Heute auf der Speisekarte:
Föhnspezialitäten
Föhn in den Alpen – ein unerschöpfliches Thema. Im ersten Teil («Swiss Glider» 3.06 Seite 45) ging es um eine grobe Einteilung der verschiedenen Föhnarten sowie um den seichten Föhn. Heute kommen zwei weitere Föhnspezialitäten auf den Tisch: der Dimmerföhn (zyklonaler Föhn) und der hochdruckbestimmte (antizyklonale) Föhn.
Daniel Gerstgrasser , www.meteoschweiz.ch
Diese zwei Arten Föhn sind sozusagen die Extremfälle und decken ein weites meteorologisches Spektrum ab. Dieses reicht vom wolkenlosen Himmel über der ganzen Schweiz beim antizyklonalen Föhn bis zu aus Süden übergreifenden, manchmal unwetterartigen Starkniederschlägen in den Föhngebieten beim Dimmerföhn.
Der
Dimmerföhn
Auch hier gibt es
nicht einfach nur DEN Dimmerföhn; es können etwa drei Arten unterschieden werden
– im Detail darauf einzugehen würde aber zu weit führen. Die extremsten Fälle
treten dann auf, wenn der den Föhn verursachende Höhentrog ungewöhnlich weit
nach Süden Richtung Nordafrika ausgreift, labil geschichtete Warmluft im Spiel
ist und starke süd- bis südwestliche Höhenwinde herrschen (>120 km/h in 5500 m,
Bild 1).
Mit diesen Zutaten ergeben sich im Bodendruckfeld auf der Vorderseite des
Randtiefs bei Gibraltar starke Druckgegensätze (eindrücklich sichtbar an der
Isobarendrängung über Italien im Bild 2). Dadurch entsteht ein ausgeprägter
Scirocco, welcher heisse Saharaluft nach Norden transportiert. Diese Luft
überquert das Mittelmeer, wird dabei angefeuchtet und gelangt schliesslich als
ausgesprochen feuchte und labile Warmluft an den Alpensüdhang. Dort werden dann
meist extreme Regenfälle ausgelöst; oft bilden sich auch stationäre Gewitter.
Die täglichen Niederschlagssummen können 200 mm und mehr erreichen! Wenn wir uns
in diesem Spezialfall die Grundschicht auf der Alpensüdseite anschauen, so fällt
eines auf: Die bodennahen Luftschichten sind instabil, und das für einen
«normalen» Föhn nötige Kaltluftpolster fehlt völlig. Zudem weht ein böiger,
warmfeuchter Süd- bis Südostwind – im beschriebenen Fall vom 15. November 2002
wurden in Lugano 99 km/h gemessen! Das fehlende Kaltluftpolster im Süden ist
dann auch der Grund für die relativ geringen Druckunterschiede über den Alpen.
Im vorliegenden Fall waren es nur 2 bis 3 hPa.
Nun, wie wirkt sich diese Wetterlage nördlich des Alpenhauptkammes aus? In der
Regel bleibt es ganztags stark bewölkt, und in den Alpentälern weht böiger Föhn
mit Unterbrüchen. Zudem kann es gleichzeitig auch regnen, dies vor allem in den
Föhnregionen. Oft entstehen am Alpenhauptkamm immer wieder an derselben Stelle
gewittrige Schauer, die nach Norden laufen. Überschwemmungen und Murgänge in den
typischen Föhngebieten können die Folge sein. Am anfälligsten dafür ist das
Urnerland, je nach Höhenwindrichtung aber auch das Oberwallis und die
Vispertäler oder das Bündner Oberland, in seltenen Fällen auch das Haslital. Im
gezeigten Fall war aufgrund der Südwestkomponente in der Höhe vor allem die
Surselva betroffen (Stichwort Schlans), wo an diesem Tag 80 mm Regen fielen.
Auch in den klassischen Föhngebieten regnete es häufig; in Elm wurden über 50 mm
gemessen, und selbst in Altdorf und Chur waren es noch gut 20 mm.
Für uns Delta- und Gleitschirmpiloten ist die Entscheidung im Falle von
Dimmerföhn klar. Die Hinweise im Wetterbericht und der Blick in den Himmel oder
auf das Radarbild machen die Entscheidung einfach. Ganz anders ist die Situation
beim hochdruckbestimmten Föhn.
![]() |
|
Bild 1:
ECMWF-Analyse der Druckverhältnisse in etwa 5500 Metern Höhe (500-hPa-Karte)
und der relativen Feuchte (grün = feucht) von Freitag, 15. November 2002, 12
Uhr UTC. |
![]() |
|
Bild 2:
ECMWF-Analyse des Bodendruckes und der relativen Feuchte auf 3000 Metern
(700 hPa) von Freitag, 15. November 2002, 12 Uhr UTC. |
![]() |
|
Bild 3:
Föhn oder kein Föhn? Der Blick nach Süden oder auf eine der zahlreichen
Webcams in den Alpen verrät es in diesem Fall nicht! |
![]() |
|
Bild 4:
ECMWF-Analyse des Bodendruckes und der relativen Feuchte auf 3000 Metern
(700 hPa) von Sonntag, 3. Februar 2002, 12 Uhr UTC. |
![]() |
|
Bild 5:
ECMWF-Analyse der Druckverhältnisse in etwa 5500 Metern Höhe (500-hPa-Karte)
und der relativen Feuchte (grün = feucht) von Sonntag, 3. Februar 2002, 12
Uhr UTC. |
Der
hochdruckbestimmte (antizyklonale) Föhn
Dieser Spezialfall
kann bei einer oberflächlichen Meteo-Beurteilung schnell gefährlich werden. Der
Blick aus dem Fenster oder auf eine Webcam zeigt wolkenlose Verhältnisse, auch
auf dem Satellitenbild ist die ganze Schweiz wolkenfrei. Bei einer seriösen
Beurteilung anhand von Messwerten und der Wetterkarten wird schnell klar, dass
es bei dieser Wetterlage sinnvollere Beschäftigungen als das Fliegen gibt. Das
Bodendruckfeld (Bild 4) zeigt die klassischen Föhnmerkmale: Föhnknie mit
Überdruck im Süden, grosse Druckdifferenzen quer über den Alpenkamm, Kaltluft in
der Grundschicht im Süden und eine Front im Westen (Bild 4).
Das für diesen Fall entscheidende Merkmal finden wir aber in der
Höhenwetterkarte (Bild 5): Die südwestliche Höhenströmung über den Alpen ist
antizyklonal gekrümmt, ein kräftiger Hochdruckrücken liegt östlich der Alpen.
Dieser trocknet die Luftmassen vollständig ab, somit kann sich keine typische
Föhnbewölkung ausbilden.
Auch die unteren Luftschichten auf der Alpensüdseite sind ausgesprochen trocken,
der Stau bleibt völlig aus. Damit fällt im Süden auch kein Niederschlag, der die
Luftmassen «wäscht». Dies hat zur Folge, dass auf der Alpennordseite nicht die
typische klare Föhnsicht herrscht. Die Sichtverhältnisse entsprechen einer
schwachwindigen Hochdrucklage.
Hier haben wir auch den schlagenden Beweis dafür, dass die in vielen
Theoriebüchern beschriebene thermodynamische Föhntheorie eigentlich nicht
richtig ist: Föhn funktioniert auch ohne Niederschläge auf der Alpensüdseite,
und die Luftmassen in den Föhngebieten stammen nicht aus den unteren
Luftschichten der Alpensüdseite. Sonst müssten wir nämlich im vorliegenden Fall
auf beiden Seiten der Alpen in ähnlichen Höhen etwa dieselben Temperaturen
messen. Fazit: Der hochdruckbestimmte Föhn hat viele, aber nicht alle Merkmale
einer typischen Föhnströmung. Mit dem hier verwendeten Beispiel vom 3. Februar
2002 lässt sich folgendes Schema festlegen: WIND: Auswirkungen wie beim
klassischen Föhn. Messwerte weisen klar auf den Föhn hin (Altdorf 104 km/h,
Vaduz und Glarus 63 km/h). Die Druckdifferenzen sind hoch (>6 hPa) und geben
einen eindeutigen Föhnhinweis. TEMPERATUR: Auswirkungen wie beim klassischen
Föhn. Höchstwerte in den Föhngebieten bis 21 Grad, im Süden um 10 Grad (bei
derselben Sonnenscheindauer!) auf Grund der Kaltluft in der Grundschicht.
WETTER: Relativ untypische Auswirkung, wolkenlose bis gering bewölkte
Verhältnisse mit normalen Sichtverhältnissen. Aufgrund der fehlenden Feuchte im
Süden wird in den Föhngebieten eine extrem tiefe relative Feuchte von 10 bis 20%
gemessen. Beim «normalen» Föhn sind es in der Regel 30 bis 40%.