Eine Wetterseite von Piloten für Piloten
Die Chill-Out-Wetterprognose

Seit Frühling 2005 gibt es sie: Die spezielle Gleitschirm-Wetterprognose des Chill-Out-Paragliding-Teams aus Interlaken. Unter vielen Gleitschirmpiloten bekannt als Geheimtipp. Doch: Was steckt eigentlich genau hinter dieser Prognose? Wie entsteht sie? Was wird alles berücksichtigt? Wofür ist sie geeignet? Ein paar Hinweise für alle, die sich hier Wetterinformationen holen.

Micha Schultze, www.chilloutmeteo.com

Typen von Wettervorhersagen
In der Tabelle sind die verschiedenen Vorhersagetypen, die im Folgenden erklärt werden, übersichtlich dargestellt. «Nowcasting» bedeutet übersetzt «Jetzt-Vorhersage». Meist werden unter dieser Bezeichnung Vorhersagen über Ereignisse in den nächsten 60 bis 120 Minuten gemacht. Es geht hier um die horizontale und vertikale Verlagerung von bereits vorhandenen Wettersystemen wie Schauer oder Gewitter (in diesem Beispiel mit Hilfe des Niederschlagsradars). Aber auch, ob der Hangaufwind noch mehr zunimmt oder nicht, ist eine Frage, die in den Nowcasting-Bereich gehört. In diesem Vorhersagebereich sind die Modelle häufig (noch) nicht gut genug, da die Gitterpunktabstände zu gross und die Dichte der Messnetze zu gering sind. Erfahrung, gutes Lokalwissen und genaues Beobachten vor Ort sind hier die Schlüssel zum Erfolg.
Die Kürzestfrist-Vorhersage bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 2 und 12 Stunden und hat eine horizontale Ausdehnung von bis zu 250 km. Hier geht es um die Vorhersage von Berg- und Talwindsystemen, Frontengewittern oder das Durchgreifen einer Föhnströmung in ein Tal. Kleinräumige Wettermodelle werden in diesem Bereich immer besser.
Die Kurzfrist-Vorhersage macht Aussagen über den Zeitraum zwischen 12 und 72 Stunden. Hier geht es um die Prognose von Fronten, wann Hoch- bzw. Tiefdruckgebiete wetterwirksam werden und ob Niederschläge eher vormittags, nachmittags oder abends zu erwarten sind. Hier liegt die Stärke der Mesoscale-Modelle (z.B. das NMM von Meteoblue, das Bolam oder die neuen WRF-Modelle).
Die Mittelfrist-Vorhersage betrifft den Prognosezeitraum vom dritten bis zum zehnten Tag. Grob gesehen geht es hier um die zu erwartende Wetterlage (zum Beispiel Südwestlage, Bisenlage, Flachdrucklage oder Omega-Lage). Hier sind die globalen Wettermodelle führend, etwa das GFS-Modell (Global Forecasting Model) des amerikanischen Wetterdienstes, das UKMO-Modell (United Kingdom Model) des englischen Wetterdienstes und das ECMWF (European Center for Medium Range Weather Forecasting).
Die Langfrist-Vorhersage prognostiziert das Wetter über 10 Tage hinaus. Je nach Wetterlage kann hier vage noch eine grobe Aussage über das zu erwartende Wetter gemacht werden. Im Allgemeinen ist jedoch das Verhalten der Atmosphäre während einer so langen Periode für eine vernünftige Prognose zu chaotisch.

Kurz- bis Mittelfrist-Prognose
Von Anfang Mai bis Ende Oktober erscheint die Chill-Out-Wetterprognose zwei Mal pro Woche: jeweils Mitte Woche und am Wochenende. Empfehlenswert ist es, wenn man sich im Meteo-Newsletter einträgt. Man wird dann automatisch beim manchmal unregelmässigen Erscheinen der neusten Prognose per E-Mail informiert. Unsere Wetterprognose ist eine Kurz- bis Mittelfrist-Prognose speziell für Hängegleiterpiloten. Sie verfolgt zwei Ziele: Einerseits soll sie zu den herkömmlichen Wetterprognosen weiterführende Informationen liefern. Sie will die anderen, täglich erscheinenden Wetterprognosen nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Sie ist andererseits geographisch auf das Berner Oberland zugeschnitten und sollte insbesondere in dieser Region eine grössere Trefferquote erzielen als gesamtschweizerische Prognosen.
Was ist mit «weiterführenden Informationen» gemeint? Nicht selten kommt es zum Beispiel vor, dass Wettermodelle die Wetterentwicklung für einen bestimmten Tag in zwei verschiedene Richtungen vorhersagen. Während die meisten Meteorologen sich für die eine oder andere Variante entscheiden, steht in unserer Prognose, dass eine gewisse Unsicherheit besteht und die Modelle sich nicht einig sind.
Hängegleiterpiloten haben ein gewisses Grundwissen in Meteorologie, darauf kann unsere Prognose aufbauen. Fachbegriffe, die häufig verwendet werden, sowie Hintergrundinformationen zu den Modellen werden jeweils in unseren Meteokursen behandelt und erklärt. Diese Kurse finden halbjährlich jeweils im Frühling und Herbst in Interlaken statt. Alle, die sich mit bestimmten Themen der Wettervorhersage auseinandersetzen möchten, finden unter chilloutmeteo.com > Publikationen eine Menge von Erklärungen.

Restwolken im hinteren Lauterbrunnental. Piloten: Stephan Gmür, Reto Kotschar und Stefan von Känel (von links).
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 Von Breitlauenen nach Interlaken.
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Eine Prognose entsteht
Meistens dauert es ziemlich genau eine Stunde, bis ich mich durch meine eigene Linkliste geklickt habe. Dabei informiere ich mich zuerst über die Entwicklung der Luftdruckverteilung auf dem 500 hPa Niveau (ca. 5500 m ü.M.) in den drei Modellen GFS, ECMWF und UKMO. Gleichzeitig beobachte ich die Entwicklung des Luftdrucks am Boden. Anschliessend werden die GFS-Ensembles und die Ensembles der verschiedenen Modelle studiert, die die Trefferwahrscheinlichkeit einer Prognose beschreiben. Als Bodenwetterkarten stehen diejenigen von Bracknell und von der US Air Force im Zentrum.
Dann geht's zur Wolken- und Niederschlagsvorhersage in den kleinräumigen Modellen (NMM, Bolam, WRF). Und ganz zum Schluss werfe ich noch einen Blick auf das Windfeld der kommenden drei Tage. Prognostizieren werde ich dann den Wind auf einer Höhe von 1500 bis 2000 m ü.M. Meine Prognose soll möglichst nahe bei der durchschnittlich gemessenen Windgeschwindigkeit der beiden
ANETZ- Messstationen Moleson (2000 m ü.M.) und Napf (1500 m ü.M.) liegen.
Total werden bis zum Schluss zwischen 400 und 500 Wetterkarten konsultiert. Danach muss die gesammelte Information noch in einem möglichst kurzen und verständlichen Text zusammengefasst werden. Das braucht dann nochmals zirka eine halbe Stunde. Sobald unsere Prognose online ist, wird sofort der Newsletter an alle registrierten Empfänger verschickt.
Meine grösste Herausforderung ist immer die korrekte Gewichtung der verschiedenen Modelle. Jedes Modell hat seine individuellen Eigenschaften. So ist zum Beispiel die Sensibilität bezüglich Niederschlag von Modell zu Modell verschieden. Wenn gewisse Modelle Niederschlag anzeigen, heisst das noch lange nicht, dass es auch regnen wird. Dabei kann andererseits ein Niederschlagsmuster bei einem anderen Modell mit grosser Wahrscheinlichkeit Regen bedeuten. Ins Schleudern kommt man insbesondere dann, wenn die Betreiber eines Modells dieses verändern (mit dem Ziel, es zu verbessern). Erfahrungswerte mit dem Modell sind dann auf einen Schlag nichts mehr Wert. Fehlprognosen sind die Folge.

Selbstbriefing
Die Chill-Out-Prognose ist vor allem eine Mittelfrist-Prognose. Für den Erscheinungstag und für kurz danach ist sie auch eine KurzfristPrognose. Der Kürzestfrist- bis Kurzfrist-Bereich muss in jedem Fall vom Piloten selbst durch ein Selbstbriefing sichergestellt werden. Dazu findet man auf chilloutmeteo.com zwei verschiedene Linklisten: Die kleine Linkliste Weather Today ist eine kompakte Auswahl der wichtigsten Links. Die grosse Linkliste umfasst neben vielen Messdaten zu Wind, Wolken und Niederschlag auch Wetterkarten und Wetterprognosen verschiedener meteorologischer Institutionen sowie Tools zur Thermikprognose. Bei unsicheren Wetterlagen ist es sinnvoll, mehrere Prognosen miteinander zu vergleichen. Der Informationsgewinn kann dadurch manchmal enorm gesteigert werden. Dazu kommt, dass den meteorologischen Institutionen teuere Modelldaten zur Verfügung stehen, die nicht in unsere Prognose eingehen.

Ein Team von Spezialisten
Bei Chill Out Paragliding sind für alle Bereiche rund ums Gleitschirmfliegen ausgewiesene Spezialisten verantwortlich. Chef der Gruppe ist Kari Eisenhut, Europameister und Weltcupsieger. Sein Spezialgebiet: Weiterbildung für Piloten auf allen Stufen. Dank seiner langjährigen Erfahrung als Testpilot bei der Entwicklung neuer Gleitschirme kennt er sich bestens aus im Bereich Materialkunde und Flugpraxis. Unterstützt wird er von Andy Aebi, der aktuell im Weltcup-Team mitfliegt. Andy Aebi leitet die themenspezifischen Sicherheitstrainings über Wasser. Das chilloutmeteo.com-Wetter-portal existiert dank Micha Schultze (Meteorologe und Fluglehrer) und Simon Campiche (Webmaster und Techniker). 

 

Vorhersagetyp Zeitraum Distanz  Beispiele
Nowcasting    bis 2 Stunden bis 50 km Kleinräumige Turbulenz
Lokale Windsysteme
Verlagerung von Gewittern
Kürzestfrist  2 bis 12 Stunden 50 bis 250 km Frontgewitter
Berg- und Talwind
Föhneinbruch
Kurzfrist 12 bis 72 Stunden 250 bis 2500 km Fronten
Hoch- und Tiefdruckgebiete
Hochdruckrücken
Tiefdrucktröge
Mittelfrist 3 bis 10 Tage 2500 bis 10000 km  grossräumiges Wellenmuster z.B.: Südwestlage oder Omegalage
Langfrist mehr als 10 Tage Über 10000 km allgemeine Zirkulation der Atmosphäre

Tabelle: Klassifikation verschiedener Wettervorhersagetypen. Die Chill-Out-Prognose liegt im Bereich der Kurz- bis Mittelfrist-Prognose.

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