Wind von Wolken

meteo0698.jpg (8552 Byte)Cumulus-Wolken verändern das Windfeld. Hochseesegler müssen bei ihrer Routenwahl das Stadium tiefer, grosser Cumulus-Wolken berücksichtigen. Die Zeichen, durch die Auf- oder Abwinde unter der Wolke sichtbar werden, gelten auch für kleine Cumuli. Deshalb sind sie auch für Hängegleiter interessant. Die genaue Analyse des Windfeldes hilft auch bei der Thermiksuche.

Wenn man Winde sehen könnte... Nicht nur Delta- und Gleitschirmflieger, sondern auch Hochseesegler träumen diesen Traum, denn für sie ist guter Wind gleichbedeutend mit hoher Reisegeschwindigkeit. Auf See lernen die Bootsführer die wenigen Zeichen des Windes zu interpretieren. Durch eine veränderte Farbe und Struktur der Wasseroberfläche künden sich zum Beispiel Böen an. Der Rauch aus einem Dampfer, Fahnen oder andere Segelboote zeigen Richtung und Stärke des Windes an. Es gibt noch andere Hinweise: Die Wolken nämlich. Ein Artikel, der in der Segelzeitschrift «Sailing world» von 1996 erschienen ist, beschreibt den Einfluss der Wolken auf das Windfeld, worauf man achten sollte und wo die schnellste Route durchführt. Obwohl die Zielsetzung grundsätzlich verschieden ist, nämlich den stärksten Wind und nicht die kräftigste Thermik zu finden, gibt es doch Gemeinsamkeiten, die diese Ratschläge auch für Thermiksegler spannend machen.

Drei Stadien der Cumulus-Wolken
Nur die tiefen Wolken sind für das Windfeld über dem Wasser von Bedeutung. Wolken aus dem mittleren und hohen Stockwerk wie Altocumulus und Cirren haben keinen Einfluss. Es sind die grossen Cumulus-Wolken mit tiefer Basis, die das Windfeld verändern, je nach Stadium, in dem sie sich befinden, anders. Drei Stadien durchlaufen sie: Im Aufwindstadium (auch als Cumulusstadium bezeichnet) saugt die Wolke Luft an. Im Reifestadium bilden sich Abwinde auf der Leeseite oft zusammen mit Regen, während auf der Luvseite noch Aufwinde vorherrschen. Im Abwindstadium (auch als Auflösungsstadium bekannt) schliesslich fliesst nur noch kalte Luft aus der Wolke, oft begleitet von Regen.

Optimale Routenwahl
Jedes dieser Stadien beeinflusst den Umgebungswind auf seine Art. Im Aufwindstadium saugt die Cumulus-Wolke Luft an, die bei ruhigen Verhältnissen direkt zur Wolke strömt. Auf der Luvseite zieht diese Strömung in die gleiche Richtung wie der Umgebungswind und verstärkt ihn deshalb, während sie ihm auf der Leeseite entgegenwirkt und ihn abschwächt (vgl. Abb. 1). Seitlich lenkt sie ihn gegen die Wolke hin ab. Die stärksten Winde blasen damit auf der Luvseite, wo auch die schnellste Route durchführt. Im Reifestadium erhöht weiterhin das Ansaugen den Wind auf der Luvseite, während der einsetzende Kaltluftausfluss den Wind auch auf der Leeseite zu verstärken beginnt (vgl. Abb. 2). Luvseitig dreht der Wind zur Wolke hin und leeseitig von der Wolke weg. In diesem Stadium spielt es keine Rolle, auf welcher Seite die Wolke umsegelt werden soll, der kürzere Weg ist entscheidend. Weil die Wolke zu diesem Zeitpunkt ihre grösste Aktivität erreicht, sollte ein genügender Sicherheitsabstand eingehalten werden. Im Abwindstadium vermindert die ausfliessende Kaltluft den Wind auf der Luvseite und verstärkt ihn auf der Leeseite. Auch in diesem Stadium ist es gefährlich, sich der Wolke zu stark zu nähern, da der Wind sehr böig ist, Regen und gelegentlich Hagel fällt und auch Blitze ins Wasser schlagen. Die Gefahrenzone sollte also grossräumig auf der Leeseite umsegelt werden.

Erkennungszeichen der Stadien
Scharfe Konturen und eine glatte Basis charakterisieren das Aufwindstadium der Cumulus-Wolke. Mit grauem Dunst auf der Leeseite machen sich im Reifestadium die ersten Abwinde bemerkbar. Stellenweise wölbt sich die Basis nach unten, Strähnen hängen herab, und zudem verliert die Wolke ihre Form und franst aus. Je mehr die Wolke in das Abwindstadium übergeht, desto verbreiteter sind diese Zeichen, bis schliesslich aus der ganzen Wolke Ausbuchtungen und Strähnen herabhängen.

Fazit für Delta- und Gleitschirmpiloten
Die oben genannten Zeichen gelten auch für kleine Cumuli. Eine glatte Basis und scharfe Konturen versprechen Aufwind, während aus der Basis herabhängende Strähnen auf Abwinde hinweisen. Im Flug muss man auch berücksichtigen, dass die einzelnen Lebenszyklen nur etwa eine Viertelstunde dauern. Ein attraktives Cumuli kann sich während dem Hinflug zu einem abwindigen Biest verwandeln. Sind die Aufwinde vom Boden her konstant, wie über einem Bergkamm zum Beispiel, bleibt die Cumulus-Wolke längere Zeit im Aufwind- oder Reifestadium. Unter der Wolke den besten Aufwind zu finden, ist nicht so einfach. Aus der Basis herabhängende Strähnen und Ausbuchtungen sollten gemieden werden. Von unten gesehen befindet sich der beste Aufwind gewöhnlich bei der dunkelsten Stelle.

Ohne Umgebungswind erzeugt das Ansaugen der Cumulus-Wolke oder des Aufwindes allein die einzige Unruhe. Am Boden bildet sich eine Strömung, die direkt in das Zentrum des Aufwindes gerichtet ist. Gegen den Wind bleibt die Suche nach Thermik erfolglos. Zeigen Rauch und Fahnen gegeneinander, liegt der Schlauch in ihrem Schnittpunkt. Der Umgebungswind macht die Sache etwas komplizierter. Im Flachland zeigen Rauch oder Fahnen leicht auf die Leeseite des Aufwindes. Die Luft steigt dann wenig luvseitig des Schnittpunktes, wahrscheinlich bei einem Baum, einem Hochspannungsmasten oder einem anderen Ablöseobjekt in der Nähe. Da die aufsteigende Luft den Umgebungswind luvseitig verstärkt, leeseitig aber abschwächt, sollte man bei zunehmendem Wind die Thermik in Windrichtung, bei abnehmendem Wind aber gegen die Windrichtung suchen. Doch aufgepasst, Turbulenzen von Hindernissen dürfen nicht falsch interpretiert werden. Vor allem bei starkem Wind ist die Thermik zerrissen und äusserst schwierig zu finden.

Für die Hochseesegler sind nur die grossen Cumuli von Bedeutung. Cumuli dieser Grösse wachsen aber oft zu Gewittern heran und sollten von Delta- und Gleitschirmpiloten gemieden werden. Es besteht nicht nur die Gefahr, eingesogen zu werden; auch in einiger Distanz können die Turbulenzen, hervorgerufen durch den Kaltluftausfluss, Unannehmlichkeiten in Form von massiven Klappern, Überschlägen oder Landungen im Rückwärtsflug verursachen.

Martin Gassner

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