Bauernregeln
Kräht der Hahn auf dem Mist…

Keineswegs sind Bauernregeln so unzuverlässig, wie die verballhornte Form dieser Regel suggeriert. Beinahe 500 Bauernregeln hat Horst Malberg in seinem Buch «Bauernregeln aus meteorologischer Sicht» auf ihre Eintreffwahrscheinlichkeit untersucht. Hier einige Beispiele.

Wenn’s im August stark tauen tut,
bleibt gewöhnlich das Wetter gut.
Benetzt am Morgen Tau das Gras, dann sagt diese Bauernregel im August anhaltend gutes Wetter voraus. Aus meteorologischer Sicht lässt sich diese Regel leicht erklären. In klaren Nächten kühlt sich die Luft ab. Da im August die Nächte schon länger geworden sind, reicht das aus, um bei windstillen Verhältnissen Tau zu bilden. Klarer Himmel und wenig Wind kennzeichnen ein stabiles, beständiges Hoch. Das schöne Wetter hält also an.
Ein turbulentes Ende der Hochdrucklage kündet eine andere Regel an:

Augustsonne, die schon früh brennt,
nimmt nachmittags kein gutes End.
In schwüler, warmer Luft brennen die Sonnenstrahlen unangenehm heiss. Schwülwarme Luft aber geht oft einer Kaltfront voraus, die, besonders wenn sie am späten Nachmittag eintrifft, heftige Gewitter auslöst.

 

Geschichtlicher Hintergrund
Bauernregeln sind Merksprüche der Landbevölkerung. Sie beschreiben die Auswirkungen des Wetters auf das Gedeihen der Feldfrüchte. So erklärt Meyers Grosses Lexikon diesen Begriff. Nicht nur in Mittel- und Westeuropa, sondern auch in anderen Gebieten der Erde sind sie anzutreffen, zum Beispiel in Skandinavien, auf dem Balkan und in Spanien, aber auch in Brasilien oder bei den Indianern Nordamerikas. Bereits die Griechen und die Römer benutzten Bauernregeln, wie verschiedene Schriften belegen. Eine altrömische Regel aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. lautet:

Winterstaub und Frühjahrsregen
bringt, Camill, dir Erntesegen.

Eine ähnliche Regel findet sich auch in unserer Gegend. Ein erster Hinweis auf Bauernregeln im deutschen Sprachraum ist in der Schrift «Über die Beschaffenheit des Windes» von Albertus Magnus (1193–1280) enthalten. Das Wetterbüchlein von R. Reynmanns aus dem Jahre 1505 und die «Bauernpraktik» aus dem Jahre 1508 enthalten die frühesten deutschsprachigen Sammlungen. Zu dieser Zeit muss der Begriff «Bauernregel» schon sehr gebräuchlich gewesen sein, da er im Wetterbüchlein ohne weitere Erklärung verwendet wurde.

Arten von Bauernregeln
Die Bauernregeln halfen dem Bauern im Alltag die richtigen Entscheide zu treffen, zu erkennen, wann die Saat ausgebracht und wann geerntet werden musste. So gehören auch Regeln über bäuerliche Arbeitstermine sowie Heil- und Gesundheitsregeln dazu. Geläufig sind vor allem die Regeln, die sich auf das Wetter beziehen. Auch diese lassen sich in verschiedene Arten aufteilen.
Wetterregeln geben eine Vorhersage über die nächsten Stunden bis wenige Tage hinaus. Dazu gehören auch die beiden Regeln am Anfang dieses Artikels. Oft lassen sich diese Regeln physikalisch erklären wie zum Beispiel die folgende:

Steigt Nebel empor,
steht Regen bevor.
Aufsteigender Nebel zeigt an, dass ganz allgemein die Luft aufsteigt und Feuchtigkeit in höhere Luftschichten transportiert. Die Wolken wachsen und bald fällt Regen.
Witterungsregeln beschreiben den Wettercharakter, wie er in den nächsten Wochen oder in einigen Monaten sein wird. Zum Beispiel sagt die folgende Regel den Winter voraus:

Ist der September lind,
wird der Winter ein Kind.
Physikalisch lässt sich diese Regel nicht überprüfen, sondern nur statistisch. In drei von vier Fällen, in welchen der September zu warm war, sagt die Regel richtig einen insgesamt zu milden Winter voraus. Dabei wies vor allem der Februar übernormale Temperaturen auf.
Kalendergebundene Regeln sagen etwas darüber aus, wie im allgemeinen das Wetter in einem bestimmten Monat zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Wann zum Beispiel der Herbst kommt, beschreibt diese Regel:

Laurenz (10. August) setzt den Herbst an die Grenz’,
Bartholomä (23. August) bringt ihn her.
Diese Regeln beschreiben den durchschnittlichen Verlauf des Wetters übers Jahr. Aufgrund der statistischen Mittelwerte lassen sie sich gut erklären. In Mitteleuropa geht der Hochsommer mit der ersten Augustwoche zu Ende. Eine ununterbrochene Folge von zehn oder mehr Sommertagen mit einer Höchsttemperatur über 25°C ist in der Regel nur zwischen Anfang Juli und den ersten Augusttagen möglich.
Welche Auswirkungen das Wetter auf die Ernte hat, beschreiben Ernteregeln. Zum Beispiel ist ein nasser August schlecht für den Wein:

Was die Hundstage giessen,
muss der Winzer büssen.
Auch das Gegenteil gilt:

Ein trockener August,
des Bauern Lust.
Während der Ernte wünschte sich der Bauer warmes, sonniges Wetter, damit das Korn voll ausreifte und trocken gedroschen werden konnte. Auch sollte das Stroh trocken in die Scheune gefahren werden, um Fäulnis vorzubeugen.

Kräht der Hahn auf dem Mist,
ändert das Wetter,
kräht der Hahn auf dem Hühnerhaus,
hält das Wetter die Woche aus.
Dies ist wohl die bekannteste Regel im deutschsprachigen Raum. Sie gehört zu den Tier- und Pflanzenregeln. Oft wird sie als Beispiel für die mangelnde Aussagekraft und Unzuverlässigkeit der Bauernregeln zitiert. Doch unsere Vorfahren beobachteten die Natur sehr genau. Hahn und Hühner picken bei feuchtem Wetter bevorzugt auf dem Misthaufen herum, weil dann Würmer und Käfer eher an die Oberfläche kriechen als bei Hochdruckwetter. Auf der Beständigkeit ruhiger, windschwacher Hochdrucklagen beruht die folgende Regel:

Wenn die Spinnen weben im Freien,
kann man sich lange schönen Wetters freuen.
Es gibt auch noch Regeln, die den Einfluss des Mondes auf das Wetter, aber auch auf Pflanzen, Tiere und die alltäglichen Dinge von Haus und Hof beinhalten. Hier grenzen Aberglaube, Mystik und Wahrheit aneinander. Im allgemeinen wird Wachstum mit zunehmendem Mond verknüpft, während der abnehmende Mond das Gegenteil bewirken soll. Einige dieser mondbezogenen Regeln lassen sich meteorologisch erklären.

Die Erfahrung bezeugt,
dass der Mond die Erde befeucht.
In wolkenlosen Nächten, wenn der Mond hell scheinen kann, kühlt der Boden stärker aus als bei bedecktem Himmel. Damit bildet sich auch mehr Tau, der die Erde befeuchtet. Andere Regeln behaupten, dass der Mond auf geheimnisvolle Weise das Wetter beeinflusst:

Bei Mondwechsel ändert sich auch das Wetter.
Ob das wirklich so ist, hat Horst Malberg mit statistischen Methoden untersucht. Überraschenderweise fand er einen Zusammenhang zwischen der Mondphase und der Bewölkung. Eine physikalische Erklärung gibt es aber nicht. Vermutungen gehen dahin, dass der Mond die kosmische Strahlung beeinflusst, welche die Erde trifft und dort eventuell einen Einfluss auf die Wolkenbildung hat.
Zum Schluss noch eine jüngere Regel aus dem Goms:

Wenn kleine Cumuli am Himmel stehn,
sind bald viel farbige Punkt’ zu sehn.

Martin Gassner

Referenzen
Horst Malberg, Bauernregeln aus meteorologischer Sicht, Springer-Verlag, ISBN 3-540-00673-7

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