Teil 2: Die Grenze der Vorhersagbarkeit
Wie schlecht sind die Wetterprognosen?
Micha Schultze, Chill Out Meteo
Das Ensemble
Prognose System
Ostern 2005: Ein
Wettermodell berechnet am Gründonnerstag eine Prognose für den Ostermontag. Es
besteht aber keine Garantie, dass die Anfangsbedingungen an diesem Donnerstag
genau bekannt sind. Beobachtungsfehler und Messfehler haben sich eingeschlichen
(siehe «Swiss Glider» 5.2005, Seite 42). Wieso nicht eine zweite Prognose
berechnen mit leicht geänderten Anfangsbedingungen? Dann noch eine Prognose mit
erneut geänderten Anfangsbedingungen. Am besten, man berechnet gleich eine ganze
Schar von diesen Prognosen. Wenn alle für den Ostermontag übereinstimmen, dann
ist die Vorhersage zuverlässig. Wenn die Prognosen unterschiedliche Ergebnisse
generieren, dann ist die Vorhersage für den Ostermontag unsicher. Diese Methode
heisst Ensemble Prognose System, und die Graphische Darstellung der Ergebnisse
bezeichnen die Meteorologen als Ensembles.
Wahrscheinlichkeiten
Wir leben in einer
Welt von Wahrscheinlichkeiten, und da kann der Zufall dazu benutzt werden, uns
Aufschluss über die Wahrscheinlichkeiten zukünftiger Zustände zu geben.
Beispielsweise, indem nicht nur von einer Anfangsbedingung ausgegangen wird,
sondern von vielen verschiedenen, die sich wenig unterscheiden. Mit dieser
Methode verfügen die Meteorologen nun über ein Instrument, mit dem sich
innerhalb gewisser Toleranzen eine praktische Grenze der Vorhersagbarkeit
bestimmen lässt. Die Grenze ist dort erreicht, wo die Unterschiede zweier
Vorhersagen mit dem gleichen Modell, aber mit minimal unterschiedlichen
Anfangsbedingungen eine so grosse Differenz bei den Ergebnissen aufweisen, wie
zwei völlig zufällig gewählte Wetterlagen. Man könnte dann die Modellrechnung
durch reines Würfeln ersetzen.
Grenze der
Vorhersagbarkeit
Die Grenze der
vorhersehbaren Zukunft ist abhängig vom Massstab der betrachteten
meteorologischen Vorgänge. Das Azorenhoch ist zum Beispiel über eine längere
Zeit prognostizierbar als ein Gewitter. Das Monatsmittel der Temperatur an einem
Ort ist leichter vorherzusehen als die Maximaltemperatur von übermorgen. Ganz
allgemein gilt, dass der Mittelwert eher stabil und besser vorhersagbar ist als
Detailinformationen an Stichtagen. Aber auch meteorologische Variablen selbst
sind sehr unterschiedlich vorhersagbar. Der Luftdruck und die Temperatur an
einem Ort können besser vorhergesagt werden, als die Bewölkungsmenge und der
Niederschlag.
Trotz physikalischen Gesetzen sind der Atmosphäre biologische Verhaltensmuster
nicht fremd. Laufend entstehen und vergehen Strukturen, die an Individuen
erinnern. Am auffälligsten erscheint dabei das Entstehen und das Sterben von
Zyklonen. Laufend bilden sich über dem Westatlantik dynamische Tiefdruckgebiete,
die sich dann nach einer Lebensdauer von 5 bis 10 Tagen auflösen. Polen ist
bekannt als Zyklonenfriedhof.
Die Grenze der Vorhersagbarkeit hängt sehr eng mit der jeweiligen Lebensdauer
des zu prognostizierenden atmosphärischen Merkmals zusammen. Ein sommerliches
Hitzegewitter «lebt» selten länger als 2 Stunden und kann nur sehr kurzfristig
vorhergesagt werden. Entsteht aber eine Gewitterfront an einer Kaltfront,
steigen die Chancen der Vorhersagbarkeit.
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Abb.1:
Ensembles für Karfreitag. 24-Stunden-Prognose. Die Linien liegen nahe
beieinander. Zuverlässige Prognose. |
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Abb. 2:
Ensembles für den Ostersamstag. 48-StundenPrognose. Ähnlich gute
Prognosequalität wie für den Karfreitag. |
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Abb. 3:
Ensembles für den Ostersonntag. 72-Stunden-Prognose. Langsam sinkende
Prognosegüte, da die Linien in bestimmten Gebieten schon recht stark
streuen. Trotzdem ist der Trog über oder unmittelbar westlich der Schweiz in
allen Ensembles zu erkennen. Schlechtwetterzeichen. |
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Abb. 4:
Ensembles für Ostermontag. 96-Stunden-Prognose. Die Linien über der Schweiz
bzw. in der Umgebung davon zeigen kein einheitliches Muster. Unsichere
Wetterentwicklung. |
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EPS – der
gesteuerte Zufall
Erste Experimente
mit dem EPS: Die anfangs künstlich erzeugten, räumlich völlig zufällig
verteilten «Störungen» der Anfangsbedingungen verhielten sich im Modell sehr
unterschiedlich. Einige wurden durch den mathematischen Apparat des Modells
weggefiltert, unschädlich, wirkungslos gemacht, andere wurden durch die Physik
des Modells gedämpft. Man fand heraus, dass die gezielt eingebrachten Störungen
sich nur dort unterschiedlich entwickelten, wo die Atmosphäre sensibel bzw.
intstabil genug war, um wie gewünscht zu reagieren. An stabilen Tagen und in
stabilen Regionen (ausserhalb der Zone grosser Temperaturgegensätze) vermochten
die Störungen den gegenwärtigen Ausgangszustand nicht wesentlich zu kippen. Aus
diesem Grund können beim EPS die Anfangsbedingungen nicht rein zufällig geändert
werden. Es muss in einem vorausgehenden Arbeitsschritt erst einmal geklärt
werden, ob und wenn ja, wo solche «empfindlichen» Gebiete existieren. Diese
müssen dann gezielt geändert werden, damit man die gewünschte Vielfalt an
Ergebnissen erhält.
Vorhersage
der Vorhersagegüte
Mit dem EPS lässt
sich neben einer reinen Prognose des Wetters auch die Güte, Zuverlässigkeit und
Genauigkeit der Prognose abschätzen. Jedem Prognostiker (Vorhersagemeteorologe)
ist die Tatsache einer wechselnden Güte seiner Vorhersagen seit langem bekannt.
Wer die Wetterprognosen im Jahresverlauf etwas genauer unter die Lupe nimmt,
stellt fest, dass zum Beispiel die Prognosen im April schlechter sind als im
Juli oder August. Die Prognosequalität variiert einerseits mit den Jahreszeiten,
andererseits sind einige Typen von Wetterlagen leichter vorherzusagen als
andere. Das hängt damit zusammen, dass es auch der Atmosphäre je nach ihrem
augenblicklichen Zustand unterschiedlich schwer fällt, sich zu entscheiden, wie
es weitergeht. Deshalb zeigt auch die Vorhersageprüfung, dass je nach
Ausgangswetterlage unterschiedliche Fehler erwartet werden können. Selber
erleben kann man dies bei einem Blick auf die Ensemble-Karten im Internet.
Ensembles im
Internet
Im Internet findet
man Ensembles für die 500 hPa Höhenwetterkarte, Temperaturverteilung im 850 hPa
Niveau (ca. 1500 m ü. M.), Feuchtigkeitsverteilung im 700 hPa Niveau (ca. 3000 m
ü. M.), Luftdruck am Boden und über den Niederschlag und die
Niederschlagswahrscheinlichkeit. Oft werden die Ensembles mit ENS abgekürzt. Bei
den Darstellungen gibt es zwei verschiedene Typen von Ensemble-Karten:
Spaghetti Plots: Hier werden die Ergebnisse der einzelnen Modell-Rechnungen
zusammen auf einer Karte dargestellt. Bei den Wetterzentrale-Karten
www.wetterzentrale.de (> Topkarten > ENS) sind dies drei ausgewählte 500 hPa
Geopotential Linien sowie drei 850 hPa Isothermen. Sie sind immer mit dem
GFS(Global Forecast System)-Modell gerechnet. Bleiben die Linien der
verschiedenen Läufe für längere Zeit nahe bei derselben Lösung, kann in die
Prognose mehr Vertrauen gesetzt werden, als wenn dies nicht der Fall ist.
Mittelkarten: Bei der Wetterzentrale sind diese auch für die beiden Höhen 850
und 500 hPa vorhanden. Alle Rechenergebnisse werden gemittelt und dargestellt.
Diese sind vielfach gut zur Erkennung von Tendenzen gegen Ende des
Vorhersagezeitraums. Wo dieser liegt, muss man aus den Spaghetti Plots
herauslesen.
Auch bei Wetteronline
www.wetteronline.de (> Profi) findet man Ensembles zum GFS-Modell. Besonders
interessant sind hier die Ensembles der verschiedenen Modelle (>MOD). Hier sind
die einzelnen Parameter der verschiedenen Modelle in einer Karte dargestellt. In
diesen Karten kann man Unterschiede in den Vorhersagemodellen gut erkennen. Wer
gewohnt ist, über
www.westwind.ch Wetterkarten zu studieren, findet die Ensembles in der
rechten Spalte unter Ensembles.
Ensembles
Ostern 2005
Abbildungen 1 bis
4 sind Spaghetti Plot Karten. Es sind alles 500 hPa Karten der Wetterzentrale.
Jeder einzelne Modelllauf wurde am Gründonnerstag 2005 um 00 UTC gestartet und
gilt jeweils für 00 UTC der angegebenen Tage.