Föhn im Berner Oberland

Teil 2

Grosse regionale Unterschiede

Im Berner Oberland gibt es vier ANETZ-Stationen (Adelboden, Interlaken, Jungfraujoch und Grimsel), deren Messungen im Internet alle zehn Minuten aktualisiert werden, und drei ENET-Stationen (Brienz, Boltigen, Männlichen), deren Messungen im Internet einmal in der Stunde aktualisiert werden.

In Adelboden steht die Station relativ frei mitten im Dorf auf einer grossen, leicht abfallenden Wiese. Bei der Temperatur und dem Wind ist ein klarer Einfluss des Föhns nachweisbar. Die Windstärken steigen auf Werte bis 5 m/s mit Windrichtungen vorwiegend aus WSW bis SSW. Diese «geringen» Windgeschwindigkeiten müssen mit Vorsicht interpretiert werden. Es sind 10-Minuten-Mittelwerte. Multipliziert mit dem Faktor 2 erhält man die Böenspitzen, welche in diesem Fall knapp 40 km/h erreichen! Es lässt sich eindeutig feststellen, dass die meisten Föhnwinde aus der Gegend des Hahnenmoospasses stammen.
In Interlaken befindet sich die Station auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes. Bezüglich Wind liegt die Station nicht besonders günstig. Im Westen ragt der Därliggrat in die Ebene hinein. Uneingeschränkte Offenheit besteht hingegen nach Nordosten zum Brienzersee hin. Bei Föhn sind ganz klar zwei Windrichtungen vorherrschend: Südwestwind aus den Lütschinentälern und Nordostwind vom Brienzersee her. Letzterer, der Hasliföhn, ist im Mittel wärmer, trockener und kräftiger als der Lütschinenföhn. Im Tagesgang verhalten sich die beiden Föhnwinde verschieden. Der Hasliföhn ist am Tag häufiger als der Föhn aus den Lütschinentälern, dafür kommt er in der Nacht praktisch gar nicht vor. Es wird vermutet, dass der Hasliföhn den Föhn aus den Lütschinentälern überlagert und verdrängt.
Wie die Windrose der Station Männlichen zeigt, machen einerseits Westwinde, andererseits Ostwind den überragenden Teil der Windverteilung aus. Die tageszeitliche Verteilung der Ost- und Westwinde ist an den Gang der Sonne und die entsprechende Erwärmung gebunden. Die kräftigsten Winde kommen aus den Richtungen SW und WSW, die ihre Spitzenstellung dem Föhn verdanken. Doch die Abgrenzung der Föhnfälle am Männlichen gestaltet sich diffizil. Der Föhn kann am Männlichen aus allen Richtungen kommen. Michael Tamas hat sich hier für einen Grenzwert von 8 m/s entschieden, um Föhn von nicht Föhn zu unterscheiden.


Hochauflösende Isobarenkarten zeigen, dass der grösste Gradient (Isobarenscharung)
über dem Alpenhauptkamm liegt.

Die Passlage der Station auf dem Jungfraujoch lässt im Wesentlichen nur zwei Windrichtungen zu: Einerseits Winde aus nördlichen Richtungen mit einem Maximum aus Nordwest, andererseits Winde aus dem Südsektor mit einem Maximum aus Südost. Dies entspricht weitgehend dem lokalen Relief. Michael Tamas hat hier zwei Grenzwerte für die Windgeschwindigkeiten aus südlicher Richtung gewählt, um die verschiedenen Fälle abzugrenzen: Alle Werte unter 5.5 m/s (20 km/h) werden als nicht Föhn bezeichnet. Alle Werte zwischen 5.5 m/s und 14 m/s (50 km/h) bezeichnet er als schwachen Föhn. Geschwindigkeiten über 14 m/s sind starkwindige Föhnfälle. Optisch ist eine tiefhängende Wolke auf dem Jungfraujoch wohl das typischste Merkmal für Föhn in der Region überhaupt. Allerdings kann diese Wolke auch fehlen, obwohl gleichzeitig eine starkwindige Föhnsituation herrscht.
Die automatische Klimastation Grimsel ist nicht auf der Grimsel Passhöhe gelegen, sondern direkt beim Grimsel Hospiz, welches sich ca. 1 km nördlich und 185 m tiefer als der Pass befindet. Auf der Windrose des Grimsel Hospizes sind drei Hauptwindrichtungen zu erkennen: Südwinde dominieren, gefolgt von Nordwinden und westlichen Winden. Die südlichen und nördlichen Winde entsprechen der Talachse des oberen Haslitals. Die westlichen Winde entstammen den Tälern des Oberaar- und Unteraargletschers. Tamas hat für diesen Passübergang den Grenzwert bei 11 m/s (40 km/h) gesetzt, um schwachen Südwind (föhnige Fälle) von starkem Südwind (klare Föhnfälle) zu unterscheiden.
Zusätzlich hat Tamas konventionelle Klimastationen in seine Untersuchung mit einbezogen. Die Messdaten dieser Stationen stehen der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung, weshalb hier nur kurz auf die Ergebnisse von Gstaad und Meiringen eingegangen wird. Bei Gstaad zeigt der Föhn einen klaren Tagesgang und schafft es nur, sich um die Mittagsstunden durchzusetzen. Die Richtungen des Föhnwindes sind Süd bis Südwest, d.h. aus dem Talhintergrund oberhalb Gsteig. Bei dieser Station hat Michael Tamas in seiner Untersuchungsperiode nur niedrige Windgeschwindigkeiten festgestellt, was aber nicht heissen soll, dass starkwindige Föhnsituationen grundsätzlich ausgeschlossen sind. In Meiringen, ein klassischer Föhnstandort, kann der Wind beträchtliche Stärken erreichen. An über zwei Dritteln aller Föhntage herrschten Böen von über 15 m/s (55 km/h). Einzelne Böen haben dabei sogar die Marke von 100 km/h überschritten. Der Föhnwind kommt aus südöstlicher Richtung, was der Richtung der Talachse entspricht. Das wichtigste Herkunftsgebiet ist der Grimselpass. Aber auch von Osten her kann der Föhn aus dem Gadmental wehen, von Süden aus dem Urbachtal und von Südwesten aus dem Rosenlauital. Dieser ist wegen seiner Wucht in Meiringen auch bei Nichtfliegern gefürchtet.

Vergleich der Stationen
Die Anzahl der Föhnstunden bietet ein ziemlich exaktes Mass, um die Föhndauer und -charakteristik einer Station während einer Untersuchungsperiode zu beschreiben. Für die Talstationen ergibt sich hier ein klare Abstufung. Meiringen hat die meisten Föhnstunden, gefolgt von Wengen, Adelboden, Mürren, Gstaad, Interlaken und Lauterbrunnen. In Interlaken ist der Föhn ein vergleichsweise seltener Gast. Dass die Station Interlaken eine längere Föhndauer als das talaufwärts gelegene Lauterbrunnen hat, ist entweder durch Föhn von Grindelwald oder vom Haslital her erklärbar, wobei das letztere wahrscheinlicher ist. Anhand des Haslitals lässt sich die Abnahme der Föhnhäufigkeit mit zunehmender Entfernung vom Alpenkamm bestens nachweisen. Wenn wir die Tage mit eindeutigem Föhn innerhalb der Untersuchungsperiode ansehen, so haben wir auf der Grimsel 57 solcher Tage, in Guttannen 53, in Meiringen 25 und in Interlaken noch 9. Welche Übereinstimmungen und Abhängigkeiten bestehen zwischen den Stationen? Die Antwort auf diese Frage würde erste Aussagen über die Wahrscheinlichkeit erlauben, dass Föhn an einer talabwärts liegenden Station eintrifft, wenn an einer talaufwärts liegenden Station bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Leider sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten. Einerseits ist die Zahl der Messstationen gering, und andererseits ist die Messperiode von Tamas zu kurz, um statistisch gesicherte Aussagen zu machen.

Tagesgang des Föhns
Den Talstationen Wengen, Adelboden, Lauterbrunnen und Interlaken ist gemeinsam, dass der Föhn in den frühen Morgenstunden am seltensten ist. Die Tagesgänge dieser Stationen zeigen alle eine Zunahme der Föhnstunden am späten Vormittag und erreichen ein Maximum zwischen 13 und 15 Uhr. Diese Tatsache ist für die Hängegleiter besonders tückisch, denn unsere Einschätzung der Föhngefahr beruht oft auf Messdaten in den Morgenstunden und auf Textprognosen für den Tag. Mit diesem Wissen im Hintergrund, müssen wir uns bei Föhnverdacht am Startplatz mit einem Meteobüro in Verbindung setzen und versuchen, die Gefahr abzuschätzen. Föhnverdacht muss immer dann geschöpft werden, wenn in den allgemeinen Textprognosen folgende oder ähnliche Prognosen zu lesen sind: Südwestliche Winde, insbesonders mit zunehmender Stärke, ein Tief oder eine Kaltfront nähert sich aus Westen bzw. Nordwesten, oder wenn sogar von föhnig oder aufkommendem Föhn in gewissen Gebieten gesprochen wird.

Föhntal Meiringen
Wieso ist das westliche Berner Oberland weniger von Föhn betroffen als das östlich gelegene Haslital? Diese Frage versuche ich u.a. im Rahmen einer Untersuchung zum Föhn in Interlaken zu beantworten, welche in einer kommenden Ausgabe des «Swiss Glider» erscheinen wird. Dies steht einerseits im Einklang mit den gängigen Föhntheorien, wonach der Föhn zuerst die niedrigeren Pässe überquert. Analysen einzelner Föhnfälle mit Hilfe von hochauflösenden Isobarenkarten zeigen, dass der grösste Gradient (Isobarenscharung) über dem Alpenhauptkamm liegt. Das heisst, das Druckgefälle läuft quer zur Linie zwischen Walliser Hochalpen und Gotthardgebiet (Abbildung 1). Abbildung 1 ist eine Analysekarte vom 10.5.2002 um 9 Uhr UTC (11 Uhr MESZ), der Isobarenabstand beträgt 1 hPa; zusätzlich ist die Potentielle Temperatur mit Farbflächen eingetragen. Die Druckdifferenz im Gebiet Nufenen-Grimsel beträgt 5 hPa. Zu diesem Zeitpunkt setzt der Föhn in Meiringen ein. Über den westlichen Berner Hochalpen sind keine Isobarenscharungen vorhanden. Vereinfacht gesagt: Das Wallis ist das Auffangbecken für den Föhn im westlichen Berner Oberland. Das Haslital profitiert nicht von dieser Funktion des Wallis; zusätzlich liegen die Isobarenscharen direkt über dem Gebiet zwischen Nufenen und Grimsel. Das Haslital ist somit v.a. aus topografischen Gründen die ausgeprägteste Föhnregion des Berner Oberlandes. 6 Stunden später sieht die Situation wie in Abbildung 2 aus. Druckdifferenz 7 hPa. Brienz meldet Föhn. Am Thunersee sieht der Himmel Richtung Osten und Richtung Süden nicht nach Föhnmerkmalen aus. In Interlaken wird bis zu diesem Zeitpunkt geflogen. Vertraut man nur auf optische Merkmale bei der Abschätzung der Föhngefahr, kann man sich unter Umständen stark irren.

Micha Schultze

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