Höhenwetterkarten, das Herz jeder Wetterprognose
Im Gegensatz zum Medienwetter, das fast ausschliesslich von den Bodenwetterkarten lebt, spielen in der Analyse und Prognose Höhenwetterkarten eine gleiche, wenn nicht sogar wichtigere Rolle.
Aus Zeitung, Fernsehen und Internet sind wir mit Bodenwetterkarten vertraut. Dargestellt ist meistens die Luftdruckverteilung auf Meeresniveau, oft ergänzt mit Fronten, charakteristischen Wettererscheinungen und manchmal sogar mit Piktogrammen verziert. Unser Wetter wird aber massgeblich durch Luftbewegungen in grösseren Höhen bestimmt. Einzige Ausnahme: Flachdrucklagen, die im Sommer häufig Gewitter verursachen und bei denen die Bodenbedingungen auch die Verhältnisse bis in grosse Höhen mit beeinflussen. In der Regel steuern jedoch die Vorgänge in der mittleren und höheren Troposphäre den Wetterablauf im Bodenniveau.
Isobaren auf den
Bodenwetterkarten
Entscheidender Unterschied zwischen
Boden- und Höhenwetterkarten ist die Referenzfläche, auf die sie sich beziehen.
Auf Bodenwetterkarten bleibt das Niveau konstant. Es entspricht dem
Meeresspiegel, auf den alle Druckwerte reduziert werden. Zwecks direkter
Vergleichbarkeit werden alle Messwerte auf dieses Niveau heruntergerechnet.
Innerhalb der untersten paar Hektometer der Atmosphäre ändert sich der Luftdruck
um 1 Hektopascal (hPa) pro 8 Höhenmeter. In der Schweiz wird der Luftdruck an
allen Stationen unterhalb 750mü.M. auf Meereshöhe reduziert. Anschliessend
werden Punkte gleichen Luftdrucks miteinander verbunden. Die entstandenen Linien
heissen dann Isobaren und zeigen die Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten
im Bodenniveau. Daraus kann man die Windrichtung und -geschwindigkeit am Boden
ableiten. Zusätzlich deuten Knicke im Isobarenverlauf auf Fronten hin. Je
markanter der Knick, desto ausgeprägter sind die Wettererscheinungen entlang
einer Front.
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| Abb. 1: 850 hPa Höhenkarte initialisiert am Dienstag 15. Juli 2003 um 18 Uhr UTC und gültig für Mittwoch den 16. Juli 2003 um 12 Uhr UTC. Die weissen Linien sind die Isohypsen und die farbigen Flächen die Temperaturprognosen für diese Höhe. Rechts ist die Skala für die Temperaturwerte. |
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Abb. 2: 850 hPa Höhenkarte gültig für Samstag den 19 Juli 2003 um 12 Uhr UTC. |
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Abb. 3: 700-hPa-Höhenkarte gültig für Mittwoch den 16. Juli 2003 um 12 Uhr UTC. Die weissen Linien sind die Isohypsen, und die farbigen Flächen stellen die Vertikalbewegungen in diesem Niveau dar. |
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Abb. 4: 700-hPa-Höhenkarte gültig für Samstag den 19 Juli 2003 um 12 Uhr UTC. |
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Abb. 5: 500-hPa-Höhenkarte gültig für Mittwoch den 16. Juli 2003 um 12 Uhr UTC. Die weissen Linien sind die Isobaren auf Bodenniveau, und die Grenzen der farbigen Flächen stellen die Isohypsen auf dem 500-hPa-Niveau dar. |
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Abb. 6: 500-hPa-Höhenkarte gültig für Samstag den 19 Juli 2003 um 12 Uhr UTC. |
Isohypsen auf den
Höhenwetterkarten
Die Luftdruckmessungen an höher gelegenen
Stationen (über 750 mü.M.) werden auf das nächstfolgende Standardniveau
(Höhenwetterkarte) hinauf- bzw. hinuntergerechnet. Höhenwetterkarten beziehen
sich fast ausschliesslich auf eine bestimmte Druckfläche. Statt wie bei den
Bodenwetterkarten die Höhe (Meeresspiegel) konstant zu halten und dann den
Luftdruck als Variable darzustellen, wird bei den Höhenwetterkarten der
Luftdruck konstant gehalten und die Höhe variiert. Es handelt sich bei
Höhenwetterkarten also um echte Höhenlinien. Statt von Isobaren (Linien gleichen
Luftdrucks) spricht man von Isohypsen (Linien gleicher Höhe). Wie bei einer
Landschaft wird in den Höhenwetterkarten die Höhe einer Fläche gleichen
Luftdrucks dargestellt.
Isohypsen sind sozusagen die Umkehrung der
Isobaren. Isobaren repräsentieren den Druck bei gleicher geographischer Höhe,
während Isohypsen die geographische Höhe bei gleichem Druck (z.B. 850 hPa)
darstellen. Die Höhen werden als Geopotentiale bezeichnet und lassen sich direkt
durch die mittlere Temperatur zwischen dem Meeresspiegel und der Druckfläche
bestimmen. Wird eine Luftsäule zwischen dem Meeresspiegel und der Druckfläche
erwärmt, dehnt sie sich nach allen Seiten aus, und die Dichte der Luftmasse
sinkt. Da sie auf dem Boden steht, kann die gesamte Ausdehnung in vertikaler
Richtung nur nach oben erfolgen, während sie sich in der Horizontalen in alle
Richtungen ausdehnen kann. Hohe Geopotentiale zeigen sich vor allem in den
Subtropen, wo warme, weniger dichte Luft bis in grosse Höhen vorherrscht.
Umgekehrt sind über den polaren Gebieten kalte und dichte Luftmassen die Ursache
für tiefe Geopotentiale. Als Isohypsenabstände werden in den Höhenwetterkarten
meistens 40, 60 oder 80 Höhenmeter gewählt.
Ein Wettervorhersagemodell rechnet zwischen dem Boden und der Tropopause mit bis
zu 30 Druckflächen. Kein Meteorologe hat jedoch Zeit, so viele Höhenwetterkarten
für einen Zeitpunkt zu analysieren. Deshalb werden im Routinedienst sogenannte
Standarddruckflächen verwendet. Zu ihnen zählen die 925, 850, 700, 500 und 300
hPa (Druck-)Flächen. Besondere Beachtung bekommen vor allem die 850, 700 und 500
hPa Höhenkarten.
Der Vorteil des Höhenwetters ist, dass es nicht den kurzfristigen und
sprunghaften Einflüssen unterliegt, denen das Bodenwetter durch
Tag-/Nachtwechsel, Erwärmung/Abkühlung des Bodens, aber auch Topographie,
Reibung des Windes an der Erdoberfläche usw. ausgesetzt ist. Somit lassen sich
die effektiven Tendenzen besser aus dem Chaos herausfiltern als anhand des
Bodenwetters. Wie bei den Bodenwetterkarten gibt es auch bei den
Höhenwetterkarten Analysekarten, die sich auf das beobachtete Wetter beziehen,
als auch Prognosekarten, die das zukünftige Wetter prognostizieren. Während bei
der Analyse der aktuellen Wetterlage Boden- und Höhenwetterkarten eine ähnlich
grosse Rolle spielen, nehmen bei der Mittelfristprognose Höhenwetterkarten einen
viel grösseren Stellenwert ein. Bei den Langfristprognosen ist fast nur noch die
500-hPa-Höhenwetterkarte ausschlaggebend, da die dort ablaufenden Prozesse und
Windströmungen einen herausragenden Einfluss auf das Wettergeschehen haben.
850-hPa-Höhenkarte
Die Höhe dieser Druckfläche entspricht
ungefähr 1500mü.M. In Abbildung 1 ist die Höhe (Geopotential) der 850 hPa
Druckfläche zusammen mit der Temperaturverteilung in dieser Höhe dargestellt. Es
handelt sich um eine Prognosekarte, die am Dienstag 15. Juli 2003 um 18 Uhr Z
initialisiert bzw. gerechnet wurde und für den Mittwoch 16. Juli 2003 um 12 Uhr
Z (= 12 Uhr UTC, = 14 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit) gültig ist. Die
Isohypsen sind die weissen Linien und die Farben entsprechen den
Temperaturprognosen. Die Isohypsen können gleich interpretiert werden wie
Isobaren. Grosse Werte deuten auf ein Hochdruckgebiet hin, kleine Werte auf ein
Tiefdruckgebiet. Ein Tief liegt über dem Atlantik südlich von Island und
westlich von England. Das Hoch liegt über Tunesien mit Temperaturen über 30 °C.
Die Schweiz liegt in einer südwestlichen Windströmung, und für diese Höhe werden
Temperaturen um 20 °C prognostiziert. Über Frankreich ist eine markante
Luftmassengrenze zu erkennen mit ca. 10 °C tieferen Temperaturen an der
französischen Atlantikküste. Es kann bereits vermutet werden, dass es sich um
eine herannahende Kaltfront handelt. Die Isohypsen sind in Dekametern angegeben,
das heisst auf einer Höhe zwischen 1480 und 1520mü.M. misst der Luftdruck in der
Schweiz 850 hPa.
In Abbildung 2 ist die 850-hPa-Prognosekarte für Samstag 19. Juli, 2003 um 12
Uhr Z gegeben. Die Höhe der Druckfläche ist im Vergleich zum Mittwoch um 40
Meter angestiegen. Das heisst, die Schweiz sollte an diesem Tag zunehmend unter
Hochdruckeinfluss gelangen, und die Temperaturprognosen sind auf 16 °C gesunken.
700-hPa-Höhenkarte
Die Höhe dieser Druckfläche entspricht
ungefähr 3000 MüM. Zwischen 700 hPa und 500 hPa findet im klimatologischen
Mittel die stärkste Hebung bzw. Subsidenz statt. Das heisst, mit diesen Karten
kann man bereits erkennen, ob die Luftmassen eher aufsteigen und somit
schlechtes Wetter überwiegt, oder ob die Luftmassen eher absteigen und schönes
Wetter dominiert. Ausserdem ziehen mesoskalige Konvektionssysteme wie zum
Beispiel Gewittersysteme im Sommer mit der 700-hPa-Strömung. Karten mit Angaben
über die relative Feuchtigkeit in dieser Höhe liefern wertvolle Angaben zur
Bewölkung und Niederschlagswahrscheinlichkeit.
In Abbildung 3 ist die Höhe (Geopotential) der 700-hPa-Druckfläche zusammen mit
der Vertikalbewegung in dieser Höhe dargestellt. Hoch- und Tiefdruckgebiet sind
an den gleichen Orten wie im darunter liegenden 850-hPa-Niveau, aber über der
Schweiz liegt jetzt in dieser Höhe eine stärker ausgeprägte südwestliche
Höhenströmung. Die Isohypsen sind westlich der Schweiz stark zyklonal, das
heisst um das Tiefdruckgebiet gekrümmt, und es muss mit einer
Wetterverschlechterung gerechnet werden. Zudem ist die Vertikalbewegung, das
heisst die Stärke der Aufwärtsbewegung der Luft süd-südwestlich der Schweiz,
relativ stark (rot eingefärbte Gebiete). Zusammen mit der vorhandenen
Feuchtigkeit an diesem Mittwoch muss mit Gewittern gerechnet werden, die sich
intensivieren, sobald die zyklonalen Isohypsenkrümmungen die Schweiz erreichen.
Über der Schweiz liegt die Höhe der 700-hPa-Druckfläche an diesem Tag auf
3120mü.M.
In Abbildung 4 ist die 700-hPa-Prognosekarte für Samstag 19. Juli, 2003 um 12
Uhr Z gegeben. Die Höhe der Druckfläche ist im Vergleich zum Mittwoch nur um 20
Meter auf 3140mü.M. angestiegen. Aber die Isohypsen 100 bis 300 km westlich der
Schweiz sind stark antizyklonal gekrümmt, was zunehmende Subsidenz und somit
schönes Wetter mit sich bringen wird.
500-hPa-Höhenkarte
50% der Atmosphärenmasse liegen unterhalb
und 50% oberhalb von diesem Höhenniveau. Es entspricht einer Höhe von ungefähr
5500 mü.M. Entsprechend der Strömung in dieser Höhe ziehen die Hoch- und
Tiefdruckgebiete am Boden. Bei der Interpretation dieser Karten ist es wichtig,
das Wellenmuster zu beachten. Kurzwellentröge (schlechtes Wetter) mit
Wellenlängen von 2000 bis 4000 km zeichnen sich durch deutliche Wetteraktivität
aus. An der Trogvorderseite kommt es (häufig verbunden mit Tiefdruckaktivität in
Bodennähe) zu veränderlichem Wetter mit Niederschlägen. Westlich des Höhentroges
(Trogrückseite) setzt dagegen Subsidenz ein und damit Übergang zu
hochdruckbestimmtem Wetter. Direkt unter der Keilachse (Höhenhoch) herrscht die
grösste Subsidenz und damit verbunden meist sonniges Wetter ohne Cirren.
In Abbildung 5 ist das 500-hPa-Geopotential zusammen mit dem Bodendruck und der
Temperatur in dieser Höhe dargestellt. Es handelt sich wieder um eine
Prognosekarte für den Mittwoch 16. Juli 2003 um 12 Uhr Z. Hier sind die weissen
Linien die Isobaren und die farbigen die Isohypsen. Grau gestrichelt ist die
Temperatur. Der Abstand zwischen zwei benachbarten Isothermen beträgt 5 °C.
Auf dieser Karte sind zwei Tiefdruckzentren zu erkennen. Ein erstes Bodentief
südlich von Island, das genau unter dem Höhentief liegt, und ein zweites
Bodentief über Südengland. Die Höhenströmung über der Schweiz ist Südwest.
Anhand der Isohypsen kann man über Ostitalien und Österreich einen Hochdruckkeil
erkennen, welcher nach Osten abwandert. West-südwestlich der Schweiz liegt ein
Höhentrog mit einer Wellenlänge von ca. 3000 km. Die Isohypsenkrümmung über
Frankreich ist auch in diesem Niveau stark zyklonal. Zusammen mit dem nahe
gelegenen Bodentief muss mit einer Wetterverschlechterung gerechnet werden.
Anders sieht die Situation aus für Samstag den 19. Juli 2003 um 12 Uhr Z
(Abbildung 6). Ein Hochdruckkeil liegt mitten über Frankreich, und die Schweiz
befindet sich an seiner Vorderseite. Das Bodendruckfeld ist zwar flach, aber die
Subsidenz in der Höhe wird für überwiegend sonniges Wetter sorgen. Sollte einmal
weder ein klarer Tiefdrucktrog noch ein Hochdruckkeil zu erkennen sein, muss man
darauf achten, ob die Isohypsen unmittelbar westlich der Schweiz zusammen- oder
auseinanderströmen. Konvergierende Winde bedeuten meist eine
Wetterverschlechterung, während Divergenzen in den Höhenwetterkarten eine
Wetterbesserung hervorrufen.
Die herausragende Stellung der 500-hPa-Höhenkarte bei der Mittel- bis
Langfristprognose hat zur Folge, dass die Qualität eines Wettermodells oft mit
dieser Variablen gemessen und anschliessend mit anderen Modellen verglichen
wird. Dabei werden die effektiv am betreffenden Tag gemessenen Höhen
(Analysekarten) mit den vergangenen Prognosekarten verglichen und die
Abweichungen berechnet.
Internet
Jede Menge an Höhenwetterkarten findet
man auf dem Internet. Nicht alle Modelle sind zugänglich, und je nach Modell
stehen verschiedene prognostizierte Variabeln zur Auswahl. Zwei besonders gute
Adressen sind www.westwind.ch und
www.wetterzentrale.de.
Micha Schultze