Luftmassenherkunft – virtuelles Streckenfliegen
Die Reise eines Luftpakets im Juli 2005: Von der Ukraine via Skandinavien in die Schweiz. Oder von der Schweiz nach Griechenland, Ägypten, Tschad und Niger bis nach Mali. HYSPLIT-Trajektorien heissen diese Berechnungen. Im Internet kann die Herkunft und das Ziel von Luftmassen visualisiert werden – für jeden Ort auf der Welt und hochaktuell. Zusätzlich kann man die Luftmassentransformation beobachten.
Micha Schultze | www.chilloutmeteo.com
Samstag 16.
Juli 2005: Über die Schweiz zieht in den frühen Morgenstunden eine
Gewitterfront. Tagsüber bläst in den Voralpen und auf den Jurahöhen ein Westwind
mit 30 km/h Mittelwerten und Böen bis 60 km/h. Von Genf bis ins östliche
Graubünden sind es gut 300 km Luftlinie. Die Luftmasse braucht an diesem Samstag
also zirka 10 Stunden, um unser Land zu überqueren. Das ist ungefähr die
Geschwindigkeit, mit der gute Gleitschirm-Streckenpiloten unterwegs sind.
Wo liegt der Ursprung einer Luftmasse? Und wohin geht die Reise? Um diese Fragen
zu beantworten, benutzen Meteorologen Trajektorien. Eine Trajektorie ist die
Bahn, die ein Luftpaket in einem gewissen Zeitraum durchläuft. Das heisst, dass
eine Trajektorie alle Orte verbindet, die eine Luftmasse während ihrer Bewegung
einmal berührt hat. Durch die Berechnung von Trajektorien lässt sich unter
anderem auch die Herkunft und die weitere Verfrachtung von Luftverunreinigungen
bestimmen.
Ergänzend zur Rubrik Meteo in der letzten Ausgabe des «Swiss Glider» zum Thema
Luftmassentransformation soll dieser Artikel zeigen, woher Luftmassen kommen und
wohin sie gehen. Anhand zwei konkreter Beispiele wird gezeigt, wie Luftmassen
auf ihrer Reise transformiert werden.
HYSPLIT (HYbrid Single-Particle Lagrangian
Integrated Trajectory) ist die neuste Version eines vollständigen Systems, um
Trajektorien zu berechnen. Es ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit der
NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) – dem amerikanischen
Wetterdienst – und dem Australischen Bureau of Meteorology.
Das HYSPLIT Model kann interaktiv auf dem Internet bedient werden. Das Programm
und die meteorologischen Daten können aber auch auf einen Mac oder Windows PC
heruntergeladen werden. Die Web-Version ist für viele spannende
Trajektorien-Berechnungen sehr umfassend. Um mit aktuellen Prognose-Daten zu
arbeiten, muss man sich registrieren. Bei der Arbeit mit vergangenen,
archivierten Daten ist keine Registrierung notwendig. Zugang zum HYSPLIT-Model
hat man über die NOAA Air Resources Laboratory Website
http://www.arl.noaa.gov/ready.html.
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Abb. 1: Rückwärts-Trajektorien. Woher kommt die
Luft, die am Samstag 23. Juli über der Schweiz liegt? Grün: 5500 M.ü.M., mit
Angabe der Wochentage. Blau: 3000 M.ü.M.. Rot: 1500 M.ü.M. Querschnitt oben:
Höhe der Trajektorien über Grund. Querschnitt unten: Relative
Luftfeuchtigkeit. |
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Abb. 2: Vorwärts-Trajektorien. Wohin geht die
Luft, die am Samstag 16. Juli über der Schweiz liegt? Grün: 5500 M.ü.M., mit
Angabe der Wochentage. Blau: 3000 M.ü.M.. Rot: 1500 M.ü.M. Querschnitt oben:
Höhe der Trajektorien über Grund. Querschnitt unten: Relative
Luftfeuchtigkeit. |
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Rückwärts-Trajektorien
Es gibt zwei
Sorten von Trajektorien: Rückwärts- und Vorwärts-Trajektorien. Die
Rückwärts-Trajektorien starten am Samstag, 16. Juli 2005, und enden am Samstag,
23. Juli, in der Schweiz. In Abbildung 1 sind die Rückwärts-Trajektorien der
Luftmassen dargestellt, die am Samstag Nachmittag, 23. Juli 2005 um 14 Uhr über
dem Napf auf 1500, 3000 und 5500 Meter über Meer eintreffen – vorausgesetzt, das
Wettermodell stimmt. Je nach Höhe ist das Ursprungsgebiet ein anderes.
Aufgepasst: Die Zeitachse bei der Darstellung der Höhe über Grund (Meters AGL =
Meters Above Ground Level) und der relativen Luftfeuchtigkeit (RELHUMID)
verläuft bei den Rückwärts-Trajektorien von rechts nach links! Wochentage
beachten. Die Zeitangaben über dem Datum sind jeweils 00 UTC (= 2 Uhr
Mitteleuropäische Sommerzeit) und 12 UTC (= 14 Uhr Mitteleuropäische
Sommerzeit).
Die Luft, die an diesem 23. Juli auf 5500 M.ü.M. (grüne Linie) über dem Napf
sein wird, befindet sich eine Woche davor, d.h. am Samstag 16. Juli, über der
Ukraine auf einer Höhe von 3000 Meter über Grund. Auf dem Weg nach Skandinavien
wird diese Luftmasse angehoben auf 6000 Meter über Grund. Anschliessend findet
ein langsames Absinken statt, bis diese Luftmasse in der Schweiz ankommt. Die
Wochentage auf der Karte in Abbildung 1 beziehen sich nur auf die grüne
Trajektorie.
Die Luft, die auf 3000 M.ü.M. (blaue Linie) über dem Napf sein wird, befindet
sich eine Woche davor bei St. Petersburg auf einer Höhe von 1000 Meter über
Grund. Bei der Überquerung des Bottnischen Meers zwischen Finnland und Schweden
wird die Luftmasse um ca. 1000 m angehoben. Dabei steigt die relative
Luftfeuchtigkeit (RELHUMID) von 40% auf fast 80% an. Von Freitag 22. Juli 00 UTC
bis Samstag 23. Juli 12 UTC bewegt sich diese Luft von England über Frankreich
bis in die Schweiz und sinkt dabei um ca. 500 m ab. Dadurch sinkt auch die
relative Luftfeuchtigkeit von fast 100% auf 70%.
Die Luft, die auf 1500 M.ü.M. (rote Linie) über dem Napf eintrifft, erlebt eine
besondere Reise: Sie befindet sich eine Woche davor an der Ostküste Grönlands.
Die relative Luftfeuchte beträgt 90% und schwankt auf dem Weg über den Atlantik
zwischen 75 und 85%. Sobald diese Luft am Donnerstag 21. Juli bei Frankreich
über Land kommt, sinkt die relative Luftfeuchtigkeit schlagartig auf 50% und
erfährt ab dann eine normale, tageszeitlich bedingte Schwankung zwischen 60 und
90%.
Vorwärts-Trajektorien
Die
Vorwärts-Trajektorien starten am Samstag 16. Juli 2005 in der Schweiz und enden
am Samstag 23. Juli (Abb. 2). Die Luft, die sich am 16. Juli auf 5500 M.ü.M.
über dem Napf befindet, hat eine weite Reise mit grossen Höhendifferenzen vor
sich. Am Sonntag und vor allem von Montag bis Donnerstag kommt diese Luft in den
Einfluss des Subtropenhochs über Nordafrika. Die Luft sinkt dabei von gut 5000
Meter über Grund bis hinunter auf 500 Meter über Grund! Die relative
Luftfeuchtigkeit sinkt von 80% bis hinunter auf 10%. Am Freitag kommt die Luft
dann aber in den Bereich der innertropischen Konvergenzzone (ITC) und erfährt
eine grosse Hebung. Innerhalb von 24 Stunden geht’s um 2500m hinauf. Dabei nimmt
die relative Luftfeuchtigkeit von 20% auf 60% zu.
Was passiert mit der Luft auf 3000 M.ü.M. über dem Napf? Auf dem Weg nach
Bulgarien steigt sie um 1000 m hoch. Danach sinkt sie schwankend aber
kontinuierlich um 3000 m ab und verliert 60% an relativer Luftfeuchtigkeit, bis
sie nach einer Woche im Irak ankommt.
Die Luft auf 1500 M.ü.M. mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50% bewegt
sich nur langsam weiter Richtung Osteuropa. Sie liegt eine Woche, nachdem sie
die Schweiz überquert hat, auf einer Höhe von 2500 Meter über Moskau. Dort hat
sie eine relative Luftfeuchtigkeit von ca. 90%.
Warum
ausgerechnet der Napf?
In
unmittelbarer Nähe zum Napf kreuzen sich der Breitengrad 47° Nord und der
Längengrad 8° Ost. Dies erleichtert die Eingabe beim Abfragen der Trajektorien
im Internet. Im GFS-Wettermodell, welches die meteorologischen Daten für diese
Berechnungen lieferte, ist die Landoberfläche bei diesem Längen- und Breitengrad
Schnittpunkt auf knapp 900 M.ü.M. Sucht man auf einer topografischen Karte der
Schweiz diesen Punkt, befindet man sich 4 km östlich vom Napf in einem Graben
mit ziemlich genau 900 M.ü.M. Dies hat jedoch mehr mit dem Zufall als mit der
Genauigkeit irgendeines Wettermodells zu tun. Der Wechsel von M.ü.Meer (Meter
ASL) und M.ü.Grund (Meters AGL) ist durch das HYSPLIT-Model gegeben. Die
Trajektorien können nur in Druckflächen oder Meter über Grund dargestellt
werden. Die meteorologischen Standardhöhen befinden sich bei 1500 M.ü.M. (850
hPa), 3000 M.ü.M. (700 hPa) und 5500 M.ü.M. (500 hPa).