Anfang Juni 2004: Hochwasser am Thunersee und überschwemmte Stadtquartiere an der Aare in Bern. Der Paragliding Grand Prix in Interlaken am 5. und 6. Juni droht im Wasser zu ertrinken. Doch die Meteorologen versprechen für das Grand-Prix-Wochenende eine Wetterberuhigung.
Trotz intensiven Niederschlägen
während den letzten Vorbereitungstagen ist Volker Nies (Organisator des Grand
Prix) zuversichtlich, dass der Regen endet und die Wolken sich verziehen, um der
Sonne Platz zu machen. Volker vertraut den Fähigkeiten der Meteorologen. Doch
die Qualität einer Wetterprognose hängt letztlich von der Genauigkeit der
Wettermodelle ab. Das Bologna Limited Area Model ist ein heisser Tipp in
Fachkreisen. Nicht selten basieren die Wetterprognosen in Radio und Fernsehen
auf den prognostizierten Wetterparametern im BOLAM 21 und BOLAM 6.5.
Die folgenden Erklärungen sind eine Einführung in die flugmeteorologische
Interpretation der Wetterparameter von BOLAM 21 und BOLAM 6.5. Der Text ist eine
Ergänzung zum Artikel über www.westwind.ch, erschienen im «Swiss Glider» Nr. 5
vom Mai 2004.
BOLAM
Die Wetterkarten des Wettermodells BOLAM
sind das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit des Instituts für Atmosphären- und
Klimawissenschaft in Bologna, dem Institut für Physik der Universität Genua und
dem meteorologisch-hydrologischen Zentrum für Ligurien.
«BOLAM 21» steht für eine Version dieses Modells, die mit einem
Gitternetzabstand von 21 km und 40 Höhenschichten rechnet und ganz Mittel- und
Südeuropa abdeckt. Am Rand wird das Modell mit Informationen des grossräumigen
Modells ECMWF (Europäisches Zentrum für Mittelfristprognose) gefüttert, welches
mit einem Gitternetzabstand von ca. 50 km rechnet. Die Rechenoperationen dieses
Modells werden kurz nach Mitternacht (00 UTC) gestartet, anschliessend dem
BOLAM-Rechenzentrum übermittelt und dort in BOLAM 21 weiterverarbeitet. Die
neusten Wetterkarten sind daher auf dem Internet erst zwischen 8 und 9 Uhr UTC,
das heisst jeweils zwischen 10 und 11 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit
verfügbar. Das BOLAM 21 kann das Wetter für die kommenden drei Tage (72 Stunden)
berechnen.
«BOLAM 6.5» steht für eine Version, die mit einem Gitternetzabstand von 6,5 km
und 40 Höhenschichten rechnet und nur Norditalien und den gesamten Alpenraum
einbezieht. Am Rand wird das BOLAM 6.5 mit Informationen von BOLAM 21 gefüttert.
Die neusten Wetterkarten von BOLAM 6.5 sind daher auf dem Internet erst zwischen
10 und 11 Uhr UTC, das heisst jeweils zwischen 12 und 13 Uhr Mitteleuropäische
Sommerzeit verfügbar. BOLAM 6.5 liefert Wetterkarten für die kommenden zwei Tage
(48 Stunden).
Ob die neusten Karten schon verfügbar sind oder nicht lässt sich am besten über
http://www.cmirl.ge.infn.it/MAP/BOLAM/Bolamin.htm abchecken. Ein Klick auf «bolam
21 current» oder «bolam 06 current» zeigt eine Tabelle mit grünen Punkten (d.h.
die aktuellen Karten des betreffenden Tages sind vorhanden), gelben Punkten
(d.h. für den betreffenden Zeitpunkt sind nur die Karten des Vortags verfügbar)
oder mit roten Punkten (d.h., dass keine Karten für diesen Zeitpunkt vorhanden
sind). Unter «bolam 21 archives» bzw. «bolam 06 archives» findet man ein Archiv
an Wetterkarten aus der Vergangenheit.
Prognostizierte
Wetterparameter
Schaut man sich die Wetterkarten von
BOLAM 21 und BOLAM 6.5 über www.westwind.ch an, findet man spezifische
Abkürzungen für die verschiedenen Parameter. Tabelle 1 erklärt kurz, was diese
Abkürzungen bedeuten. Im Folgenden werde ich nur kurz die Wetterkarten
erläutern, welche die starken Niederschläge Anfang Juni und die Wetterbesserung
am Paragliding Grand Prix prognostizierten.
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Abb. 1: Kumulierter
Niederschlag der letzten 12 Stunden bis Mittwoch 2. Juni 9 Uhr UTC. Die
grössten Intensitäten werden für den Kanton Schwyz prognostiziert. |
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Abb. 2: Kumulierter
Niederschlag der letzten 12 Stunden bis Donnerstag 3. Juni 9 Uhr UTC. Die
grössten Intensitäten werden erneut für den Kanton Schwyz prognostiziert. |
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Abb. 3: Effektiv gemessener
Niederschlag der letzten 48 Stunden am Donnerstag 3. Juni 9 Uhr UTC. Die
grössten Mengen werden zwischen Thuner- und Sarnersee gemessen.
Überschwemmungen und Erdrutsche in diesen Regionen sind die Folge. |
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Abb. 4:
Wolkenbedeckungsgrad in % am Freitag 4. Juni 18 Uhr UTC. Ein Tag vor dem
Paragliding Grand Prix liegt die gesamte Schweiz unter einer mächtigen
Wolkendecke. |
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Abb. 5:
Wolkenbedeckungsgrad in % am Samstag 5. Juni 12 Uhr UTC. Ostschweiz
mehrheitlich bewölkt, Westschweiz wolkenfrei. |
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Abb. 6: Wind auf 850 hPa
bzw. 1500 m.ü.M. am Samstag 5. Juni 9 Uhr UTC: Die Alpen werden von
Nordwesten angeströmt und die Luftmassen teilen sich im Bereich der
Schweizer Alpen: Westwind am Bodensee und Nordwind am Genfersee. Im
Alpenraum sind die Winde schwach. |
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Abb. 7: Wind auf 850 hPa
bzw. 1500 m.ü.M. am Sonntag 6. Juni 12 Uhr UTC. Eine mässige Bise bläst an
diesem Tag. Am Genfersee etwa doppelt so stark wie am Bodensee. Erreichen
die Windpfeile in diesen Karten Werte um 10 m/s sind die Bedingungen in den
Bisenfluggebieten meist gut. |
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Abb. 8: 500 hPa Druckfläche
am Samstag 5. Juni 12 Uhr UTC. Der Kaltlufttropfen über der Tschechei und
Ostdeutschland ist verantwortlich für die Wetterverschlechterung an diesem
Samstagnachmittag und-abend in der zentralen und östlichen Schweiz. |
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Abb. 9: 500 hPa Druckfläche am Sonntag 6. Juni 12 Uhr UTC. Der Kaltlufttropfen befindet sich jetzt über der Adria. Das Hoch über Spanien und Frankreich bestimmt zunehmend das Wetter in der Schweiz. |
Niederschlag
Abbildung 1 zeigt den kumulierten
Niederschlag der letzten 12 Stunden bis zum Termin der Wetterkarte. Der Termin
steht über der Wetterkarte: «09 Z Wed 02 Jun _ = 21 h». Das bedeutet: 9 Uhr UTC
(11 Uhr MESZ) Mittwoch 2. Juni. Das _ = 21 h bedeutet, dass es sich um eine
21-Stunden-Vorhersage handelt. Die prognostizierten Niederschlagsmengen für das
Gebiet zwischen Zentral- und Ostschweiz betragen bis zu diesem Zeitpunkt 50–60
mm. Die gleiche Karte zeigt 24 Stunden später (Abbildung 2) für die gleiche
Region erneut sehr grosse Intensitäten (60–70 mm). Betrachtet man die gemessenen
bzw. berechneten Niederschlagssummen, die von Bodenmessstationen und
Radarbildern generiert werden (Abbildung 3), stellt man jedoch fest, dass die
grössten Niederschlagsmengen zwischen Berner Oberland und Emmental gefallen
sind. BOLAM 6.5 hat zwar grosse Regenmengen prognostiziert, aber die Region um
ca. 50 km verfehlt. Die Warnungen der Meteorologen für den Kanton Schwyz hätten
(im Nachhinein gesehen) besser für die Region zwischen Thuner- und Sarnersee
gepasst, von wo auch die grössten Schäden gemeldet wurden. Dies ist nur ein
Beispiel dafür, wie sehr die Qualität einer Wetterprognose von der Genauigkeit
der Modelldaten abhängt.
Wolken
In Abbildung 4 ist die prognostizierte
Wolkenmenge für Freitag 4. Juni 18 Uhr UTC dargestellt. Die gesamte Schweiz soll
noch unter einer mächtigen Wolkendecke liegen. Doch bereits 18 Stunden später
(Samstag 5. Juni 12 Uhr UTC – Abbildung 5) wird nur noch für die Zentral- und
Ostschweiz eine geschlossene Wolkendecke vorhergesagt. Im Westen wird
wolkenloser Himmel erwartet, und tatsächlich melden die meisten Westschweizer
Messstationen an diesem Vormittag 50–100% Sonnenschein. Das Berner Oberland
befindet sich direkt an der Grenze zwischen dem sonnigen Wetter im Westen und
dem bewölkten Wetter im Osten. Die Piloten des Grand Prix fliegen am Samstag
mehrheitlich unter einer Wolkendecke, doch immer wieder zeigt sich die Sonne.
Die Ursachen für den Niederschlag von Samstag-Abend sind in Abbildung 8 zu
suchen und werden weiter unten angesprochen.
Wind
In Abbildung 6 und 7 sind in einer
Wetterkarte zwei Parameter gleichzeitig grafisch eingebaut. Äquivalent
Potentielle Temperatur (in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung)
und der Wind auf der 850 hPa Druckfläche (dies entspricht einer Höhe von ca.
1500 Meter über Meer). Der Einheitsvektor für die Windpfeile ist rechts unter
der Wetterkarte zu erkennen. Ein Pfeil mit dieser Länge entspricht einem Wind
von 20 m/s. Da die Werte für die freie Atmosphäre berechnet werden und wir meist
im Gebirge fliegen, kann der Wert für die meisten Startplätze zwischen 1500 und
2000 Meter über Meer halbiert werden (Reibung am Gebirgsmassiv). Ausnahmen von
dieser Regel sind exponierte Berge der Voralpen und die grössten Erhebungen im
Jura. Die Karte in Abbildung 6 (Samstag 5. Juni 09 UTC) zeigt für das Berner
Oberland in dieser Höhe praktisch keinen Wind, was auch sehr gut mit den
tatsächlichen Verhältnissen am Grand Prix in Interlaken übereinstimmt. In der
Ostschweiz erkennt man einen schwachen Westwind und am Genfersee einen schwachen
Nordwind. Nur die Jurahöhen sollten an diesem Vormittag von einem zügigen
Nordwestwind getroffen werden. Dieser wird dann auch tatsächlich von der
Messstation am Chasseral an diesem Vormittag gemessen.
Abbildung 7 zeigt die Windverhältnisse auf 1500 m.ü.M. am Sonntag 6. Juni 12 Uhr
UTC. Die gesamte Alpennordseite wird von einer mässigen Bise erfasst. Sobald die
Windpfeile in diesen Karten die Stärke 10 m/s erreichen, sind die Bedingungen
fürs Bisensoaren in vielen Bisenfluggebieten gut. 10 m/s entspricht zwar
umgerechnet einer Stärke von 36 km/h, aber da muss noch die Reibung am Gelände
abgezogen werden. Bei 10 m/s in diesen Karten zeigen die Messstationen Moléson
und Napf meist Werte zwischen 15 und 20 km/h im Mittel.
500 hPa Geopotential
Wer am Grand Prix das Wetter aufmerksam
beobachtete, konnte am Samstagnachmittag deutlich erkennen, dass sich Richtung
Osten immer grössere und dunklere Wolken auftürmten, die zum Teil auch
Niederschläge mit sich brachten. Diese Wetterverschlechterung steht in direktem
Zusammenhang mit der Luftdruckverteilung auf 5500 m.ü.M. Abbildung 8 zeigt die
Höhe der 500 hPa Druckfläche an diesem Samstag um 12 UTC. Über der Tschechei und
Ostdeutschland befindet sich ein Kaltlufttropfen, der in den kommenden 24
Stunden über Österreich nach Süden zieht. Der Kaltlufttropfen begünstigt auch am
Rand verstärkte Wolkenbildung und Niederschläge. Da sich das Berner Oberland
jedoch nur am Rand dieses Tropfens befindet, bleiben die Niederschlagsmengen
klein.
In Abbildung 9 (Sonntag 6. Juni 12 Uhr UTC) ist dieser Kaltlufttropfen
geschrumpft und liegt bereits über der Adria. Das Wetter in der Schweiz wird
jetzt vom Hochdruckrücken, der über Spanien und Frankreich liegt, bestimmt.
Entsprechend viel Sonne konnten Piloten und Publikum am Sonntag des ersten
Paragliding Grand Prix geniessen.
Micha Schultze
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Abkürzungen in BOLAM 21 und BOLAM 6.5 |
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| SLP, Orography |
Luftdruck auf Meeresniveau, Topographie (nur 1000 m.ü.M. Höhenkurve) |
| Precip3h | Kumulierter Niederschlag der letzten 3 Stunden |
| Precip12h | Kumulierter Niederschlag der letzten 12 Stunden |
| Snow12h | Kumulierte Schneemenge der letzten 12 Stunden |
| T2m, Wind10m |
Temperatur 2 Meter über Boden und Wind 10 Meter über Boden |
| Clouds | Wolken |
| TAeqPot850, Wind850 |
Potentielle Äquivalenttemperatur und Wind auf 850 hPa, 850 hPa entspricht ca. einer Höhe von 1500 m.ü.M. |
| PotVort850, T850 | Potentielle Vorticity und Temperatur auf 850 hPa |
| Q700, Wind700 |
Absolute Feuchtigkeit und Wind auf 700 hPa 700 hPa entspricht ca. einer Höhe von 3000 m.ü.M. |
| H700, T700 | Höhe der 700 hPa Druckfläche und Temperatur in dieser Höhe |
| H500, T500 | Höhe der 500 hPa Druckfläche und Temperatur in dieser Höhe |
| AbsVort500, Wind500 |
Absolute Vorticity und Wind auf 500 hPa 500 hPa entspricht ca. einer Höhe von 5500 m.ü.M. |
| H300, Wind300 | Höhe
der 300 hPa Druckfläche und Wind in dieser Höhe 300 hPa entspricht ca. einer Höhe von 9500 m.ü.M. |
| PotVort300, Wind300 | Potentielle Vorticity und Wind auf 300 hPa |