Föhnforschung im Berner Oberland
Teil 1
Da der Föhn in jedem Tal ganz andere Charakterzüge hat, muss bei der Analyse der Föhnfälle jedes Tal einzeln beobachtet werden. Nur so kann eine Aussage bezüglich Föhnverhalten gemacht werden.
Das Berner Oberland hat vom
westlichen Ende bei Gstaad-Saanenland bis zum östlichen Ende im Oberhasli eine
horizontale Erstreckung von knapp 100 km. Die meisten Täler verlaufen von Süden
nach Norden. Sie lassen sich grob in fünf Talregionen zusammenfassen. Diese sind
von Westen nach Osten: Das Gstaad-Saanenland, das Simmental, das Frutigland mit
dem Engstligental und dem Kandertal, die beiden Lütschinentäler und das Haslital.
Die letzten vier münden in das von Osten nach Westen verlaufende Gebiet von
Brienzer- und Thunersee mit Interlaken dazwischen. Am Ende der Lütschinentäler
erheben sich die höchsten Berge des Berner Oberlandes. Mehrere Viertausender
reihen sich hier aneinander und alle Übergänge nach Süden liegen höher als 3000
m. Die südlichen Übergänge des westlichen Berner Oberlandes sind bereits tiefer,
und die Berge in dieser Region erreichen auch nur Höhen zwischen 3200 und 3700
m. Anders sieht die geografische Situation im Haslital aus, welches gegen Süden
nur durch den 2165 m hohen Grimselpass begrenzt wird.
Da der Föhn in jedem dieser Täler ganz andere Charakterzüge hat, muss bei der
Analyse der Föhnfälle jedes Tal einzeln erfasst und beobachtet werden. Nur so
kann ich für jede Talregion eine Aussage bezüglich Föhnverhalten machen. Der
Begriff Föhnverhalten umfasst einerseits die Messwerte einer Automatischen
Messstation, wenn sie von einer Föhnströmung erfasst wird. Andererseits kann das
Föhnverhalten auch von Menschen subjektiv beobachtet und beschrieben werden.
In der bisherigen Föhnforschung wurde das Berner Oberland nur am Rande erwähnt
und stand nie im Zentrum einer Untersuchung. Dies mag vielleicht daran liegen,
dass das Haslital das einzige klassische Föhntal des Berner Oberlandes ist,
während der Föhn in den anderen Tälern oft auf höhere und mittlere Lagen
beschränkt bleibt. Vor vier Jahren hat Michael Tamas vom Geografischen Institut
der Universität Zürich diese Lücke in der Föhnforschung entdeckt und eine
Diplomarbeit zu diesem Thema verfasst. Als Datengrundlage hat er einerseits mit
Daten des automatischen Messnetzes der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt
gearbeitet. Zusätzlich hat er selbst zwei Messstationen in Wengen und
Lauterbrunnen betrieben und die Messstationen der Jungfraubahnen in seine
Untersuchung mit einbezogen. Der Zeitraum seiner Untersuchungsperiode dauert von
November 1995 bis Mai 1996. Im folgenden fasse ich ein paar Ergebnisse dieser
Diplomarbeit zusammen und ergänze sie mit meinen eigenen Beobachtungen. Bitte
beachte, dass dieser Zeitraum relativ kurz ist und keine Sommermonate beinhaltet
und somit relativ stabil geschichtete Luftmassen betrifft. Ich beschreibe vor
allem die Stationen, welche uns Fliegern auch im täglichen Gebrauch auf dem
Internet zur Verfügung stehen: ANETZ (Automatisches Messnetz) und ENET
(Ergänzungsnetz).
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Abgrenzungsprobleme
Bei Föhnuntersuchungen bereitet die
Entscheidung, ob an einem bestimmten Punkt Föhn herrscht oder nicht, immer
wieder Schwierigkeiten. Die Abgrenzung ist nicht an allen Orten und zu allen
Tages- und Jahreszeiten gleich schwierig. Ein paar Beispiele sollen dies
illustrieren: Da der Föhnwind immer die Richtung des Bergwindes hat und Berg-
und Talwindsysteme einen jahreszeitenabhängigen Tagesgang aufweisen, kann an
einem sonnigen Sommertag am Nachmittag der Wechsel von Talwind zu Bergwind
eindeutig als Föhn bezeichnet werden. Viel schwieriger fällt die Entscheidung,
wenn das Gleiche im Winter vorkommt. Dann könnte der Richtungswechsel ein ganz
normaler Wechsel von Tal- zu Bergwind sein. Auch die Windgeschwindigkeit ist ein
schwieriges Kriterium zur Abgrenzung, da der Föhnwind nicht immer stürmisch ist,
sondern auch mal schwach sein kann. Hinzu kommt, dass man nur
10-Minutenmittelwerte zur Verfügung hat. Neben dem Wind gibt es aber auch noch
Temperatur und Feuchtigkeitswerte, die zur Abgrenzung verwendet werden können.
Wenn mehrere Parameter zum gleichen Zeitpunkt wechseln (z.B. Temperaturanstieg,
Feuchterückgang, Wind aus Bergwindrichtung und eine Luftdruckdifferenz verbunden
mit südlichen Winden über dem Alpenkamm), dann kann von eindeutigem Föhn
gesprochen werden. Doch was ist, wenn bei berechtigtem Föhnverdacht einer der
Parameter zu Zweifel Anlass gibt? Wenn es Elemente gibt, die dafür sprechen,
dass Föhn im Spiel ist und andere, die wiederum dagegen sprechen? Diese
Situationen sind aus fliegerischer Sicht die interessanten. Denn häufig fliegen
die Piloten weiterhin und niemand weiss recht, ob es gefährlich ist oder nicht.
Eine klare Abgrenzung zwischen Föhn und nicht Föhn ist auch Tamas in seiner
Untersuchung nicht gelungen. Er hat für die Grenzfälle die Bezeichnung «föhnig»
gewählt.
Allgemeines zum Föhn
Ursache einer Föhnströmung ist im
allgemeinen die Luftdruckverteilung über Europa. Dabei ergibt sich auf der
Vorderseite eines aus Westen herannahenden Tiefs eine Südströmung quer zu den
Alpen, wobei häufig im Südosten der Alpen ein Hochdruckgebiet lagert. Einer
Föhnlage geht oft eine Hochdrucklage voraus, welche die Luft in der Höhe
nachhaltig erwärmt und abtrocknet, während durch die Ausstrahlung in den Tälern
Kaltluftseen entstehen. Durch die Advektion warmer Luftmassen aus südwestlicher
Richtung fällt der Luftdruck vorwiegend auf der Alpennordseite, da sich im Süden
zwischen Alpen und Apennin stagnierende Kaltluft befindet, welche für eine
Hochdruckzunge sorgt. In den Bodenwetterkarten lässt sich diese Situation an den
gekrümmten Isobaren im Alpenraum erkennen, welche das sogenannte «Föhnknie»
bilden.
Die klassische Föhntheorie geht von einer feuchtadiabatischen Abkühlung der
Luftmassen auf der Luvseite und einer trockenadiabatischen Erwärmung auf der
Leeseite aus. Daraus resultiert ein Wärmegewinn für die Leeseite. Diese Vorgänge
erscheinen durchaus plausibel, erklären den Föhn aber unzureichend. Einwände
sind beispielsweise, 1. dass es Föhnfälle gibt ohne Bewölkung im Luv oder am
Alpenkamm, 2. dass die Luft der tieferen Lagen der Alpensüdseite nicht immer an
der Überströmung beteiligt ist, sie kann stagnieren oder sogar aus nördlichen
Richtungen wehen, 3. die thermodynamische Föhntheorie kann nur einen
beschränkten Teil der manchmal über 20 ° grossen Temperaturunterschiede
erklären. Untersuchungen haben ergeben, dass diese Föhnluft, die in die Täler
der Nordseite hinabsteigt, aus einer Höhe von 2000 bis 2500 m ü.M. stammt. Weit
umstrittener ist bis heute die Frage, weshalb der Föhn in die Täler hinabsteigt,
obschon er wärmer und somit leichter ist als die Kaltluft im Tal. Eine Erklärung
ist die, dass eine Föhnströmung über einem Tal in diesem einen Unterdruck
erzeugt, welcher bewirkt, dass sich die Strömung nach unten verlagert. Eine
andere Erklärung sieht die Hauptursache für das Herabsteigen des Föhns in der
Wirkung des herannahenden Tiefs, welches ein Abfliessen der Kaltluft aus den
Tälern verursacht. Als Ersatz wird Luft aus der Höhe zum Absteigen gezwungen.
Weitere Erklärungen versuchen den Föhn als schiessende Strömung im Sinne der
Hydraulik zu betrachten. Abschliessend bleibt festzuhalten, dass eine
abschliessende und vollauf befriedigende Föhntheorie nach wie vor nicht
existiert. Die Komplexität des Föhns verlangt es vermutlich, eine Synthese aus
den verschiedenen Föhntheorien zu entwickeln und gleichzeitig zu akzeptieren,
dass gewissen Beobachtungen nicht abschliessend mit den bestehenden Theorien
erklärt werden können.
Druckdifferenz und
Föhnauftreten
Der Antrieb für eine alpenquerende
Strömung ist der grossräumige Druckgradient, wobei bei Föhn im Berner Oberland
immer ein tieferer Druck auf der Alpennordseite und ein höherer Druck auf der
Alpensüdseite herrscht. Dabei bedient man sich häufig der Stationen
Zürich-Kloten und Locarno-Monti. Tamas hat hier versucht, einen Zusammenhang
zwischen dieser Differenz und Föhnvorkommen an den Stationen zu finden. In
seiner Untersuchungsperiode hatte es einen Tag, an dem alle Stationen im Berner
Oberland Föhn registrierten. Die mittlere Druckdifferenz betrug an diesem Tag 10
hPa. An einem weiteren Tag betrug die mittlere Differenz 9 hPa. Trotz diesem
deutlichen Druckgradienten blieben die Stationen Gstaad, Lauterbrunnen und
Interlaken ohne Föhn! Das heisst aber nicht, dass bei Druckdifferenzen unter 9
hPa in Interlaken geflogen werden kann, denn Tamas hatte zwei weitere Tage in
seiner Untersuchungsperiode, wo die Druckdifferenz bei 8 hPa lag und wieder alle
Stationen vom Föhn betroffen waren. Bei Differenzen von 5 bis 7 hPa schaffte es
der Föhn in 75% der Fälle bis auf den Männlichen und nach Wengen und Adelboden.
Bereits an Tagen mit 4 hPa Differenz sank jedoch die Föhnwahrscheinlichkeit auf
dem Männlichen, in Wengen, Adelboden und Meiringen teilweise unter 50%. In
Interlaken lag die Untergrenze für eine mindestens 50%ige Föhnwahrscheinlichkeit
bei 8 hPa. Es muss noch angefügt werden, dass sogar bei einer Differenz von –1
hPa (!) sämtliche Stationen zumindest einen föhnigen Tag registrierten. An
föhnreichen Stationen können selbst geringe Druckunterschiede regelmässig für
Föhn sorgen. Die Grenze bei 4 hPa festzulegen, ist für die Hängegleiterfliegerei
im Berner Oberland aufgrund dieser Untersuchung bereits fragwürdig. Das
Auftreten von Föhn ist im Mittel in föhnarmen Orten an grössere Druckdifferenzen
gebunden, als in föhnreichen Tälern. Für das Berner Oberland ist es sinnvoller,
mit der Druckdifferenz zwischen Comprovasco (nördliches Tessin) und Interlaken
zu arbeiten. Der Druckgradient über diesem Alpenstück ist nicht der einzige
Föhnverursacher. Gerade bei föhnarmen Stationen spielen die Stabilität der
Talatmosphäre, die Topografie, lokale Temperatur und Druckverhältnisse,
Wetterlage und Windrichtung eine gewichtige Rolle. Einen Zusammenhang zwischen
der Druckdifferenz (Zürich – Locarno) und der Windgeschwindigkeit konnte Tamas
nur für die Passstationen Grimsel und Jungfraujoch feststellen. Dass grosse
Druckgradienten auch zwingend grosse Windgeschwindigkeiten in den Tälern des
Berner Oberlandes verursachen, ist falsch. Einen interessanten Zusammenhang
zwischen Höhenwind (auf 5500m), Druckdifferenz über den Alpen und dem
distanzmässigen Vordringen des Föhns innerhalb des Haslitals konnte Tamas
nachweisen. Damit sich der Föhn bei einem Westwind in dieser Höhe überhaupt bis
nach Meiringen durchsetzen kann, bedarf es eines sehr grossen Druckgefälles über
den Alpen. Dreht die Höhenwindrichtung zunehmend auf Süd, bedarf es eines
kleineren Druckgefälles, damit der Föhn gleich weit ins Haslital vordringt.
Micha Schultze
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