es hier Wetterdaten: von Otto Normalverbraucher auf der Suche nach den bunten Piktogrammen mit Sonne und Wolken bis zum professionellen Meteorologen, der verschiedene Wettermodelle vergleicht.

Der Informationsweg ist beim Internet kürzer und unmittelbarer als beim Fernsehen, dem Radio, der Zeitung, dem Telefon oder dem Fax. Daraus resultieren zwei zentrale Vorteile: Die Informationen sind aktueller, und jeder Interessent kann gezielt seine individuell gewünschten Informationen abholen. Den Nachteil kennen wir alle: Wie finde ich mich in dieser Datenflut zurecht, wie interpretiere ich die verschiedenen Wettermeldungen, und was ist für mich als Hängegleiterpilot überhaupt relevant?

Messungen und Prognosen
Um einen Überblick über die verschiedenen Seiten zu erhalten, ist es hilfreich, den Ablauf einer Wetterprognose zu kennen. Damit eine Wetterprognose mit dem Computer simuliert werden kann, muss der momentane Zustand der Atmosphäre bekannt sein. Deshalb werden weltweit in regelmässigen Abständen Luftdruck, Temperatur, Wind, Relative Feuchte, Bewölkung, Strahlung usw. gemessen. Diese Messungen, die von Bodenstationen, Radiosondierungen, Flugzeugen und Satelliten stammen, speist man in sogenannte Wettermodelle ein, die das künftige Wetter auf Grosscomputern berechnen. Genau hier beginnen Prognosen, die immer etwas mit Unsicherheiten, Wahrscheinlichkeiten und Trefferquoten zu tun haben. Messdaten hingegen sind effektiv gemessene Werte, die eine Vielzahl von wertvollen Informationen für einen Flugtag liefern. Wieso sich nicht einfach einmal auf diese Daten stützen? Eine erste und wohl die wichtigste Antwort auf die Frage, was für uns Hängegleiterpiloten in der Schweiz relevant ist: die Windrichtung und die Windstärke in verschiedenen Höhen. Unter http://www.meteotest.ch/prog/a_arrows.gif findet man eine schöne Karte dazu, und hier im «Swiss Glider» ein paar Tipps zur Interpretation.

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Micha Schultze studiert an der Uni Bern Geografie mit Spezialgebiet Satellitenmeteorologie. Er fliegt seit 1996 Gleitschirm und hat letztes Jahr die Fluglehrerausbildung abgeschlossen. Neben dem Studium und der Fliegerei betreibt er eine kleine Sattlerei namens «birdland» und näht Gleitschirmrucksäcke, Fahrradtaschen und Spezialtaschen nach Mass.
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Abb. 1: Windpfeile vom 29. März 2001: Der Pfeil beginnt an der Messstation, zeigt in die Richtung, in die der Wind bläst, und die Länge ist proportional zur Windstärke.
A) Altdorf
B) Adelboden
C) Chur
D) Davos Dorf
E) Engelberg
F) Plaffeien
G) Guetsch
H) Chasseral
I) Interlaken
J) Jungfraujoch
K) Komprovasco
L) Lugano
M) Moleson
N) Napf
O) La Dole
P) Pilatus
Q) Geneve Qointrin
R) Grimsel
S) Saentis
T) Zermatt
U) Ulrichen
V) Visp
W) Weissfluhjoch
X) La Chaux-de-Fonds
Y) Glarys
Z) Vaduz
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Abb. 2: Luftdruckwerte reduziert auf Meeresniveau: Hohe Werte im Tessin und tiefe Werte auf der Alpennordseite deuten auf Föhn.
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Abb. 3: Klassische Föhnlage: Alle Täler der Alpennordseite sind von Föhnwinden erfasst.
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Abb. 4: Westwindlage: Kaltfrontdurchgang mit stürmischen Winden im Jura, Mittelland und Voralpen.
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Abb. 5: Ohne Datum und Uhrzeit
ist die Windpfeil-Karte nicht brauchbar.
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Abb. 6: Bise: Vor allem Jura- und Mittellandstation reagieren stark. Inneralpin allgemein schwachwindig.
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Abb. 7: Nordföhn: Schwache Winde auf der Alpennordseite und Föhnwinde im Tessin, Engadin und Puschlav.

Datum und Zeit überprüfen
Die Windpfeile sind eine graphische Darstellung der Windrichtung und -stärke, die vom ANETZ (automatisches Messnetz) stammen. Bevor man aber mit der Interpretation beginnen kann, muss man das Datum und die Uhrzeit der Messungen überprüfen. Das gilt bei allen Wetterinformationen vom Internet! UTC (auch GMT oder ZULU time genannt) steht für Universal Time Coordinate. Diese Zeitzone ist 1 Stunde hinter der mitteleuropäischen (schweizerischen) Zeitzone (MEZ). Die Abweichung zur mitteleuropäischen Sommerzeit (MESZ) beträgt 2 Stunden. 7 Uhr UTC entspricht folglich 8 Uhr MEZ beziehungsweise 9 Uhr MESZ. Kurz: Im Sommer +2 Stunden rechnen.

Der Windpfeil
Der Pfeil beginnt immer am Standort der Messstation. Er zeigt in die Richtung, in die der Wind bläst, und die Länge des Pfeils ist proportional zur Windstärke. In der Legende unter der Uhrzeit ist die Länge eines Pfeils gegeben, der einer Windstärke von 10 Knoten entspricht. So lässt sich rasch abschätzen, wie stark der Wind an einer Station ist. Der Windpfeil stellt einen 10-Minuten-Mittelwert mit einem Messintervall von 10 Sekunden dar. Das heisst, alle 10 Sekunden erfolgt eine Messung. Nach 10 Minuten wird der Durchschnitt aus den letzten 60 Messungen berechnet. Folglich sind die Böenspitzen höher. In Abbildung 1 beträgt die Windstärke auf dem Pilatus ziemlich genau 10 Knoten (mit 1.8 multiplizieren und schon hat man die gewohnten km/h). Da bläst folglich ein zügiger Südostwind. Lohnt sich die Bergfahrt? Wenn man weitere Windpfeile beachtet, muss Föhnverdacht aufkommen, denn am Gütsch-Gotthard bläst ein Südwind von 60 km/h, und in Altdorf herrscht an diesem Nachmittag ein 30 km/h starker Bergwind. Wie sieht es mit den Luftdruckdifferenzen zwischen Alpensüd- und Nordseite aus? Die Seite: http://www.meteoschweiz.ch/de/wetter/aktuell/luftdruck.gif gibt die Antwort: Zwischen Comprovasco (Nordtessin) und Luzern beträgt die Differenz 6.6 hPa (Abbildung 2).

Stationshöhe und Topographie
Bei der Interpretation der Windpfeile ist es zwingend notwendig, sich die Höhe der betreffenden Messstation und gleichzeitig die Lokalität bzw. die topographischen Gegebenheiten um die Station vorzustellen. In Abbildung 1 zeigen nämlich die beiden Pfeile für Interlaken und Jungfraujoch in entgegengesetzter Richtung. Das ist kein Widerspruch. Das 3500 Meter hohe Jungfraujoch misst den gleichen Südostwind wie der Gütsch. Interlaken (580 m ü M) zeigt einen ganz normalen Talwind an. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Die Druckdifferenz zwischen Comprovasco und Interlaken berägt 7.1 hPa (Abbildung 2). Die grosse horizontale Distanz vom Grimselpass und die grosse vertikale Distanz zum Jungfraujoch verhindern das Durchgreifen der Föhnströmung bis nach Interlaken. Das ist aber keineswegs eine Freikarte, um hier bei 7 hPa Druckdifferenz zu fliegen, denn das Durchgreifen einer Föhnströmung in ein Tal ist zusätzlich von einer ganzen Reihe weiterer Faktoren abhängig. An diesem Tag beträgt die Druckdifferenz zwischen Nordtessin und Sion fast 10 hPa. Das führt in Visp zu einem 30 km/h starken Föhnwind, der das Rhonetal hinunter bläst.

Beispiel Föhn
Die letzten Apriltage und fast die ganze erste Maiwoche dieses Jahres waren dominiert von einem flachen Tiefdruckgebiet über der Iberischen Halbinsel, das in der Schweiz zu anhaltenden Winden aus südlicher Richtung geführt hat. In Abbildung 3 ist eine klassische (Süd-) Föhnlage abgebildet, die am Nachmittag des 30. April alle nördlichen Alpentäler erfasst hat. Die Stationen in Visp, Adelboden, Interlaken, Engelberg, Altdorf, Glarus und Vaduz messen alle einen «Bergwind», in diesem Falle einen Föhnwind zwischen 15 und 30 km/h. Vorsicht: Die Böenspitzen dieser Winde können vor allem beim Föhn ein Vielfaches dieser Durchschnittswerte betragen. Bei der Station Engelberg kommt der Einfluss der Topographie voll zum Ausdruck. Die Talachse verläuft Ost-West, und die genaue Lokalität der Messstation führt sogar dazu, dass dieser Föhnwind eine leichte Nordkomponente enthält. Die Druckdifferenzen betragen an diesem Nachmittag zwischen 6,7 hPa (Altdorf-Nordtessin) und 9,5 hPa (Interlaken-Nordtessin). Kein Wunder, hat es der «Föhnsturm» bis nach Interlaken geschafft.

Beispiel Westwind
Am 22. März 2001 befand sich die Schweiz zwischen einem ausgeprägten Tief vor den Britischen Inseln und einem langgestreckten Hochdruckgebiet über dem Mittelmeer. Das dazwischenliegende starke Westwindband bringt eine Polarfrontwelle nach der andern und sorgt für sehr wechselhaftes Wetter im Alpenraum. In Genf Cointrin ist der Luftdruck um 6 hPa höherer als in Schaffhausen. In Verbindung mit einer Kaltfront, die über die Schweiz wegzieht, führt diese Druckdifferenz zu stürmischen Westwinden, die vor allem den Jura, das Mittelland und die Voralpen erfassen (Abbildung 4). Die Stationen La Dôle, Chasseral (beide ca.1600 m ü M), Napf (1400 mü M) und Moléson (2000 m ü M), die alle auf frei exponierten Gipfeln liegen, reagieren am stärksten: Durchschnittliche Windgeschwindigkeiten um 60 km/h. Auch die Station Plaffeien kommt auf fast 60 km/h. Hier spielt die kanalisierende Wirkung der Topographie eine wichtige Rolle. Alle Stationen im Mittelland zeigen diesen Westwind an, während die inneralpinen Täler schwach bis gar nicht erfasst werden. Einige höher gelegene Stationen in den Alpen zeigen hingegen nur einen relativ schwachen Wind an: Jungfraujoch und Pilatus, beide unter 15 km/h.
Bei diesen und zum Teil auch bei den anderen Wetterlagen kann es vorkommen, dass man eine Windpfeil-Karte wie in Abbildung 5 erhält. Die Hälfte der Stationen sind nicht aufgelistet (ein Punkt ohne Pfeilspitz heisst, dass keine Messung vorhanden ist), und es fehlt das Datum und die Uhrzeit. Eine solche Karte ist nicht brauchbar. Aber auch in dieser Situation lässt dich das Internet nicht im Stich: Die Lösung lautet: http://www.meteoschweiz.ch/de/wetter/aktuell/wind.gif. Die gleichen Messungen, alle 10 Minuten aktualisiert, aber nicht graphisch dargestellt. Eine ideale Übung für FlugschülerInnen, die sich auf die theoretische Prüfung vorbereiten wollen.

Bise, Nordföhn und Gewitter
Ein Hoch mit Zentrum über dem Ärmelkanal und ein abziehendes Tief im Süden der Schweiz führten am 13. Februar 2001 zu einer Bisenströmung. Die Druckdifferenz zwischen Bodensee und Genfersee beträgt fast 8 hPa. Die Windpfeile reagieren sofort: Praktisch alle Stationen im Mittelland messen einen Wind aus nordöstlichen Richtungen (Abbildung 6). Die inneralpinen Stationen bleiben wie beim Westwind durch den Schutz der Alpen weitgehend windgeschützt. Die kalte Bisenluft strömt oft über die Pässe hinüber und stürzt in die inneralpinen Täler hinab. Eine turbulente Mischung im Wallis und auch im Engadin ist die Folge.
Zum Schluss noch die Wetterlage, die unsere Fliegerkollegen im Süden lahmlegt: der Nordföhn. Am 20. Februar dieses Jahres sorgten ein Hoch westlich von Frankreich und ein Tief mit Zentrum über Sizilien für einen Überdruck auf der Alpennordseite und einen Unterdruck auf der Alpensüdseite. Abbildung 7 zeigt die allgemein schwachen Winde auf der ganzen Alpennordseite und die deutlich längeren Pfeile, zum Teil wirr durcheinander, auf der Südseite. Abweichungen von der klassischen Nordsüdrichtung sind hier auf topographische Einflüsse zurückzuführen.
Der Sommer ist da, die Zeit der Gewitter hat schon angefangen und auch die Cb’s (Cumulonimbus) beeinflussen die Windpfeile: Dort, wo eine grosse Gewitterwolke sich auftürmt, zeigen die umliegenden Windpfeile in die entsprechende Richtung. Mit etwas Übung lassen sich die Konvergenzzonen gut erkennen. Sobald das Gewitter losgeht und die Kaltluftkissen zu Boden stürzen, drehen die Windpfeile um 180 Grad, und es entsteht ein divergentes Bodenwindfeld. Beachte aber, dass die Windpfeile-Karte nur jede Stunde aktualisiert wird. Ein Gewitter kann durch diese zeitliche Auflösung durchfallen und nicht erkennbar sein. Wer wissen will, wo die Niederschläge dann am stärksten sind, schaut am besten auf das Niederschlagsradar: http://www.nzz.ch/wetter/radar_grossbild_aktuell.html.

Niemand kommt zu kurz
Wer sich selbständig an die Thermik- und Gewitterprognose wagen will, dem helfen die folgenden beiden Links weiter: http://www.meteotest.ch/prog/a_temp.gif (Temperaturen und Taupunkte) und http://www.meteoschweiz.ch/de/wetter/aviatik/schweiz/sondierungen.shtml (Radiosondierungen). Wer aber nur aktuelle Videobilder von den Schweizer Bergstationen betrachten möchte, schaut sich schnell http://www.topin.ch/ch/overview.asp an. Wer lieber ein bisschen aus der Ferne das Wettergeschehen verfolgt, ist mit den NOAA-Satellitenbildern vom Tschechischen Hydrometeorologischen Institut gut bedient. Die Adresse: http://www.chmi.cz/meteo/sat/NOAA/prod/index.html. Bis hier hatte kein einziger Link mit Wahrscheinlichkeiten, Prognosen oder dergleichen zu tun. Alles nur knallharte Daten, gemessen und veröffentlicht.
Damit aber wirklich niemand zu kurz kommt, geht’s hier los mit den Prognoselinks: Wer selber Wetterkarten studieren, interpretieren und vergleichen will, ist mit Markus Pfisters «Weather for Europe» voll dabei: www.westwind.ch. Wem über 6000 Links aber einfach zuviel sind, und wer lieber Wetterprognosen in Textform oder in Pictogrammen liest, ist auf der Webseite www.birdland.li am richtigen Ort. Hier werden die verschiedenen Anbieter von Wetterprognosen in der Schweiz (SMA, Meteotest, Meteonews, Meteomedia und SFDRS) zusammengefasst. Wem das Eintippen all dieser Links einfach zu viel ist, kann sich’s einfach machen, ebenfalls mit www.birdland.li – Wetter – Linkliste. Hier sind alle mir bekannten Wetterlinks aufgelistet, die fürs Hängegleiten in der Schweiz relevant sind.

Micha Schultze

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