Föhn: Des einen Freud, des andern Leid
Die hohen Windgeschwindigkeiten und die extremen Turbulenzen verbieten Delta- und Gleitschirmpiloten einen Flug im Föhn. Segelflieger hingegen lieben diesen Wind, da die Leewellen phantastische Flüge ermöglichen. Doch auch sie müssen in dieser Hexenküche ihr Flugzeug sicher in der Hand haben.

Abb. 1: Föhnlage vom 31. März 1992.
«Heute ist der Tag!» Das war dem Segelflugprofi Felix Döbeli sofort klar, als er am frühen Morgen die Wetterkarte in der Zeitung studierte. Auf der Ostseite eines Tiefs über der Biskaya hatte sich eine kräftige Südströmung entwickelt, die frontal gegen die Alpen gerichtet war. Besser hätte der Beschrieb einer klassischen Föhnlage mit gut entwickelten Leewellen nicht sein können. Bereits um 7h56 startete er in Schänis SG zu seinem knapp neunstündigen Flug, der ihn über 1040 km von Weesen SG via Prättigau, Innsbruck nach Krimml (A), zurück nach Ziegelbrücke SG und noch einmal nach Österreich bis Kaprun bei Zell am See und zurück zur Zielboje beim Bachtel ZH bringen sollte. (Beim Segelfliegen sind auch flache Fünfecke gültige Flugaufgaben.)
Wellenfliegen, ein Genuss
Diese Wetterlage bedeutet für Delta- und Gleitschirmpiloten wegen der starken Turbulenz
und der hohen Windgeschwindigkeiten absolutes Flugverbot. Kaum einer, der an diesem Tag
die Wetterkarte genauer betrachtet hätte. Was bleibt, sind Träume vom Wellenfliegen. Aus
dem Meteorologieunterricht ist bekannt, dass sich im Föhn Leewellen bilden, die es den
Segelfliegern erlauben, in Höhen bis über 7000 m hinaufzusteigen. Jochen von Kalckreuth,
einer der besten Segelflugpiloten überhaupt, beschreibt den Aufstieg in einer Leewelle im
Tessin mit folgenden Worten: «Nun kann ich in weiter Panoramaschau die Steigbewegung auch
ohne Höhenmesser verfolgen. Das eben noch kantige Bergrelief beginnt sich zu glätten,
verliert seine Konturen, bleibt in der Tiefe als Landkarte zurück. Immer weiter wird die
Perspektive, reicht bereits vom Mont Blanc bis zum Ortler.» Und weiter: «Nur mein Blick
hinab hält noch Kontakt zur Erde; von dort sieht man den weissen Punkt nicht mehr. ...
Die Himmelskuppe verfärbt sich langsam in ein dunkles Höhenblau, der lichtlose Weltraum
schimmert durch die nahe Stratosphäre.»
Der Einstieg: Eine harte Sache
Doch für diesen Traum müssen auch die Segelflieger hart arbeiten. Nach dem Start
kämpfte sich Felix Döbeli unterhalb der Kretenhöhe der Churfirsten zu den bekannten
Föhneinstiegsgebieten Alvier, Gonzen und das Lee des Pizol. Gewöhnlich bildet sich
ausgelöst durch die Bergkette östlich des Walensees eine Welle in der Mitte des Tales,
mal näher bei den Churfirsten, mal eher bei den Flumser Bergen, je nach Windrichtung und
Stabilität der Luft. Doch an diesem Tag war dort nichts zu finden. Erst im Rätikon fand
er Anschluss an die starken Föhnhangwinde. Weiter: Richtung Golmerjoch musste er ein
ausserordentlich starkes Leegebiet mit Abwinden bis zu 10 m/s durchqueren. Eine heikle
Angelegenheit. Wäre ihm dahinter der Einstieg in das Wellensystem nicht gelungen, hätte
es keinen Weg zurück mehr gegeben, und eine Aussenlandung wäre unvermeidbar gewesen.
Etwas weiter als erwartet fand er schliesslich das Tor in die Welle.

Abb. 2: Lentis hinter zwei gleichen Bergketten, die mit 45° zum Wind stehen. (Technical Soaring, Vol 20, No.2)
Wie bilden sich die Wellen?
Die Theorie, wie sich Wellen bilden, ist rasch erklärt: Stabil geschichtete Luft strömt
gegen einen Bergrücken. Dieser lenkt sie nach oben ab. Wie von einer unsichtbaren Feder
heruntergezogen sinkt die Luft wegen der stabilen Schichtung hinter dem Bergrücken wieder
ab. Sie sinkt weiter, als sie zuvor gewesen war, so weit sogar, dass die unsichtbare Feder
sie wieder nach oben zieht. Dadurch schwingt die Luft einige Male um ihre Ursprungshöhe.
Zusammen mit der Horizontalbewegung, also dem Wind, ergibt die Auf- und Abbewegung eine
Welle, deren Länge durch die Windstärke und die Stabilität der Luft bestimmt wird.
Überlagerung zweier Wellen
Hinter einem einzelnen Bergrücken sind Entstehung und Lage der Wellen einfach zu
verstehen. In den Alpen mit ihren unzähligen Gipfeln wird das kompliziert. Die Wellen,
die hinter den verschiedenen Bergrücken stehen, beeinflussen einander. Kommt zum Beispiel
die Spitze einer Welle über das Tal einer anderen Welle zu liegen, so eliminieren sich
die beiden. Nur wenn Wellenberg auf Wellenberg trifft, entstehen die guten Aufwinde. Dort
bilden sich oft auch die charakteristischen Lentis. Bläst der Wind nicht senkrecht auf
die Bergrücken, so entstehen dahinter keine durchgehenden Wellen mehr, da diese immer
senkrecht zur Windrichtung stehen. Vielmehr teilen sie sich in zahlreiche, kurze
Bruchstücke auf, wie das die Computersimulation in der Abbildung 2 zeigt. Ein ähnliches
Bild ergeben auch Bergrücken, die nicht parallel zueinander stehen.
Lentis und Rotorwolken markieren die Aufwinde
Analog zu den Cumuli im Thermikflug markieren die Lentis im Wellenflug die Aufwinde. Durch
ihre Ausrichtung und ihre Lage zueinander verraten sie aber auch noch die genaue
Windrichtung und die Wellenlänge. Mit diesen Informationen, kombiniert mit der
Geländeform, lassen sich auch versteckte Wellen oder Passagen ohne Wellen aufspüren.

Schlepp im Föhn über Hausen am Albis.
Wichtige Merkmale von Wellen sind auch die Rotorwolken, die sich unter den Wellenbergen bilden. In ihrer Form gleichen sie den Cumuluswolken, sind aber eher wie horizontale Würste, zerrissen und rasch sich drehend. Auf der dem Wind zugewandten Seite finden die Segelflieger turbulenten Aufwind. Gleich daneben aber genauso starken Abwind. Wegen der extremen Turbulenzen müssen sich die Piloten unbedingt angurten, um nicht aus dem Sessel geschleudert zu werden.
Föhn in den Tälern
Die Streckenflugstrategie ist beim Wellenflug gleich wie beim Thermikflug: Vor schlechten
Passagen möglichst hoch steigen, sonst gilt es, Tempo zu machen. Trotzdem kommt es vor,
dass ein Segelflieger ganz tief in den Tälern den Aufwind suchen muss. Die Ausrichtung
der Täler ist dabei von besonderer Bedeutung. Verlaufen sie parallel zur Windrichtung,
steigt der Föhn schon bei kleinen Druckdifferenzen zwischen Lugano und Zürich bis zum
Talboden hinab (bei Südföhn ab 3 hPa, bei Nordföhn ab 4 hPa). Bekannt dafür sind das
Rheintal, das Reusstal oder der Brenner, von dem der Föhn gegen Innsbruck hinabstürzt
und dort auf der Nordseite wieder aufgleitet, sehr zu Freude der Segelflieger. Verlaufen
die Täler aber quer zur Windrichtung, bleibt der Föhn oben, und im Tal unten herrscht
Windstille. «Heimtückisch,» bezeichnet Felix Döbeli diese Täler, weil sie für die
Segelflieger zur Falle werden können. Umgekehrt sollte die vermeintliche Ruhe
Hängegleiterpiloten nicht zu einem Flug verleiten.
Deltaflüge in Leewellen
Leewellen können aber auch bei anderen Wetterlagen und auch an anderen Orten entstehen.
Gelegentlich bilden sich auch Lentis während einer Nordwest- bis Westlage. Im Gegensatz
zu den Föhnlentis, die parallel zum Alpenkamm stehen, bilden sie sich quer dazu. In einer
solchen Lage gelang Daniel Thut 1983 der Einstieg in eine Leewelle. Nachdem er sechs
Stunden gute Thermik ausgedreht hatte, flog er in einer Welle, die sich über den
Zentralalpen gebildet hatte. Zuerst stieg er mit 1,5 m/s. Da er wegen der zunehmenden
Windgeschwindigkeit immer schneller fliegen musste, reduzierte sich seine Steigrate, bis
sie schliesslich auf 5300 m Null wurde. 10 km windabwärts fand er eine weitere Welle,
brach den Flug aber ab, da er bereits sieben Stunden unterwegs war. Ein bemerkenswerter
Wellenflug gelang dem Amerikaner Nelson Lewis 1992. Indem er sich von Welle zu Welle
blasen liess, legte er im nördlichen Virginia (USA) eine Strecke von 174 km zurück.
Im Föhn sind Flüge mit Hängegleitern lebensgefährlich. Tödliche Turbulenzen können aus dem Nichts auftauchen. Beeindruckende Worte findet Jochen von Kalckreuth: «Im wilden Lufttanz dieser Stunde wurde das leichte Flugzeug so geprüft wie sein Pilot. Die schmalen Flächenspitzen schlugen meterweit um sich. Arme und Beine schwebten schwerelos im Sturz plötzlicher Fallwinde.»
Martin Gassner