Klimawandel im
Alpenraum
Sommer 2003: Höhenflüge jenseits der Norm?
Eine aussergewöhnliche Woche. Am 9. August fliegt Peter von Känel mit dem Biplace von Kandersteg über Blümlisalp, Gspaltenhorn, Jungfrau, Mönch, Eiger und Wetterhorn nach Interlaken. Auch am Tag davor und danach sieht man Gleitschirme auf knapp 4000 m.
Am 11. August steigt Christian
Bärtschi mit dem Delta über den Eiger, den Mönch und die Jungfrau. Am nächsten
Tag sind schon wieder Gleitschirme über dem Wetterhorn und dem Eiger. Am 13.
August beobachte ich, wie einige Gleitschirme weit über das Schreckhorn in die
Höhe schiessen. Kurz danach quere ich selber vom Schreckhorn zum Eiger und zähle
dort über ein Dutzend Hängegleiter – Solo- und Tandempiloten, Schulschirme und
Hochleister, ältere und neuere Modelle, alles ist vertreten. Was einst nur für
Profis möglich war, war in dieser Woche für fast alle greifbar. Sind das die
Zeichen des Klimawandels und ihre Auswirkungen auf die Hängegleiterfliegerei?
Sicher sind auch in dieser Woche CCC-Piloten neue Rekorde geflogen. Die
Auswertung der Flüge dieses Sommers wird zeigen, ob die Streckenflüge jenseits
der Norm waren. Mehr dazu im «Swiss Glider» vom Januar 2004. In dieser Ausgabe
gehe ich der Frage nach, welchen Stellenwert der Sommer 2003 im Zusammenhang mit
dem Klimawandel hat, wo die Ursachen für die Klimaveränderungen liegen und
welche Auswirkungen diese auf den Alpenraum haben werden.
![]() |
|
|
Abb 1: Blick zu Eiger, Mönch und Jungfrau: Die starke Schneeschmelze dieses Sommers wird gemäss Modellstudien auch im 21. Jahrhundert für einen weiteren Rückgang der Gletscher und Schneeflächen sorgen. |
|
![]() |
|
|
Abb 2: Blick zum Schreckhorn (Mitte) und Finsteraarhorn (rechts). Der Rückzug der beiden Grindelwaldner Gletscher verdeutlicht die anhaltende Klimaerwärmung. |
|
![]() |
|
|
Abb 3: Blick von Osten zum Eiger. Links der Mönch. Die grosse Hitze und enorme Trockenheit sind verantwortlich für die hohen Wolkenbasiswerte dieses Sommers. |
|
![]() |
|
|
Abb. 4: Anzahl monatlicher Temperatur-Anomalien (Abweichungen) pro Jahrzehnt 1501–2000 in Süd-Zentral-Europa: Die globale Klimaerwärmung manifestiert sich in den 1990er Jahren mit 22 warmen Monaten. |
|
Neue Rekorde
Der August 2003 bricht alle Rekorde.
Zumindest was die Temperaturen betrifft. Er gilt als wärmster Monat seit Beginn
der Messreihe. Das Gleiche gilt für den Juni. Aber auch der Sommer als Ganzes,
das heisst die Monate Juni, Juli und August sind die wärmsten der letzten 250
Jahre. Laut Meteo Schweiz lagen die Mitteltemperaturen im August in den
Niederungen der Alpennordseite 5 bis 6 Grad höher als im Vergleich zu den
Durchschnittswerten von 1961 bis 1990. In höheren Lagen und im Jura kann
vereinzelt sogar von 7 Grad die Rede sein. Ursache dieser überdurchschnittlichen
Temperaturen ist die Hitzewelle, die vom 4. bis 13. August andauerte.
Auch bezüglich Anzahl Hitzetage (Tage mit Maximaltemperaturen über 30 °C) und
Besonnung wurden Rekorde erzielt. Locarnos Rekord lag bisher bei 25 Hitzetagen
(1991), jetzt liegt er mit 56 Tagen gleich doppelt so hoch. Auch in anderen
Schweizer Städten wurden zwischen 30 und 50 Hitzetage gezählt – alles
Rekordmarken. Während wir normalerweise 200 Sonnenstunden zählen, waren es
diesen August im Mittelland und Tessin knapp 300 Stunden.
Ursachen für den lang anhaltenden Sommer sind blockierte Wetterlagen, die kaum
Veränderungen im Wettercharakter zulassen. Begonnen hat es bereits im Juni mit
einem stabilen Hoch, welches jedoch typisch ist für den Anfang dieses Monats. Im
Juli allerdings änderte dann oft der Wettercharakter. Es ist eine Westwindlage
mit durchziehenden Tiefdruckgebieten entstanden, die wechselhaftes und
unbeständiges Wetter mit sich bringen und z.T. für Schneefälle bis zu den
Passhöhen sorgen. Aber diesen Juli konnte sich das Subtropenhoch, das
normalerweise nur dem Mittelmeerraum stabiles Hochsommerwetter beschert, bis in
weite Teile Mitteleuropas ausdehnen. Dadurch konnten sich die Landmassen
ungewöhnlich stark aufwärmen, und das Hoch konnte sich sozusagen in Mitteleuropa
zunehmend festsetzen. Es entstand ein Selbsterhaltungsprozess. Die
Tiefdruckgebiete mit ihren kühleren Luftmassen vom Atlantik prallten an diesem
Hoch ab und zogen zirka 1000 km nördlich der Schweiz durch. Das Hoch erwärmte
die Landmassen noch stärker und konnte sich so buchstäblich festnageln.
Bei solchen Wetterlagen steigt auch die Güte der Wettervorhersagen.
Langfristprognosen konnten diesen Sommer mit erstaunlicher Stabilität gemacht
werden. Die Wahrscheinlichkeit, mit der sonst eine 3-Tages-Prognose zutrifft,
galt Anfang August für eine 6- bis 7-Tages-Prognose.
Doch ist dieser Sommer wirklich so aussergewöhnlich gewesen, wenn wir in der
Klimageschichte hundert, tausend oder sogar Jahrmillionen zurückblicken?
Rückblick in die
Vergangenheit
Um die aktuellen Ereignisse zu verstehen
und zu bewerten, versuchen Forscher ein möglichst gutes Verständnis über die
Prozesse in der Vergangenheit zu erhalten. Instrumentelle Messreihen reichen in
Mitteleuropa 130 bis 240 Jahre zurück. Will man noch weiter zurückblicken, muss
man sich mit Näherungswerten aus den Archiven der Natur (Eisbohrkerne,
Sedimente, Baumringe etc.) oder Archiven der Gesellschaft (Chroniken,
Beschreibungen der Witterungsverläufe etc.) begnügen. Die Messreihen und Archive
sind jedoch oft kurz, lückenhaft und aufwendig zu bearbeiten. Trotz diesen
Schwierigkeiten ist es dem Berner Klimahistoriker Christian Pfister und seiner
Forschungsgruppe gelungen, die Klimaverhältnisse der letzten 500 Jahre in
Süd-Zentral-Europa zu rekonstruieren.
Es hat im Mittelalter immer wieder sehr warme Monate gegeben. Extreme Sommer –
mit zum Teil extremen Dürreerscheinungen – gab es bereits sowohl in den Jahren
1540, 1603, 1669 und in einigen Sommern zwischen 1718 und 1730, als auch 1911
und 1947. In diesen Sommern herrschten im Schweizer Mittelland klimatische
Verhältnisse, wie sie üblicherweise im südlichen Mittelmeerraum auftreten.
Der Hauptunterschied der heutigen Zeit im Vergleich zu früher liegt darin, dass
wir seit 15 Jahren in einer anhaltenden Erwärmungsperiode liegen. Während früher
einem heissen Sommer ein kalter Winter folgte, fehlen heute die extrem kalten
Monate (siehe Abbildung). Laut dem Wissenstandsbericht des IPCC (Intergovernmental
Panel on Climate Change, siehe Kasten) waren die 1990er Jahre wahrscheinlich das
wärmste Jahrzehnt und 1998 das wärmste Jahr der letzten 1000 Jahre.
Klimatrend und
Klimavariabilität
Klimaforscher unterscheiden zwischen
Klimatrend, das heisst einer längerfristig in die gleiche Richtung laufende
Veränderung, und der Klimavariabilität, das heisst periodisch oder unregelmässig
verlaufende Schwankungen. Professor Heinz Wanner der Universität Bern und seine
Forschungsgruppe sind Spezialisten, wenn es um Klimawandel im Alpenraum geht.
Sie suchen nach den Ursachen für Klimaänderungen und versuchen die Auswirkungen
von grossräumigen Prozessen, wie z.B. die globale Erwärmung auf kleine Regionen,
wie z.B. den Alpenraum, abzuschätzen.
Das Klima hat eine sehr grosse Variabilität. Unabhängig von globalen
Veränderungen sind Extremereignisse immer grossen Schwankungen unterworfen und
ein Trend lässt sich oft nur schwer erkennen. Aufgrund dieses einzelnen extremen
Sommers von einem Trend zu sprechen, wäre falsch. Aber wenn solche Sommer in den
kommenden 10 oder 100 Jahren vermehrt vorkommen, wird vielleicht ein Trend
feststellbar sein.
Neben diesen Extremereignissen finden aber auch langsame Klimaveränderungen
statt. So sind zum Beispiel in den letzten 30 Jahren die
Jahresdurchschnittstemperaturen in der Schweiz um rund 0,5 °C pro Jahrzehnt
angestiegen. Ein Wert, der das globale Mittel um das Drei- bis Fünffache
übertrifft. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschafter vor diesen schleichenden
Veränderungen – leider mit bescheidenem Erfolg. Interessant ist hier die Rolle
der Medien. Immer, wenn es zu spektakulären Naturkatastrophen kommt, will man
das betreffende Ereignis mit der Klimaveränderung in Zusammenhang bringen.
Leider ist dies aber gerade bei den Extremereignissen am schwierigsten.
Ursachen für den Klimawandel
Ursachen für Klimaänderungen sind (a)
natürliche und (b) anthropogene, dass heisst menschgemachte Prozesse.
(a) Zu den natürlichen Ursachen zählen Schwankungen der Erdbahnelemente (die
Erde kreist nicht immer genau gleich um die Sonne), Schwankungen der
Sonnenaktivität (die Leuchtkraft der Sonne ist nicht immer gleich stark) und
Vulkaneruptionen, die Staubpartikel in die Atmosphäre schleudern und somit die
Sonneneinstrahlung schwächen. Die vierte natürliche Einflussgrösse ist die
Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten über längere Zeiträume. So wie El
Nino für viele extreme Wetterereignisse auf der Welt verantwortlich gemacht
wird, ist die Nordatlantische Oszillation (NAO) zu einem grossen Teil für die
Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse im Alpenraum verantwortlich.
Die NAO beschreibt die Druckdifferenz zwischen Azorenhoch und Islandtief. Ist
diese Druckdifferenz über mehrere Jahre besonders stark ausgeprägt, dominieren
starke Westwinde und bringen dem Alpenraum warme, feuchte Luftmassen. Wir
befinden uns seit 1974 in dieser Phase, auch wenn einzelne Jahre davon
abweichen. Sind die Druckgegensätze zwischen Azorenhoch und Islandtief gering
und die Westwinde deshalb schwach, kommt es vermehrt zu Nord- und
Nordostströmungen mit markanten Kaltluftvorstössen. Die längste dieser Phasen
war 1950 bis 1974. Sie führte im Alpenraum zu kälteren Wintern mit zum Teil
massiven Schneefällen. Diese Druckdifferenz kippt von stark zu schwach und
umgekehrt alle 20 bis 30 Jahre und wird von den Oberflächentemperaturen im
Nordwestatlantik verursacht. Der Atlantik kann also als Klimaküche der Alpen
bezeichnet werden.
(b) Zu den anthropogen bedingten Klimaänderungen zählen der Treibhauseffekt (v.a.
starke Zunahme der Kohlendioxid-Mengen in den letzten 200 Jahren), Zunahme der
Aerosole (Staub- und Rauchteilchen in der Atmosphäre), Ausdünnung der
stratosphärischen Ozonschicht (Ozonloch) und Zunahme des bodennahen Ozons (v.a.
im Sommer). Dazu kommen die Oberflächenveränderungen (Verstädterung,
Urwaldabholzung etc.).
Alle diese Prozesse haben entweder einen positiven oder negativen Einfluss auf
die Temperatur. Diese Einflussfaktoren, die in Raum und Zeit schwanken, können
komplexe Wechselwirkungen erzeugen, indem sie sich gegenseitig verstärken oder
abschwächen.
Laut dem IPCC-Bericht ist der grösste Teil des Temperaturanstiegs der letzten 50
Jahre den Aktivitäten des Menschen zuzuschreiben. So können z.B. Klimamodelle
die beobachtete Erwärmung nur simulieren, wenn sie den Anstieg der Treibhausgase
berücksichtigen.
Das 21. Jahrhundert
Analog zu Wettermodellen, die das Wetter
der folgenden Tage simulieren, versuchen Klimamodelle das Klima der nächsten 100
bis 200 Jahre zu berechnen. Auf globaler Ebene sind die Auswirkungen einer
wärmeren Atmosphäre vielschichtig. Neben steigenden Oberflächentemperaturen (v.a.
über den Kontinenten der Nordhemisphäre) ist eine Zunahme der
Wasserdampfkonzentration und der Niederschläge im 21. Jahrhundert sehr
wahrscheinlich. Schnee- und Eisbedeckung werden weiter abnehmen und der
Meeresspiegel weiter ansteigen. Des Weiteren wird eine Zunahme der
Starkniederschläge, der Intensität tropischer Wirbelstürme und anderer
Extremereignisse erwartet.
Klimaänderungen sind regional sehr unterschiedlich. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass sich die Temperaturen über Land und im Alpenraum stärker erhöhen als im
globalen Mittel. Es ist ebenfalls anzunehmen, dass Häufigkeit und Intensität von
sommerlichen Hitzewellen zunimmt. Die Variabilität und Intensität der
Niederschläge werden grösser: Für den Alpenraum zeigen die Modelle tendenziell
eine Abnahme der Niederschläge im Sommer und eine Zunahme im Winter. Für andere
extreme Wetterphänomene, wie z.B. Stürme, gibt es zurzeit nur ungenügende
Informationen, um Trends abschätzen zu können, da globale Klimamodelle so kleine
Gebiete wie die Alpen räumlich nicht genügend auflösen können.
Die Klimaerwärmung wird im Alpenraum besonders durch das Abschmelzen der
Gletscher sichtbar. Viele kleine Gletscher werden in den nächsten Jahren
verschwinden, andere weiter zurückgehen. Die Abnahme der Schneebedeckung in
Gebirgsräumen, wie sie in diesem Sommer besonders gut beobachtet werden konnte,
hat eine verstärkte Absorption der Sonnenstrahlen zur Folge und führt damit zu
einer zusätzlichen Erwärmung des Hochgebirges. Ob hier neue Heizplatten für
Thermikschläuche freigelegt werden, wird die Zukunft zeigen.
Ausstellung im Alpinen
Museum
Im Alpinen Museum in Bern ist am 4.
September die Ausstellung «Achtung Klimawandel!» eröffnet worden. Sie dauert
noch bis zum 31. Mai 2004 und steht allen offen, die selber erleben wollen, ob
sich das Klima nun wirklich verändert und welchen Beitrag der Mensch daran hat.
Wer lieber im Netz surft, dem empfehle ich den Start bei
www.ipcc.ch oder bei
www.proclim.ch.
Micha Schultze
Das IPCC ist ein
zwischenstaatlicher Ausschuss, der 1988 von der Welt Meteorologie-Organisation
WMO und dem Umwelt-Programm der Vereinten Nationen aus der Erkenntnis
gegründet wurde, dass die Klimaänderung globale Probleme bewirken kann. Ziel
des Organs ist es, wissenschaftliche Informationen zum besseren Verständnis
der Risiken der vom Menschen hervorgerufenen Klimaänderung zusammenzutragen,
auszuwerten und in Berichten zu veröffentlichen. Die Berichte basieren auf der
Arbeit von weltweit rund 2500 anerkannten Forschenden und dienen in erster
Linie als Entscheidungsgrundlage für politische Entscheidungsträger.