Während der Hammerlage Anfang August 1998 gab es grosse Unterschiede zwischen West und Ost, obwohl die Flachdrucklage eigentlich ähnliche Verhältnisse erwarten liess. Die genaue Analyse zeigte aber, dass mit der vorangegangenen Bisenlage in den bodennahen Luftschichten kühle Luft eingeflossen war, die in den Ostalpen länger die Thermik dämpfte.
«Warum herrschten am 8. August 1998 in Flims
schwierige Verhältnisse, während im Wallis sensationelle Höhen erreicht wurden?» Diese
Frage wurde einige Tage später im Internet aufgeworfen, zu Recht, denn auch die
CCC-Flüge dieser Tage beweisen, dass wirklich nur innerhalb des Wallis weite Flüge mit
Maximalhöhen bis 4700 m zurückgelegt wurden. Wer Richtung Osten zog, stand bald am
Boden. Einige Zahlen? In der nebenstehenden Tabelle sind die Flüge dieser Periode
aufgelistet, die sich über mehr als 50 km erstreckten. Der Einfachheit halber wurden die
Zentralalpen zu den Ostalpen gezählt. Deutlich zeigt sich, dass sich die Hammerlage
langsam nach Osten verschob. Das ist besonders markant, wenn man berücksichtigt, dass um
diese Jahreszeit das Wallis die meistbeflogene Region ist, dass also die Flüge in den
Ostalpen stärker gewichtet werden müssen. Was war meteorologisch gesehen los?
Die Wetterlage
Ein Sündenbock ist rasch gefunden: die Bise! Hinter der Kaltfront, die am 4.
August die Schweiz überquert hatte, dehnte sich ein kräftiges Hoch von den Azoren nach
Mitteleuropa aus. Während im Hoch selbst warme Luft gegen Nordfrankreich floss, steuerte
es auf seiner Südseite mit einer NO-Strömung kühle und trockene Luft gegen die Alpen.
Am 6. und 7. August blies denn auch eine kräftige Bise im Mittelland. Vor allem in den
bodennahen Luftschichten bildete sich ein Temperaturunterschied zwischen West, wo es heiss
war, und Ost, wo die Bise zu eher kühleren Temperaturen führte. So stieg das Quecksilber
an diesen Tagen nicht über 30 °C. Zusammen mit dem Hoch, das sich am 8. und 9. August
sukzessive Richtung Osten ausdehnte, verlagerte sich auch die Zufuhr kühler Luft
ostwärts. Die kräftige Sonnenstrahlung erwärmte langsam die zurückgebliebene
Luftmasse. So stieg am 10. August dann das Thermometer verbreitet über 33 °C.
Abbildung 1 zeigt, dass am 8. August die Druckverteilung sowohl am Boden wie auch in der Höhe flach war. In dieser Karte ist der Bodendruck mit schwarzen Linien und der Druck auf etwa 5500 m Höhe mit Farben dargestellt, wobei Rot hohen und Grün tiefen Druck bedeutet. Die Temperaturverteilung auf etwa 1500 m Höhe ist in Abbildung 2 dargestellt, wobei die Temperatur von Rot über Gelb nach Grün abnimmt. Sowohl die Höhendruck- als auch die Temperaturkarte zeigen einen Kaltlufttropfen über Sizilien. Er hatte sich mit der Kaltfront am 4. August östlich von Spanien gebildet, spaltete sich komplett ab und zog Richtung
| Datum | Wallis-> Wallis | Wallis-> Ostalpen | Ostalpen-> Ostalpen |
| 07.08.98 | 11 | 0 | 0 |
| 08.08.98 | 28 | 3 | 0 |
| 09.08.98 | 21 | 6? | 4 |
| 10.08.98 | 3 | 12 | 9 |
| 11.08.98 | 6 | 1 | 7 |
| 12.08.98 | 1 | 1 | 5 |
Südosten. Der Temperaturunterschied von West nach Ost in den bodennahen Schichten wird durch den Vergleich der Temperatursondierungen Lyon, Payerne und Innsbruck deutlich, die in Abbildung 3 aufgezeichnet sind. Die stetige Erwärmung in der Schweiz zeigt Abbildung 4, wo die Temperatursondierungen vom 6., 7., 8. und 9. August enthalten sind.
Nachdem in den unteren Luftschichten die Zufuhr kalter Luft zuerst im Westen und nach und nach auch im Osten nachgelassen hatte, bildete sich entsprechend die fantastische Thermik zuerst im Westen, vor allem im Wallis, das von der nachlassenden NO-Strömung zuerst profitierte, später auch im Bündner Oberland und schliesslich im Engadin. Da die Luft sehr trocken war, stieg die Basis auf traumhafte Höhen.
Am 9. August begann der Luftdruck langsam zu sinken, im Westen stärker als im Osten. So bildeten sich Überentwicklungen und Gewitter, welche das Thermikerlebnis merklich reduzierten. Allerdings war die Luft derart trocken, dass es dennoch vorwiegend sonnig blieb. Am 13. August beendete eine Kaltfront die Hitzeperiode.
Fazit
Der Übergang von der Bisen- zur Flachdrucklage war schwierig zu beurteilen, denn
es war unklar, was mit der eingeflossenen kühlen Luft geschehen würde. Wie rasch
erwärmt sie sich, wird sie von der Warmluft im Westen verdrängt und bleiben in den Alpen
Reste liegen? Um solche Fragen zu klären, muss die Wetterlage sowohl zeitlich als auch
räumlich genau beobachtet werden. Unter zeitlich ist zu verstehen, dass die
Wetterentwicklung der Vortage verfolgt werden muss. Damit gewinnt man bereits eine grobe
Übersicht und ist auf etwaige Probleme sensibilisiert. Durch die Analyse der Wetterdaten
am Morgen kann sie verfeinert werden. Doch die Analyse der Sondierung Payerne alleine
genügt nicht! Sie zeigt nur den Zustand, wie er um 2h in der Nordwestschweiz gewesen war,
nicht aber, wie er um 14h im Bündnerland sein wird. Es ist ein räumlicher wie auch ein
zeitlicher Abstand vorhanden. Die Druckkarten zeigen, woher und wie rasch eine Änderung
der Luftmasse zu erwarten ist. Welcher Art sie ist, kann mittels Analyse stromaufwärts
gelegener Temperatursondierungen (Lyon bei SW-, Nancy oder Paris bei W- bis NW-, Stuttgart
bei NO-Lagen) ermittelt werden. Die Druckkarten zeigen aber auch räumliche Unterschiede
auf, welche durch nahegelegene Sondierungen und durch Messwerte von Bodenstationen genauer
untersucht werden können. Für die Ostschweiz sind die Sondierungen von Innsbruck oder
München recht brauchbar. Auch eignen sich Temperaturmessungen von Berggipfeln wie etwa
Jungfraujoch, Corvatsch, Weissfluhjoch oder Säntis zur Ergänzung der
Temperatursondierung.
In der Flut der Informationen kann leicht ein wichtiges Detail übersehen oder zu wenig beachtet werden. So ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Man kann aber aus der Nachanalyse lernen. Trotzdem bleibt eine Unsicherheit, denn bezogen auf die Grösse der Atmosphäre hat man doch nur punktuelle Informationen zur Verfügung.
Martin Gassner