Cumulus-Wolken verändern das Windfeld.
Hochseesegler müssen bei ihrer Routenwahl das Stadium tiefer, grosser Cumulus-Wolken
berücksichtigen. Die Zeichen, durch die Auf- oder Abwinde unter der Wolke sichtbar
werden, gelten auch für kleine Cumuli. Deshalb sind sie auch für Hängegleiter
interessant. Die genaue Analyse des Windfeldes hilft auch bei der Thermiksuche.
Wenn man Winde sehen könnte... Nicht nur Delta- und Gleitschirmflieger, sondern auch Hochseesegler träumen diesen Traum, denn für sie ist guter Wind gleichbedeutend mit hoher Reisegeschwindigkeit. Auf See lernen die Bootsführer die wenigen Zeichen des Windes zu interpretieren. Durch eine veränderte Farbe und Struktur der Wasseroberfläche künden sich zum Beispiel Böen an. Der Rauch aus einem Dampfer, Fahnen oder andere Segelboote zeigen Richtung und Stärke des Windes an. Es gibt noch andere Hinweise: Die Wolken nämlich. Ein Artikel, der in der Segelzeitschrift «Sailing world» von 1996 erschienen ist, beschreibt den Einfluss der Wolken auf das Windfeld, worauf man achten sollte und wo die schnellste Route durchführt. Obwohl die Zielsetzung grundsätzlich verschieden ist, nämlich den stärksten Wind und nicht die kräftigste Thermik zu finden, gibt es doch Gemeinsamkeiten, die diese Ratschläge auch für Thermiksegler spannend machen.
Drei Stadien der Cumulus-Wolken
Nur die tiefen Wolken sind für das Windfeld über dem Wasser von Bedeutung. Wolken aus
dem mittleren und hohen Stockwerk wie Altocumulus und Cirren haben keinen Einfluss. Es
sind die grossen Cumulus-Wolken mit tiefer Basis, die das Windfeld verändern, je nach
Stadium, in dem sie sich befinden, anders. Drei Stadien durchlaufen sie: Im Aufwindstadium
(auch als Cumulusstadium bezeichnet) saugt die Wolke Luft an. Im Reifestadium bilden sich
Abwinde auf der Leeseite oft zusammen mit Regen, während auf der Luvseite noch Aufwinde
vorherrschen. Im Abwindstadium (auch als Auflösungsstadium bekannt) schliesslich fliesst
nur noch kalte Luft aus der Wolke, oft begleitet von Regen.
Optimale Routenwahl
Jedes dieser Stadien beeinflusst den Umgebungswind auf seine Art. Im Aufwindstadium saugt
die Cumulus-Wolke Luft an, die bei ruhigen Verhältnissen direkt zur Wolke strömt. Auf
der Luvseite zieht diese Strömung in die gleiche Richtung wie der Umgebungswind und
verstärkt ihn deshalb, während sie ihm auf der Leeseite entgegenwirkt und ihn
abschwächt (vgl. Abb. 1). Seitlich lenkt sie ihn gegen die Wolke hin ab. Die stärksten
Winde blasen damit auf der Luvseite, wo auch die schnellste Route durchführt. Im
Reifestadium erhöht weiterhin das Ansaugen den Wind auf der Luvseite, während der
einsetzende Kaltluftausfluss den Wind auch auf der Leeseite zu verstärken beginnt (vgl.
Abb. 2). Luvseitig dreht der Wind zur Wolke hin und leeseitig von der Wolke weg. In diesem
Stadium spielt es keine Rolle, auf welcher Seite die Wolke umsegelt werden soll, der
kürzere Weg ist entscheidend. Weil die Wolke zu diesem Zeitpunkt ihre grösste Aktivität
erreicht, sollte ein genügender Sicherheitsabstand eingehalten werden. Im Abwindstadium
vermindert die ausfliessende Kaltluft den Wind auf der Luvseite und verstärkt ihn auf der
Leeseite. Auch in diesem Stadium ist es gefährlich, sich der Wolke zu stark zu nähern,
da der Wind sehr böig ist, Regen und gelegentlich Hagel fällt und auch Blitze ins Wasser
schlagen. Die Gefahrenzone sollte also grossräumig auf der Leeseite umsegelt werden.
Erkennungszeichen der Stadien
Scharfe Konturen und eine glatte Basis charakterisieren das Aufwindstadium der
Cumulus-Wolke. Mit grauem Dunst auf der Leeseite machen sich im Reifestadium die ersten
Abwinde bemerkbar. Stellenweise wölbt sich die Basis nach unten, Strähnen hängen herab,
und zudem verliert die Wolke ihre Form und franst aus. Je mehr die Wolke in das
Abwindstadium übergeht, desto verbreiteter sind diese Zeichen, bis schliesslich aus der
ganzen Wolke Ausbuchtungen und Strähnen herabhängen.
Fazit für Delta- und Gleitschirmpiloten
Die oben genannten Zeichen gelten auch für kleine Cumuli. Eine glatte Basis und scharfe
Konturen versprechen Aufwind, während aus der Basis herabhängende Strähnen auf Abwinde
hinweisen. Im Flug muss man auch berücksichtigen, dass die einzelnen Lebenszyklen nur
etwa eine Viertelstunde dauern. Ein attraktives Cumuli kann sich während dem Hinflug zu
einem abwindigen Biest verwandeln. Sind die Aufwinde vom Boden her konstant, wie über
einem Bergkamm zum Beispiel, bleibt die Cumulus-Wolke längere Zeit im Aufwind- oder
Reifestadium. Unter der Wolke den besten Aufwind zu finden, ist nicht so einfach. Aus der
Basis herabhängende Strähnen und Ausbuchtungen sollten gemieden werden. Von unten
gesehen befindet sich der beste Aufwind gewöhnlich bei der dunkelsten Stelle.
Ohne Umgebungswind erzeugt das Ansaugen der Cumulus-Wolke oder des Aufwindes allein die einzige Unruhe. Am Boden bildet sich eine Strömung, die direkt in das Zentrum des Aufwindes gerichtet ist. Gegen den Wind bleibt die Suche nach Thermik erfolglos. Zeigen Rauch und Fahnen gegeneinander, liegt der Schlauch in ihrem Schnittpunkt. Der Umgebungswind macht die Sache etwas komplizierter. Im Flachland zeigen Rauch oder Fahnen leicht auf die Leeseite des Aufwindes. Die Luft steigt dann wenig luvseitig des Schnittpunktes, wahrscheinlich bei einem Baum, einem Hochspannungsmasten oder einem anderen Ablöseobjekt in der Nähe. Da die aufsteigende Luft den Umgebungswind luvseitig verstärkt, leeseitig aber abschwächt, sollte man bei zunehmendem Wind die Thermik in Windrichtung, bei abnehmendem Wind aber gegen die Windrichtung suchen. Doch aufgepasst, Turbulenzen von Hindernissen dürfen nicht falsch interpretiert werden. Vor allem bei starkem Wind ist die Thermik zerrissen und äusserst schwierig zu finden.
Für die Hochseesegler sind nur die grossen Cumuli von Bedeutung. Cumuli dieser Grösse wachsen aber oft zu Gewittern heran und sollten von Delta- und Gleitschirmpiloten gemieden werden. Es besteht nicht nur die Gefahr, eingesogen zu werden; auch in einiger Distanz können die Turbulenzen, hervorgerufen durch den Kaltluftausfluss, Unannehmlichkeiten in Form von massiven Klappern, Überschlägen oder Landungen im Rückwärtsflug verursachen.
Martin Gassner