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Landeplatz Lehn (Interlaken), 8. Juli 2007, 11 Uhr, Blick nach Westen. Links
der Niesen. Rechts davon, ungefähr auf Gipfelhöhe, kündet die Arcus-Wolke
die erste Böenfront an. Unmittelbar dahinter ist am Horizont ein matter,
eintöniger Niederschlagsvorhang. Dort fallen die Starkniederschläge. |
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Gleicher Standort und Zeitpunkt, Blick nach Osten, Richtung Haslital. Links
der Harder. Vor der Gewitterfront zieren «harmlose» Quellwolken den Himmel. |
Niederschlag
Niederschlagsprozesse und die Gefahren fürs
Gleitschirmfliegen
Die einfache Erklärung für Niederschlag ist Tröpfchenwachstum durch Kondensation. Um einen Regentropfen auf diese Weise zu bilden, bräuchte es mehrere Tage! Zwischen erster Kondensation und fallendem Niederschlag liegen eine halbe Stunde. Es müssen daher andere Prozesse wirksam sein.
Micha Schultze www.chilloutmeteo.com
Definition
Niederschlag ist
jeder flüssige oder feste Wasserpartikel, der aus der Atmosphäre fällt und den
Erdboden erreicht. Niederschlag kann gleichmässig und langanhaltend sein, oder
kurz und intensiv. Nebelregen, Niesel, Schnee, Regen, Graupel und Hagel sind
verschiedene Formen von Niederschlag.
Niederschlagsbildung
Wolkentropfen
haben einen durchschnittlichen Durchmesser von 0.01mm. Diese kleinen
Wolkentropfen werden im allgemeinen nur durch die Reibung der Luftmoleküle in
der Schwebe gehalten. Kleine Regentropfen sind ungefähr 1 mm gross. Ungefähr 1
Million Wolkentropfen müssen zusammenwachsen, um einen einzigen kleinen
Regentropfen bilden zu können. Eine solche Anzahl von Wolkentropfen ist
normalerweise auf ein Volumen von rund 100 Litern Wolkenluft verteilt, und es
fragt sich, welche Vorgänge zu ihrem Zusammenschluss führen. Die Prozesse, die
dahinterstecken, sind komplizierter, als man meint.
Die einfache (aber falsche) Erklärung für Niederschlag ist
Wassertröpfchenwachstum durch Kondensation. Um einen klassischen Regentropfen
auf diese Weise zu bilden, bräuchte es mehrere Tage! Beobachtungen zeigen aber,
dass der Zeitraum zwischen erster erkennbarer Kondensation (Wolkenbildung) und
fallendem Niederschlag in der Grössenordnung von einer halben Stunde liegen
kann. Daraus lässt sich folgern, dass für das Tropfenwachstum andere Prozesse
als die fortgesetzte Kondensation und molekulare Anlagerung entscheidend wirksam
sein müssen.
Erst wenn Tropfen eine bestimmte Grösse erreicht haben, fallen sie (sofern sie
nicht durch Aufwinde in der Höhe gehalten oder gar aufwärts geführt werden).
Sobald ein Tropfen zu fallen beginnt, bezeichnet man ihn als
Niederschlagstropfen. Wenn so ein Tropfen mehr als 5 mm Durchmesser hat, fällt
er mit einer Geschwindigkeit von 8 m/s. Dabei wird er durch den aerodynamischen
Widerstand der Luft so sehr abgeplattet, dass er in kleinere Tropfen
auseinanderplatzt. Wie können dann aber aus Wolkentropfen Niederschlagstropfen
mit wesentlicher Fallgeschwindigkeit entstehen – so
wie wir sie beispielsweise bei Regen beobachten?
Dafür gibt es bei der Niederschlagsbildung in der Atmosphäre zwei Möglichkeiten:
A) Die Koagulation von Wolkentröpfchen (Langmuir-Theorie) und
B) Der Weg über die Eisphase und Wassertropfen in Mischwolken, Vergraupelung
oder Schneeflockenbildung und möglichem anschliessendem Schmelzen (Bergeron-Findeisen-Prozess).
Langmuir-Theorie
Dabei handelt es
sich um das Einfangen kleinerer, also langsamer fallender Tropfen auf der
Vorderseite eines fallenden Tropfens. Es kann aber auch das Einfangen von
Tropfen in seinem sogenannten «Nachlauf», wo infolge des dort verminderten
Luftwiderstandes Tropfen schneller fallen und deshalb den voraus befindlichen
Tropfen einholen können, sein.
Dieser Prozess ist beschränkt auf reine Wasserwolken und liefert als Endprodukt
unter günstigen Bedingungen nur kleintropfigen Regen. Zusätzlich müssen zwei
Vorraussetzungen erfüllt sein: Genügend grosse «kolloide Labilität» und eine
ausreichende Koagulationsstrecke.
Kolloid-labil ist Wolkenluft, deren Tröpfchenspektrum auch grosse Tröpfchen mit
einem Durchmesser über 0.036 mm aufweist. Erst dadurch werden genügend grosse
Unterschiede in der Sinkgeschwindigkeit erreicht. Dies steigert die
Wahrscheinlichkeit von Zusammenstössen und ermöglicht bei genügender Wegstrecke
und dem damit verbundenen Zusammenfliessen (koagulieren) die Bildung eines
Tropfens ausreichender Grösse. Man muss bedenken, dass jeder Regentropfen auf
der Fallstrecke zwischen Wolkenbasis und Erdoberfläche auch noch einem
Verdunstungsprozess ausgeliefert ist.
Tropfenwachstum durch Aufwind
Je stärker der
Aufwind, umso grösser muss der Tropfen durch Koagulation werden, um nach unten
fallen zu können. Die kritische Grösse von 5 mm für Auf- oder Abwärtsbewegungen
ist oben bereits erwähnt worden. Aus einer Konvektionswolke mit einem Aufwind
von 8 m/s und mehr kann zunächst einmal kein Niederschlag ausfallen, da die
kleineren Tröpfchen mit ihrer geringeren Fallgeschwindigkeit sowieso nicht gegen
den Aufwind durchkommen und diejenigen, die gross genug wären, in kleinere
Tröpfchen zerstäubt werden. Alle zusammen werden vom Aufwind hochgehalten oder
hochgetragen und machen den Koagulationsprozess ein zweites oder sogar drittes
Mal durch. Das Wassergewicht der Wolke nimmt kontinuierlich zu. Wenn nun der
Aufwind nachlässt, fällt plötzlich ein konzentrierter Regen aus grossen Tropfen
mit grosser Tropfendichte aus, den man als Platzregen oder Starkregen
bezeichnet.
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Abb. 1: Niederschlagsradar vom 8. Juli 2007, 9
Uhr. Morgengewitter über Luzern und Zürich. Multizellen-Gewitter vor der
Schweizer Grenze über Frankreich. |
Bergeron-Findeisen-Prozess
Aufwinde von 8 m/s
kommen in den mittleren Breitengraden normalerweise nur in Cumulonimben
(Gewitterwolken) vor. Das sind Konvektionswolken, die auch hoch genug reichen,
um in die Eisphase der Wolkenbildung zu gelangen. Dann vollzieht sich die
Niederschlagsbildung in erster Linie nach den Regeln für Mischwolken (Eis- und
Wasserpartikel). Mindestens in einem Teil der Wolke muss die Temperatur unter
0°C liegen. Dieser sogenannte Bergeron-Findeisen-Prozess basiert auf der
Tatsache, dass der Sättigungsdampfdruck über Eis niedriger ist als über Wasser
gleicher Temperatur. Liegt nun in der Wolke ein Gemisch aus Tropfen und
Eiskristallen vor, bzw. fallen Eiskristalle in den Wasserteil hinein, wachsen
sehr rasch die Kristalle auf Kosten der Tropfen und fallen aus der Wolke heraus.
Je nach Jahreszeit in den unteren troposphärischen Schichten zum Teil tauend als
Schneeregen oder Regen.
Die Eiskristalle fungieren für den Niederschlag lediglich als «Auslöser», die
tieferen Wasserwolken dagegen lediglich als «Spender» für die eigentlichen
Niederschlagsmengen. Dieser Prozess liefert überall die ergiebigsten
Niederschläge und ist für alle Regionen ausserhalb der Tropen der häufigste und
wichtigste Vorgang bei der Niederschlagsbildung.
Konsequenz fürs Gleitschirmfliegen
Ausgiebige
Niederschlagsbildung ist immer an Wolken mit grosser Vertikalerstreckung
gebunden (Cumulonimben, Nimbostratus). Wobei die Cumulonimben eine viel grössere
Gefahr darstellen, als Nimbostratuswolken. Aus flachen Quell- oder Schichtwolken
(Cumulus, Stratocumulus, oder Altocumulus) kann höchstens bei niedrigen
Temperaturen etwas Schnee fallen. Regen liefern diese Wolken nicht. Gefahren
fürs Gleitschirmfliegen sind zweierlei:
A) Vor dem Niederschlagsprozess.
B) Unmittelbar nach dem Niederschlagsprozess.
A) Der
Aufwind unter einer Cumulonimbuswolke kann so gross sein, dass jegliche
Abstiegsvarianten als hoffnungslose Fluchtversuche scheitern. Gute Kenntnisse
über die aktuelle Wetterlage, genaues Beobachten und defensives Handeln sind
hier die besten Sicherheitsvorkehrungen.
B) Unmittelbar nach Niederschlagsbeginn kühlt sich die Luft unter der Wolke
stark ab. Im Emagramm kann man sich dies am besten vorstellen, indem man von der
Wolkenbasis der Feuchtadiabaten bis zur Erdoberfläche hinunterfolgt. Dieser
Temperaturrückgang bewirkt einen starken böigen Wind radial in alle Richtungen.
Der Wind eilt dabei dem Niederschlag in Form einer Böenfront voraus. Je höher
die Wolkenbasis, desto grösser der Temperatursturz und desto stärker die
Windböen.
Messung mit dem Niederschlagsradar
Das
Niederschlagsradar zeigt, wo und wann es wie stark geregnet hat (http://www.landi.ch/deu/0804_niederschlagsradar.asp).
Abbildung 1 zeigt das Radarbild vom Sonntagmorgen, 8. Juli 2007, um 9 Uhr
mitteleuropäische Sommerzeit. Zu erkennen sind zwei kleinere Gewitter (Farbe
orange) über Luzern und Zürich. Unmittelbar westlich der Schweiz ein
Multizellen-Gewitter mit mehreren Gewittern in verschiedenen Phasen. Dieses
Multizellen-Gewitter hat sich im Vorfeld einer Kaltfront entwickelt. Die
Animation des Radarbildes im Internet zeigt die Verlagerungsgeschwindigkeit.
Daraus kann man grob erkennen, wann das eigene Fluggebiet erfasst wird. Zwischen
11 und 12 Uhr war das Eintreffen in Interlaken zu erwarten. Die Fotos sind beide
am Landeplatz im Lehn um 11 Uhr aufgenommen. Das erste Richtung Westen, das
zweite Richtung Osten.
