Ein Traum schlechthin!
Traurig nur, dass bald keine Gletscher mehr zu sehen sein werden.
Autor: Martin Gassner
Der milde Frühling und der extrem warme und trockene Sommer bescherten uns Thermikjunkies eine phantastische Saison. Die vielen guten Flugtage hätten unbeschwert genossen werden können, wären sie nicht eine Folge des Klimawandels. Die guten Bedingungen führten zu einem regen Flugbetrieb: 299 Flugtage, darunter 71 Tage mit Tagessummen über 5'000 km. 157 Pilotinnen und 2'028 Piloten nahmen am XContest teil, wobei 32 Pilotinnen und 345 Piloten erstmals dabei waren. 25'505 Flüge summierten sich auf 1'138'635 km, womit erstmals die Millionengrenze geknackt wurde. Der Beitrag der Damen stieg auf 68'889 km. Für diese enorme Strecke waren die Pilotinnen und Piloten 66'886 Stunden in der Luft, zum Vergleich ein Jahr hat 8'760 Stunden.
Am 15. Mai stellte Sebastian Benz mit 345 km gerader Strecke einen neuen CCC-Rekord auf. Von der Riederalp flog er Richtung Osten bis nach Mühlbach im österreichischen Pinzgau. Er überbot damit den bisherigen Rekord von Marcel Schmid vom 22. Juni 2017 um wenige Kilometer. Doch sein Rekord sollte nicht lange halten, denn Martin Muller gelang in den französischen Alpen am 3. August ein flaches Dreieck von 360 km Grösse. Beide Piloten waren mehr als 11 Stunden und im Durchschnitt mit über 31 km/h unterwegs. In der Kategorie Starrflügler konnte Christian Voiblet den Rekord gleich zweimal auf schliesslich 352 km verbessern. 2022 waren weite Flüge keine Seltenheit: 10 Piloten gelangen 23 Flüge über 300 km. Zudem flogen 5 Pilotinnen und 140 Piloten an 59 Tagen 325 Mal weiter als 200 km. Nicht nur die Spitzenpiloten reüssierten, 59 Fliegerinnen und 761 Fliegern glückten nämlich persönliche Rekorde, darunter flogen 8 Pilotinnen und 107 Piloten erstmals weiter als 100 km, sowie 4 Pilotinnen und 40 Piloten erstmals weiter als 200 km. Manchmal zählen für einen persönlichen Rekord auch ein neues Gebiet, die Umgebung, das Licht und die Wolken. Calina Pletosu beschreibt dies in ihrem persönlichen Rekordflug am 31. Juli treffend: "Magnifique vol depuis le Niesen! Ce fut une balade chargée en paysages, souvenirs, beaux nuages, belle lumière et conditions agréables."
Mittelland
Das westliche Mittelland hat sich mit Ausgangspunkt Jura mittlerweile zu einem beliebten Fluggebiet gemausert. Während der Saison gelangen an 36 Tagen mindestens 164 Überquerungen. Einen Genuss im Flachland bot der Sonntag 10. April, denn hinter einer Kaltfront entwickelte sich im Mittelland und über dem Jura phantastische Thermik. 403 von 482 Starts erfolgten im Jura. Von diesem Ausgangsort gelang mehr als 35 Pilotinnen und Piloten die Querung über das Mittelland. Zum Beispiel flog Tobias Bünter vom Weissenstein zuerst nach St-Imier, bevor er über das Flachland ins Engelberger Tal flog. Eine interessante Runde drehte auch Sebastian Benz, flog er doch vom Weissenstein nach Aarau, um dann via Napf Bern südseitig weiträumig zu umrunden. Der Tag zählte zu den besten, summierten sich doch die Flüge auf 32'461 km. Dass Querungen nicht nur im Frühling möglich sind, bewies Martina Hauri am 11. September. Einen Vorstoss ins Flachland machte Sebastian Benz am 4. August. Bei seinem 279 km grossen FAI-Dreieck legte er nämlich den zweiten Wendepunkt beim Murtensee. Im Kommentar zum Flug fragte er sich, ob das mal das Standard Fiesch FAI-Dreieck würde.
Im Norden
Auch der Schwarzwald bietet knapp nördlich der Grenze oft gute Thermik an. Unter anderen wusste Beat Ritzmann dies geschickt zu nutzen, gelangen ihm dort doch einige bemerkenswerte Flüge. Zum Beispiel flog er am 21. August vom Hochblauen mit Umwegen nach Schleitheim im Kanton Schaffhausen. Weiter im Osten segelte Roger Ruppert am 11. Juni mit seinem Archeopterix 468 km über die schwäbische und fränkische Alp. Auch Philipp Steinger machte am 24. Juli mit seinem Aeriane Swift Light electro von Buochs aus einen 348 km grossen Ausflug in den Schwarzwald.
Gute Flugtage
Bei der Traumsaison 2022 fällt auf, dass die Supertage mit Tagessummen über 40'000 km fehlen. Es scheint, dass die Wetterprognosen jeweils eine Auswahl an guten Flugtagen anboten, sodass sich der Flugbetrieb auf verschiedene Tage verteilte. An vier Tagen kletterte die Summe über 30'000 km. Einerseits trieb die Anzahl der Flüge die Summe in die Höhe und anderseits die Weite der Flüge. Ist der Beitrag der weiten Flüge gross, charakterisiert das Tage, an welchen nicht nur den Profis weite Flüge gelingen, sondern auch den talentierten Genusspiloten.
Erstmals herrschten am 25. März vor allem in den Alpen gute Verhältnisse. 407 Flüge summierten sich auf 32'558 km, wovon 20'607 km von 137 100 km-Flügen stammten. Trotz der frühen Jahreszeit gelangen bereits 19 Flüge über 200 km. Der beste Flug realisierte Marcel Schmid mit einem 233 km grossen FAI-Dreieck im Tessin.
Am meisten 200 km-Flüge glückten am 10. Mai, es waren 43 an der Zahl. Total ergaben 372 Flüge 32'840 km, wovon 23'622 km auf Flüge über 100 km entfielen. Der weiteste Gleitschirm-Flug, ein 272 km grosses FAI-Dreieck, realisierte Dominic Rohner in Graubünden.
Ebenfalls als guter Flugtag entwickelte sich der 18. Mai. Während in den Alpen reges Fliegen herrschte – bester war Michael Küffer mit einem 315 km grossen FAI-Dreieck – gelangen im Jura einige bemerkenswerte Flüge: Typischerweise bieten im Jura die hinteren Kreten bessere Thermik als die vorderste. Dieser Erkenntnis folgend flogen einige Piloten auf nördlicher Route über französisches Niemandsland bis nach Bellegarde. Am weitesten nach Westen flog Yves Leu mit 198 km.
Gleich 26 Piloten flogen am 19. Juli aus dem Wallis mehr als 150 km weit nach Osten, am weitesten Christof Richert mit 275 km. So reihte sich auch dieser Tag unter die Besten. Von den total 28'587 km stammten 19'443 km von Flügen weiter als 100 km.
Zuviel versprochen hatte offensichtlich die Prognose für den 24. Juli, lockte sie doch rekordhaft 525 Pilotinnen und Piloten auf Strecke. Ein frühes Ende der Thermik verhinderte wohl viele weite Flüge, einzig vier Piloten der Klasse RW2 flogen weiter als 300 km. Dennoch summierten sich die Flüge auf 35'280 km.
Entscheidung
Die Periode vom 31. Juli bis 4. August war in den meisten Kategorien entscheidend. Während bei den Damen Martina Hauri unangefochten an der Spitze lag, kämpfte sich Martin Muller in der Kategorie Open bis auf 9 Punkte an den führenden Sebastian Benz heran, welcher sich am 4. August nochmals verbessern konnte. Der Sieg in der Kategorie 50plus war ihm hingegen sicher. In der Kategorie Fun&Safety lieferten sich Toni Brügger und Chris Vuille einen harten Kampf, welchen ersterer knapp für sich entscheiden konnte. Bei den Deltapiloten erkämpfte sich Jean-Daniel Kugler den Sieg und bei den Starrflüglern setzte sich Christian Voiblet durch. Schliesslich sicherte sich Philipp Steinger mit zwei 400 km Flügen den Sieg in der Kategorie FAI-2 Rigid Wings.