
Lenticularis
über dem Mont Blanc.
Ohne Computer keine Prognose
Numerische
Wettermodelle
Eine Vielzahl von Computern berechnet das kommende Wetter. Vor hundert Jahren war das noch undenkbar, nur Visionäre träumten von numerischen Modellen. Mit den ersten elektronischen Rechnern entstanden auch die ersten Wettermodelle. Sie stellten damals wie auch heute die höchsten Ansprüche an die Computer.
Martin Gassner
Ist heute ein Flug möglich, oder ist der Wind zu stark? Die Prog-nose-Modelle zeigten für diesen Tag ein Starkwindband, welches sich von Nordwesten in die Schweiz verlagerte. Das bedeutete zuerst starke Winde im Mittelland, welche erst am späten Abend auf Graubünden übergreifen würden. Die im OLC eingereichten Flüge bestätigten diese Prognose. Offenbar können Computer-Modelle das kommende Wetter schon sehr genau berechnen. Ein Blick ins Internet zeigt, dass eine beinahe unüberschaubare Vielzahl von Wettermodellen existiert. Bei ihren Prognosen stützen sich die Meteorologen denn auch auf verschiedene Modelle. SF Meteo zum Beispiel schaut in erster Linie auf die Modelle ECMWF, DWD und GFS, wie Roman Portmann berichtet. Im Prognosealltag konsultieren sie auch das Modell des UKMO sowie je nach Gegebenheit BOLAM, NOGAPS, GEM und andere.
Numerische Wettermodelle als Vision
Im Jahre 1904,
also lange bevor es die ersten Computer gab, überlegte sich der norwegische
Hydrodynamiker Vilhelm Bjerknes, wie eine numerische Wetterprognose erstellt
werden könnte. Er schlug vor, in einem ersten Schritt den Zustand der
Atmosphäre, also Messwerte wie Luftdruck, Dichte, Temperatur und Feuchtigkeit,
welche an verschiedenen Orten abgelesen wurden, sorgfältig zu analysieren. Auf
die so ermittelten Anfangsbedingungen könnten im zweiten Schritt die
hydrodynamischen und thermodynamischen Gleichungen, das heisst die Strömungs-
und Wärmegesetze, angewandt werden. Da aber weder die theoretischen noch die
praktischen Mittel dazu bereit waren, initiierte er einen qualitativen Ansatz,
der später als die «Bergen Schule» bekannt wurde, und legte den Grundstein zur
Polarfronttheorie.
Einen ersten Versuch, numerisch das Wetter vorherzusagen, wagte der englische
Mathematiker Lewis F. Richardson (1881-1953). In der Zeit von 1911-1921 führte
er manuelle numerische Berechnungen zur Wettervorhersage durch. Nach seinen
Schätzungen hätte er dazu 64'000 Mitarbeiter als Rechner benötigt. Heutigen
Schätzungen zufolge wären viermal mehr erforderlich gewesen. Er verwendete ein
Gitter von etwa 200 km horizontaler Maschenweite und vier vertikale Schichten.
Als Ausgangsdaten dienten die beobachteten Werte vom 20. Mai 1910, 7h GMT.
Richardson analysierte ein Beispiel, doch seine Berechnungen erwiesen sich als
nicht mit der Praxis übereinstimmend. Die vorhergesagte Druckänderung betrug 146
hPa, in Wirklichkeit wurde keine Änderung beobachtet. In seinem Bericht schrieb
er aber, dass eines Tages eine Wettervorhersage möglich sein wird. Seine Vision
wurde als «Richardson's Traum» bezeichnet.
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Entwicklung der operationellen Prognosequalität am NCEP (GFS-Modell und
Vorgänger) über Nordamerika für das 500 hPa Geopotential. S1-Score misst den
relativen Fehler des horizontalen Druckgradienten. S1-Werte von 70% bedeuten
«useless» resp. unbrauchbar und S1 Werte von 20% stellen eine «perfect»
resp. perfekte Prognose dar. Zu beachten ist, dass die 3-Tages-Prognose (72
h) momentan qualitativ gleich gut ist wie die 1½-Tages-Prognose
(36 h) vor 10–20 Jahren. |
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Erstes numerisches Wetterkartenschema (Gitternetz mit Stationen) von L.F.
Richardson, 1922. |
Entwicklung numerischer Modelle
Als 1950 die
ersten Computer gebaut wurden, setzten die Meteorologen sie sofort für ihre
Berechnungen ein. An die Leistung der Rechner stellten sie höchste Ansprüche,
erfordern doch die Modelle enorme Speicherkapazität. An Universitäten und auch
an Meteorologischen Instituten entstanden die ersten numerischen Wettermodelle,
welche für Vorhersagen eingesetzt werden konnten. Die erste erfolgreiche
numerische Wetterprognose führten 1950 J. G. Charney, R. Fjörtoft and J. von
Neumann mit einem Computer des Typs ENIAC (Electronic Numerical Integrator and
Computer) durch. Ein weiterer Schritt bedeutete das Modell von N. A. Phillips,
konnte er doch 1956 erstmals die atmosphärische globale Zirkulation auf einem
Computer numerisch nachbilden. Nach und nach entstanden in verschiedenen Ländern
die ersten operationellen Modelle. Verglichen mit den heutigen Modellen war ihre
Prognosequalität noch bescheiden und konnte mit manuell erstellten Vorhersagen
nicht mithalten. Zum Beispiel überschätzten sie die Entwicklung von
Tiefdrucksystemen, weit zu viele Tiefs verstärkten sich zu gefährlichen Stürmen.
Die Verbesserungen der numerischen Wetterprognose über die letzten 50 Jahre
beruhen auf vier Faktoren:
Die extrem gesteigerte Leistung der Supercomputer, die in den operationellen Modellen eine höhere Auflösung erlauben und weniger Vereinfachungen erfordern.
Die verbesserte Beschreibung der kleinräumigen physikalischen Prozesse wie Wolken, Niederschlag, Turbulenz und Strahlung innerhalb der Modelle.
Die Verwendung von präziseren Methoden zur Datenaufbereitung, was in verbesserten Startbedingungen der Modellläufe resultiert.
Die höhere Verfügbarkeit von Wetterdaten, besonders Satellitenfernerkundung und Messungen aus Flugzeugen über den Ozeanen und der Südhalbkugel.
Globale Modelle
In Europa ist das
Wettermodell des Europäischen Zentrums für Mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF),
welches in Reading in England beheimatet ist, das meistbeachtete Computermodell.
Die erste Version wurde auf einem Control Data Corporation 6600 Computer in den
Jahren 1976 bis 1978 entwickelt. Obwohl die CDC6600 eines der leistungsstärksten
Systeme dieser Zeit war, benötigte das Prognosemodell 12 Tage um eine
10-Tages-Prognose zu berechnen. Die erste operationelle Version von 1983 lief
auf einer Cray 1-A. Sie hatte eine horizontale Auflösung von 1.875 Längen und
Breitengrad, was beim Äquator etwa 200 km entspricht. Vertikal verwendete es 15
Schichten. Je feiner die Auflösung ist, umso genauer werden die Prognosen und
umso kleinskaligere Wetterphänomene können im Modell nachgebildet werden. Wird
aber die Auflösung verdoppelt, bedeutet das eine Verdoppelung für jede räumliche
Dimension. Es müssen also 8 Mal mehr Gitterpunkte berechnet werden. Zusätzlich
muss auch der Zeitschritt in der Berechnung halbiert werden, um die Stabilität
des Modells zu erhalten. Eine Verdoppelung der Auflösung erfordert also 16 Mal
mehr Rechenleistung. Das Modell, welches seit 2006 in Reading in Betrieb ist,
verwendet eine horizontale Auflösung von ca. 25 km und 91 Schichten vertikal. Es
läuft auf zwei IBM Clusters mit je 155 p5-575+ Servern, welche über einen
pSeries High Performance Switch miteinander verbunden sind.
Das Global Forecast System (GFS), welches vom National Center for Environmental
Prediction (NCEP) in den USA betrieben wird, verwendet für Prognosen bis 7½
Tage eine horizontale Auflösung von 50 km und 64 Schichten und für Prognosen bis
16 Tage eine Auflösung von 100 km mit der gleichen Anzahl Schichten. Auf dem
Internet ist dieses Modell frei verfügbar.
Der Deutsche Wetterdienst betreibt ein besonderes globales Modell (GME), das den
Erdball mit einem Dreiecksgitter mit einer Maschenweite von 60 km überzieht.
Lokale Modelle
ECMWF, GFS und GME
sind globale Modelle, das heisst, sie modellieren das Wetter auf dem gesamten
Erdball. Im Gegensatz dazu stehen die lokalen Modelle, welche sich auf ein
bestimmtes Gebiet beschränken. Das erlaubt, in diesem Gebiet mit einer höheren
Auflösung zu rechnen, womit auch kleinerskalige Phänomene modelliert werden
können. Die Beschränkung des Modellgebiets auf eine Region führt aber zu
fehlerhaften Simulationen im Innern des Modellgebiets, wenn atmosphärische
Entwicklungen, die ihren Ursprung ausserhalb des Gebiets haben, im Verlauf des
Vorhersagezeitraums in das Gebiet eindringen. Dadurch würden insbesondere
längerfristige Vorhersagen mit einem sogenannten Ausschnittmodell stark
verfälscht. Die lokalen Modelle (LM) lösen dieses Problem so, dass in einem
globalen Modell ein hochauflösendes lokales Modell eingebettet ist. Am Rand des
lokalen Modells werden während der Vorhersage die grösserskaligen
atmosphärischen Messgrössen der entsprechenden globalen Prognose eingespeist.
aLMo, das alpine Modell
Das aLMo der
MeteoSchweiz ist ein solches lokales Modell. Es ist in das ECMWF-Modell
eingebettet und berechnet Prognosen bis 3 Tage. Mit einer Maschenweite von 7 km
können lokale Details der Landschaft, die einen prägenden Einfluss auf das
Wetter haben, explizit erfasst werden. So sagt es die zu erwartende Bewölkung
inklusive Staubewölkung an den Alpen und die Sonnenscheindauer recht gut voraus.
Auch den Wind prognostiziert es im Mittelland und im Jura recht gut. Für das
Talwindsystem in den Alpen reicht die Auflösung allerdings noch nicht aus. Auch
der Föhn wird zu stark simuliert; entgegen der Wirklichkeit bläst er im Modell
bis weit ins Mittelland hinaus.
Auf Anfang 2008 hat die MeteoSchweiz aLMo 2 angekündigt. Es wird eine Auflösung
von 2 km haben und täglich 8 Mal berechnet werden. Damit wird es zum Beispiel
möglich sein, aktuelle Gewitter ins Modell zu übernehmen und ihren weiteren
Verlauf zu prognostizieren. In den grösseren Tälern, etwa im Rheintal oder im
Wallis, wird der Talwind sichtbar werden und auch der Föhn wird im aLMo 2 nicht
mehr zu weit ins Mittelland hinaus blasen. Nein, die lokale Thermik wird noch
nicht enthalten sein.
Links:
http://www.westwind.ch
http://www.ecmwf.int/products/forecasts/guide/Presentation_of_ECMWF.html
http://www.emc.ncep.noaa.gov/modelinfo/
http://www.dwd.de
http://www.meteoschweiz.ch/web/de/forschung/projekte/almo.html
http://cosmo-model.cscs.ch/public/default.htm